«Wer hat das gesagt? Wahrscheinlich Scharapowa»

Die 18-jährige Belinda Bencic erklärt, wieso sie Freundschaften auf der Profitour für möglich hält. Und sie lässt ihr erfolgreiches Jahr Revue passieren, das sie beinahe in die Top 10 führte und mit einem Fingerbruch jäh endete.

«Also in fünf Jahren spielt Serena sicher nicht mehr!» Belinda Bencic ist überzeugt, dass das Frauentennis im Umbruch ist. Foto: Reto Oeschger

«Also in fünf Jahren spielt Serena sicher nicht mehr!» Belinda Bencic ist überzeugt, dass das Frauentennis im Umbruch ist. Foto: Reto Oeschger

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Sie sind kürzlich aus den Ferien zurückgekehrt. Wie war es?
Traumhaft. Wir waren fünf Tage auf den Malediven und vier in Dubai. Zuerst ­gingen wir tauchen und schnorcheln, ­wir nahmen Massagen, lagen an der Sonne, am Pool, das ganze Programm. In Dubai war es dann städtischer, mit Shopping und so. Ich bin definitiv gut ­erholt. Das waren meine ersten richtigen Ferien ohne Familie und Bezug zum Tennis.

Sie verreisten mit der französischen Spielerin Kristina Mladenovic. Wie kam es dazu?
Wir sind in diesem Jahr beste Kolleginnen geworden. Das kam so: Wir hatten uns schon früher ein paar Mal miteinander unterhalten. Dann spielten wir in s’Hertogenbosch einen richtig guten Match gegeneinander, den ich knapp ­gewann. Wir blieben in Kontakt, und ich fragte sie, ob sie in Washington mit mir Doppel spielen wolle, weil ihre Doppelpartnerin Timea Babos nicht dort war. Sie sagte: «Okay, gerne.» Während des Turniers lernten wir uns besser ­kennen. Und schnell merkten wir, dass wir ähnlich denken, auf der gleichen Wellenlänge sind. Wir reden auch viel über Jungs. Normale Dinge halt, über die sich Mädchen unterhalten.

Apropos Jungs. Der Deutsche ­Alexander Zverev war auf den ­Malediven auch dabei.
Ja, er sagte, er gehe zur gleichen Zeit. Also schlug ich vor, dass wir alle zusammen verreisen. Ich kenne ihn, seit ich sechs war. Wir sind ja gleich alt, und ich trainierte mit ihm an der Bollettieri-­Akademie. Unsere Wege kreuzten sich oft bei den Junioren, und nun auch bei den Profis. Viele wunderten sich, dass er mit uns auf den Malediven war. Aber ich kenne ihn eben schon länger, und Kiki ist auch mit ihm befreundet.

Es wird doch gesagt, auf der Frauentour seien keine Freundschaften möglich ...
... wer hat das gesagt? Wahrscheinlich Scharapowa. Oder Bouchard? Ich sehe das nicht so. Wenn man das ganze Jahr auf der Tour zusammen ist, an ­jedem Turnier die gleichen Leute sieht, darf man auch einmal «Hallo» sagen. Man muss nicht mit jedem befreundet sein, aber Small Talk sollte mit allen möglich sein. Man sollte nicht so tun, als kenne man sich nicht. Ich glaube, wir Jungen sind da lockerer.

Sie veröffentlichten Ferienfotos auf den sozialen Medien. Was geben Sie preis von sich, und wo ziehen Sie die Linie?
Ich finde Instagram, Facebook und Twitter cool, weil man dadurch die Fans auf dem Laufenden halten kann. Nicht nur darüber, was das Tennis betrifft. Ein ­gewisses Privatleben will ich mir schon bewahren. Aber ich finde es kein Problem, zu zeigen, wenn ich in einer Stadt Sightseeing mache. Oder wenn ich ein Sponsorenshooting habe. Solche Dinge teile ich gern mit den Leuten. Und es kommt auch etwas zurück. Je besser mich die Leute kennen, desto mehr Fans habe ich, und desto beliebter bin ich. Das merkt man an den Turnieren.

«Ich hatte schon acht Fahrstunden und war bereits auf der Autobahn. Ich erkenne Situationen vom Tennis her früh.»

Vor dem Abflug in die Ferien ­beantworteten Sie auf Twitter Fragen von Fans. War das eine spontane Aktion?
Ja. Mir war langweilig, als ich auf den Flug wartete. Ich dachte, wieso nicht? Es kamen viele interessante Fragen. Aber natürlich kann man auswählen, was man beantwortet. Die dummen Fragen übersah ich. (lacht)

Merken Sie, dass Sie als Topspielerin inzwischen einen anderen Status ­haben?
Das internationale Medieninteresse ist sicher gestiegen. Man kennt mich nun. Ich habe mehr Follower auf Twitter, und meine Fotos stossen auf mehr Interesse. Aber es ist nicht so, dass ich mich deshalb spezieller fühle als andere.

Vor einem Jahr sagten Sie, Ihre Unterschrift sei noch nicht so ­ausgereift. Und jetzt?
Sie ist immer noch ein bisschen ­komisch. Wenn sich am Court viele Leute drängen und ich mich beeilen muss, schreibe ich einfach BB und zeichne ein Smiley.

Sie sind nun 18 und dürfen ­Fahrstunden nehmen. Wie weit sind Sie?
Ich hatte schon acht Fahrstunden und finde, ich kann gut fahren. Ich war ­bereits auf der Autobahn. (Zu ihrem ­Vater) Gäll, ich fahre gut? (Er nickt.) Ich hoffe, dass ich den Fahrausweis noch Ende November schaffe vor der IPTL (den Schauturnieren in Asien). Ich habe einen super Fahrlehrer, es macht mega Spass. Er sagt, ich erkenne die Situationen vom Tennis her relativ früh. Das ist sicher ein Vorteil.

Es war sportlich wieder ein erfolgreiches, turbulentes Jahr für Sie. Was bleibt Ihnen in Erinnerung?
Ganz klar meine Titel in Eastbourne und Toronto. Und natürlich sticht mein Sieg gegen Serena (Williams) in Toronto heraus. Der wird mir immer in Erinnerung bleiben. Man kann gegen Serena 6:0, 5:0 führen und ist sich immer noch nicht ­sicher, dass man gewinnt. Als ich im ­dritten Satz 5:1 vorne war, glaubte ich noch nicht recht daran. Als ich den Matchball verwertet hatte, war ich ­überwältigt.

Die Saison teilte sich für Sie in zwei Hälften. Bis und mit dem French Open schienen Sie Mühe zu haben, danach reihten Sie Sieg an Sieg. Wie erklären Sie sich das?
Es lief Anfang Saison nicht super, aber auch nicht schlecht. Einfach normal. Und gleich wurde überall von Krise geredet. Ich verlor einfach ein paar Matches nacheinander, auch gegen gute Spielerinnen. Auf Rasen gewann ich dann ein, zwei Spiele, dann kam ich auf eine Welle, stieg auch das Selbstvertrauen. Plötzlich lief es, wusste ich ­genau, was ich gegen welche Gegnerin tun muss.

Hätten Sie im Final von Tokio Agnieszka Radwanska geschlagen, wären Sie in die Top 10 gekommen. Trauern Sie dem noch nach?
Ich wäre die Nummer 7 geworden. Aber nein, dem traure ich nicht nach. Sie spielte hervorragend, ich hatte keine grosse Chance in jenem Match. Das muss man auch akzeptieren können.

Stimmt der Eindruck, dass Sie im Verlauf des Jahres eine andere Spielerin geworden sind? Sie waren als Konterspielerin bekannt, nun bestimmten Sie vermehrt die Ballwechsel. ­Einverstanden?
Absolut. Das war immer der Plan gewesen. Aber man kann nicht erwarten, dass man mit 16, 17 Jahren Serena auf dem Platz herumjagt. Ich bin kräftiger geworden und habe noch mehr Sicherheit in meinen Schlägen. Das erlaubt es mir, mehr zu probieren und offensiver zu spielen. Daran arbeiten wir gezielt. Aber ich spiele kein Risikotennis wie Scharapowa, die stets den Winner sucht. Ich versuche, den Ball zuerst einmal ins Feld zu spielen und im Verlaufe des Ballwechsels etwas zu kreieren. Ich schlage nicht einfach drauf, sondern probiere, intelligent zu spielen und zu variieren.

Von Ihren gleichaltrigen Konkurrentinnen auf der Juniorentour haben Sie alle hinter sich gelassen. Wie erklären Sie sich das?
Mein Jahrgang (1997) ist ein guter, wir haben ja nun vier Spielerinnen in den Top 100 (nebst ihr: Kasatkina, Ostapenko, Konjuh). Ich habe den Übergang zu den Profis am schnellsten geschafft. Aber die anderen kommen schon auch.

Wieso haben Sie den Übergang schneller geschafft?
Ich habe sicher ein gutes Umfeld. Schon bei den Junioren hatte ich einen Physiotherapeuten dabei, blieb so verletzungsfrei. Der Fingerbruch vom Herbst ist nun meine erste Verletzung. Und ich würde auch ­sagen, dass mein Spiel besser zum ­Profitennis passt. Die anderen spielen eher noch Juniorentennis, haben mehr Schwankungen. Ich bin konstanter.

Wie sieht die Weltspitze in fünf Jahren aus, wenn Serena Williams vielleicht nicht mehr spielt?
Also in fünf Jahren spielt Serena sicher nicht mehr! (lacht) Es wäre extrem, wenn sie dann noch dabei wäre. Und ­Venus (Williams) und Scharapowa ­werden auch nicht ewig spielen. Also muss ­jemand nachkommen. Die neue Generation klopft an. Aber wer in fünf Jahren vorne mitspielen wird, ist schwer zu ­sagen. ­Sicher muss man mit Muguruza rechnen, die ja schon ein bisschen älter ist.

Wenn beispielsweise Chris Evert sagt, es sei nicht die Frage, ob Sie ein Grand-Slam-Turnier gewinnen, sondern nur, wann Sie es erstmals schaffen, was löst das in Ihnen aus? Hören Sie das gern? Oder ­beschwichtigen Sie?
Natürlich ehrt mich das. Aber man darf das auch nicht zu ernst nehmen. Wenn eine andere gut spielt, wird auch bei ihr schnell gesagt, sie werde Grand Slams gewinnen. Doch das muss man zuerst auf dem Platz zeigen. Es gab in jeder ­Generation super Spielerinnen, die es nicht bis ganz nach oben schafften.

Sie sind eine Frohnatur. Hilft Ihnen das im Tennis, wo man die meisten Wochen als Verliererin beendet?
Natürlich nervt es mich, wenn ich verliere. Ich bin dann ein, zwei Tage nicht so gut gelaunt. Aber ich schaue schnell nach vorne. Das wurde mir so beigebracht, entspricht aber auch meinem Naturell.

«Es freut mich, dass hier das Interesse am Frauentennis gestiegen ist. Wir könnten im Fed-Cup Hallen füllen.»

In diesem Jahr erreichte auch Timea Bacsinszky neue Höhen. Schaukelten Sie sich gegenseitig hoch?
Ob sie vor oder hinter mir ist, ändert für mich nichts. Aber für den Fed-Cup und fürs Schweizer Tennis ist es natürlich super, dass wir zwei Spielerinnen haben, die an der Spitze mitspielen. Im Fed-Cup können wir etwas reissen. Zumal wir ja noch Martina (Hingis) im Doppel haben.

Wie gut kennen Sie Bacsinszky?
Wir sehen uns an den Turnieren und trainieren dort auch ab und zu miteinander. Aber in der Schweiz haben wir kaum Kontakt. Stefanie Vögele oder Amra Sadikovic kenne ich besser.

Ist der Fed-Cup also das nächste Jahr ein Ziel?
Gegen Deutschland werde ich sicher spielen. Es freut mich, dass das Interesse am Frauentennis in der Schweiz gestiegen ist dank Timea und mir. Wir könnten im Fed-Cup sicher Hallen füllen.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie an 2016 denken?
Auf alle Turniere. Ich vermisse den Wettkampf bereits. Im Internet schaute ich mir viele Matches der Finalturniere in Singapur und Zhuhai an. Am meisten freue ich mich auf die Rasensaison. Als die vorbei war, dachte ich: Oh nein, jetzt muss ich ­wieder ein Jahr warten!

Erstellt: 19.11.2015, 10:06 Uhr

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Im Team von Djokovic

Nachdem sich Belinda Bencic 2014 bei den Profis etabliert hatte, ging ihre Entwicklung dieses Jahr rasant weiter. Sie verbesserte sich von Rang 33 auf 14 und feierte in Eastbourne und Toronto ihre ersten WTA-Titel. Mit Timea Bacsinszky und drei anderen Spielerinnen steht sie zur Wahl der Spielerin mit den grössten Fortschritten 2015. Die Saison ging für sie Anfang Oktober in Peking abrupt zu Ende – mit einer Fingerfraktur an der Schlaghand. Sie trainierte deshalb mit links, ehe sie vor einer Woche das Racket wieder in die rechte Hand nahm. Ihre Zeit in der Schweiz nützte sie auch für Sponsorentermine, für Cornèrcard («Belinda Tennis Talents») trainierte sie in Basel Jugendliche. Dort fand auch dieses Interview statt. Bald geht es für Bencic weiter: Vom 2. bis 20. Dezember tourt sie für eine Schauliga (IPTL) durch Asien – im Team von Novak Djokovic. (sg.)

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