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Wimbledon oder warten als Tugend

Simon Graf, Tennis-Experte vom «Tages-Anzeiger». bloggt für Sie vom Grand-Slam-Turnier aus Wimbledon. Heute: Die Kunst des Wartens in England.

Vorboten im Tennis-Mekka: Das Zeltlager im Wimbledon Park.
Vorboten im Tennis-Mekka: Das Zeltlager im Wimbledon Park.
Simon Graf

Am Samstagvormittag, über 48 Stunden, bevor der erste Ball gespielt wurde, waren erst vereinzelte Zelte im Wimbledon Park die Vorboten des Tennisturniers. Am Sonntagabend, umrahmt von einem malerischen Sonnenuntergang, waren es bereits über Tausend. Daneben auf dem Rasen wurde Fussball gespielt, man hatte Tennisnetze aufgestellt und simulierte sein eigenes Wimbledon, spielte Karten, diskutierte, stiess mit Plastikkelchen mit Champagner an, musizierte, ass Pizzas oder mitgebrachte Sandwiches. Die Szenerie erinnerte an ein straff durchorganisiertes, gesittetes Woodstock.

Als ich der Idylle fasziniert zuschaute, sprach mich ein Stewart höflich an: «Would you like to join the queue?» Ich bedankte mich für die Frage und verneinte. Ich wollte nur etwas zuschauen, ich sei ein Journalist aus der Schweiz. Ich erkundigte mich bei ihm, ob sich die Wartenden anständig verhalten würden. Er nickte, bis jetzt hätten sie noch keinen Anlass zu Kritik gegeben. Dann setzte er ein ernstes Gesicht auf und betonte: «Wir müssen streng sein, wissen Sie. Barbecues etwa sind auf keinen Fall erlaubt. Nicht auszudenken, wenn ein Zelt Feuer fangen würden.» Und er händigte mir ein 39-seitiges Büchlein, in dem das Verhalten der Ticket-Aspiranten peinlich genau geregelt ist.

Früher schlugen die Tennisfans ihre Zelte auf dem Trottoir an der Church Road auf, inzwischen hat man sie in den Park nebenan verlegt. Das ist erstens weicher, zweitens macht es die Schlange überblickbarer. Und drittens, das fällt mir erst am folgenden Tag bei meinem Weg zur Anlage auf, als die Zelte eingepackt sind, sind sie so gezielter zu bewirtschaften. Der «Daily Telegraph» etwa markiert Präsenz, bietet Lunchpakete inklusive Zeitung an. Andere verkaufen Decken. Natürlich stehen überall Stände für Verpflegung und Getränke.

Ich schaue mir die Broschüre kurz an, wo etwa steht: «Man darf keinen Platz für jemanden anders in der Schlange reservieren. Ausser, wenn dieser kurz fort muss, um auf die Toilette zu gehen oder Getränke zu kaufen.» Oder: «Wer übermässig Alkohol trinkt, verliert seine Berechtigung anzustehen.» Natürlich darf man nicht drängeln. Und nach zehn Uhr abends sind dann auch Ballspiele verboten. So kleinlich das tönen mag, gewisse Regeln müssen wohl sein. Sie scheinen jedenfalls zu garantieren, dass die Tausenden Unermüdlichen, die auf kleinsten Raum zusammen warten, sich in der gegenseitigen Freiheit nicht allzu stark einschätzen.

Je 500 Tickets für Centre Court, Court 1 und 2 plus 6000 «ground tickets» werden täglich vergeben. Je weiter vorne man sich angestellt hat, desto bessere Billette stehen noch zur Auswahl. Die Tradition des Wartens wird von Wimbledon behutsam gepflegt. Sie wertet das Turnier auf. Nicht wer am meisten bezahlt, bekommt einen Einlass. Sondern jener, der bereit ist, dafür Opfer zu bringen. Und ich denke mir: Gerade in einer Zeit, in der man alles überall und sofort haben kann oder muss, sich das Leben in einem Masse beschleunigt hat, dass wir kaum mehr nachkommen, zelebriert Wimbledon das Warten. Ein wunderbarer Anachronismus.

Vielleicht haben die Engländer begriffen, dass man eigentlich ein ganzes Leben lang auf irgendetwas wartet – und die Kunst ist, dass man das, was man in dieser Zeit erlebt, möglichst geniessen sollte.

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