«Wo immer Federer sich engagiert, wird er Weltmeister sein»

Manager Tony Godsick spricht über die Ära nach Roger Federer, 13'000-Dollar-Tickets für den Laver-Cup und seinen Sohn Nicholas.

Noch ist er der globale Tennisstar: Roger Federer mit Fans in Genf.

Noch ist er der globale Tennisstar: Roger Federer mit Fans in Genf. Bild: Keystone

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Tony Godsick ist keiner, der gerne oder häufig Interviews gibt. Der 48-jährige Amerikaner ist inzwischen nicht nur Manager und Geschäftspartner von Roger Federer, sondern auch der Vorsitzende des Laver-Cups, dessen dritte Austragung in Genf stattfindet (20 bis 22. September). Das Gespräch findet im Palais ­Eynard in Genf statt, wo er mit Federer und Björn Borg, dem Captain des europäischen Teams, den Anlass lanciert. Borg, der im gleichen Raum ein Kurzinterview gegeben hat, kommt vorbei und sagt: «Sorry für die Störung». Godsick winkt ab: «Schon gut. Du hast elf Grand-Slam-Titel, nicht ich.»

Was denken Sie: Wie lange spielt Roger Federer noch?
Ich habe ihn das auch schon oft gefragt. Ich würde es ebenfalls gerne wissen, als sein Manager. Ich sagte: Gib mir eine Idee, damit ich mich vorbereiten kann, ich behalte es für mich. Aber er weiss es selbst nicht.

Was sagt Ihnen Ihr Gefühl?
Dass er so lange weiterspielt, wie er gesund ist, Spass hat und Mirka und die Kids glücklich sind. Das ist für ihn das Wichtigste: Mirka und die Kinder. Man muss verstehen, dass es absolut unglaublich ist, was er im Tennis momentan vollbringt. Er hat vier Kinder, ein aktives philanthropisches Leben, reist um die Welt, um seinen Sport zu promoten und muss härter als andere trainieren, weil er älter ist. Er hat viele Sponsoren, für die er viel macht, auch für den Laver-Cup. Er ist zweifellos auf den zweiten neun Löchern der Karriere. Hoffentlich noch nicht am 18. Loch, aber am 16. oder 17.

Was wird Federer tun, wenn er einmal zurückgetreten ist?
Er ist ein engagierter Vater und Ehemann, wird gerne zu Hause sein, den Kindern beim Sport zuschauen, sie in die Schule bringen und solche Sachen. Er wird sich mit seiner Foundation beschäftigen, die weiter wachsen wird. Er hat viele langfristige Sponsoringverträge, und ich könnte mir vorstellen, dass er mit diesen und anderen Firmen, die er mag, weitermachen wird. Wir involvieren seine Partner nicht in sein Leben, aber er weiss, dass er ein Teil dieser Firmen ist, und will vielleicht künftig noch mehr für sie tun.

Wie wird sich seine Rolle in Ihrer gemeinsamen Agentur Team8 entwickeln?
Das ist offen. Er ist zwar ein Geschäftspartner, aber momentan nur ein Kunde, auch wenn ich ihn oft um seine Meinung frage. Ich hoffe, dass er noch mehr mit dem Laver-Cup zu tun haben wird. Wir wollen auch weitere Anlässe durchführen. Vielleicht werden wir einige Events erstehen…

Wo Roger Federer spielt, ist meist Tony Godsick (links oben) nicht weit, und vielfach ist auch sein Sohn Nicholas (rechts unten) dabei, wie hier 2017 beim Turnier in Wimbledon. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

… wie die Swiss Indoors?
(überlegt) Ich kenne das Geschäft der Swiss Indoors zu schlecht, um zu wissen, ob das interessant wäre. Ich bin aber froh, dass sie so attraktiv und erfolgreich sind. Roger Brennwald hat seit 35, 40 Jahren die grössten Stars nach Basel geholt. Es ist wichtig, dass das so bleibt.

In einem Interview in den USA spekulierten Sie, dass Federer nach dem Rücktritt noch ­erfolgreicher sein könnte als im Tennis. Das dürfte schwierig sein, mit 20 Majortiteln...
Dieses Gefühl habe ich tatsächlich. Klar: 20 Grand Slams zu ­gewinnen ist in der Tennis­geschichte der Männer einmalig. Aber Roger ist klug, geduldig und fähig, komplexe Situationen zu erfassen und mit einer einfachen Lösung oder einem guten Rat zu kommen, was sehr schwierig ist. Wo immer er sich mit Leib und Seele engagiert, wird er ein Weltmeister sein. Wenn auch nicht in Bezug auf Trophäen. Er ist ein erfolgreicher Vater, ein erfolgreicher Ehemann, die Sponsoren mögen ihre Beziehungen zu ihm. Ich bin froh, ein Teil seiner Zukunft zu sein und erleben zu können, was herauskommt.

Sprechen wir vom Laver-Cup. Kurz nach Beginn des offiziellen Vorverkaufs kosteten die billigsten verfügbaren Drei­tageskarten fast 1000 Franken. Von den billigsten Tickets für 250 Franken gab es sogleich keine mehr. Wie kam das?
Es gab einige Vorvorverkäufe, und die günstigsten Tickets gehen immer als erste weg. Die Nachfrage war erfreulich. Dass wir schon Mitte Februar einen Anlass ausverkaufen konnten, der im September stattfindet, ist ein gutes Zeugnis für die Attraktivität der Spieler und Coachs, die kommen werden, und auch für das Konzept. Die Schweiz, speziell der französischsprachige Teil, haben das Tennis und den Davis-Cup immer unterstützt.


Video: «Volltreffer» am Laver-Cup

Statt den Ball ins Feld zu spielen, traf Novak Djokovic seinen Mitspieler: Roger Federer. Video: SNTV via AP


Wurden die Ticketpreise im Vergleich zu den ersten zwei Laver-Cups angehoben? Die teuersten Karten kosten über 13’000 Franken.
Sie sind grundsätzlich gleich wie in Chicago, wo es gegenüber Prag einen Sprung gab. In Genf boten wir noch einige günstigere Tickets an, um die Nachfrage sicherzustellen. Von den teuersten Plätzen gibt es sehr wenige, in der ersten Reihe mit der besten Hospitality. In Chicago gingen diese sofort weg.

Wie rechtfertigen Sie diese hohen Preise?
Das Spezielle am Laver-Cup ist, dass wir fünf Sessionen anbieten, in drei Tagen und mit zwölf Partien. An anderen Anlässen weisst du nicht, wann ein bestimmter Star spielen wird. Für wann kaufst du also ein Ticket? Für den Montag? Den Dienstag? Den Final? Unsere Idee ist, dass du ein Wochenende am Laver-Cup verbringst und Teil der ganzen Story bist. Und wenn du dir nicht jede Partie anschauen kannst, teilst du deinen Platz mit Freunden oder deiner Familie.

Wie hoch ist das Budget?
Das ist vertraulich. Aber was ich Ihnen sagen kann: Wir haben ein sehr grosses Budget, es ist ja auch ein grosser Anlass.

Grösser als jenes der Swiss Indoors, die mit knapp 20 Millionen Franken der teuerste regelmässig stattfindende Sportanlass der Schweiz sind?
Ja. Die Swiss Indoors sind ein sehr gutes Turnier, aber sie lassen sich nicht mit dem Laver-Cup vergleichen. Wir haben über 17'000 Plätze und müssen das Stadion in der Palexpo-Halle selber bauen, inklusive LED-Beleuchtung und allem. Deshalb ist das Budget auch grösser als in Prag und Chicago. Zudem bezahlen wir die Teilnehmer mit am besten. Es gibt Startgelder für alle zwölf Spieler, zwei Captains, zwei Assistenzcaptains und je einen Ersatzspieler, dazu 250'000 Dollar Preisgeld für jedes Mitglied der siegreichen Mannschaft. Weil die Teams so klein sind, versuchen wir, die Spieler zu verwöhnen. Sie sollen ihre Familien und Gäste bringen und eine tolle Erfahrung haben.

Egal, was es kostet?
Wir streben schon ein profitables Event an. Im ersten Jahr in Prag haben wir Geld verloren, in Chicago waren wir bereits profitabel, und das erwarten wir auch in Genf. Aber das ist nicht unser primäres Ziel. Das Ziel ist, längerfristig etwas aufzubauen, Wurzeln zu schlagen und eine Plattform zu bauen, die die Leute verstehen, die den Fans, Sponsoren und Spielern gefällt. Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Zudem haben wir erstklassige Sponsoren. Rolex ist ja der Founding Partner und kommt aus Genf. Wir möchten einen Anlass produzieren, wie ihn die Schweiz noch nie gesehen hat. Zumindest im Tennis – aber vielleicht auch, was andere Sportanlässe betrifft.

Wie hoch sind die Startgelder?
Die richten sich nach einer Skala, die nicht publiziert wird. Die Weltrangliste am Montag nach dem French Open entscheidet, wer wie viel erhält. Es gibt keine Verhandlungen, wie auf der ATP-Tour. Die ersten drei Spieler Europas und vom Rest der Welt sind direkt qualifiziert, drei weitere Spieler werden von den Captains gewählt.

Wawrinka ist nach seiner Verletzung kein Top-30-Spieler mehr, in Genf aber weiterhin ein Superstar...
(unterbricht) ...nicht nur in Genf – auf der ganzen Welt, mit drei Grand-Slam-Titeln.

Hat der Laver-Cup an ihm deshalb ein spezielles Interesse?
Natürlich, denn wir wollen ja die besten Spieler. Der Entscheid liegt beim Captain. Und auch ohne grosses Startgeld kann man am Laver-Cup gut verdienen, sofern man zum Siegerteam gehört. Mein Gefühl ist – und ich weiss es, weil ich schon so lange im Geschäft bin – dass die finanzielle Kompensation für die Spieler fair ist und perfekt funktioniert. Stans Verletzung war nicht gut für das Tennis, und auch nicht für sein Ranking. Wir hoffen, dass Borg das bestmögliche Team selektioniert und dass Stan spielen will.

Ihr Ziel war es, ein Pendant zum Ryder-Cup der Golfer zu schaffen. Dort erhalten die Spieler aber kein Preisgeld, es geht nur um das Prestige.
Dafür erhält jeder eine grössere Summe, die er für wohltätige Zwecke einsetzen kann. Es geht aber auch bei uns nicht nur um das Geld, auch wenn Sie das jetzt so darstellen. Um fair zu sein: Der Ryder-Cup entstand 1927, wir dagegen sind ein Anlass ohne Geschichte, wir müssen sie zuerst kreieren. Wenn wir den Spielern sagen würden: Hey, da geht es um Rod Laver, gebt uns drei oder vier Tage eurer Zeit umsonst – das wäre nicht realistisch. Aber wir sind jetzt an einem Punkt, an dem die Spieler nicht wegen des Geldes spielen. Gehen Sie hin und fragen Sie sie! Sie mögen es, sich gegenseitig auszutauschen, und dass Rivalen Teamgefährten werden können.

Wird der Anlass einst ohne Federer überleben können?
Was geschah, als Agassi und Sampras abtraten? Viele dachten, Tennis wäre nicht mehr aufregend, es gäbe keine Rivalitäten mehr – und plötzlich kamen Federer und Nadal. Roger ist ein aussergewöhnlicher Spieler, eine globale Ikone, er verkauft Tickets. Aber es wird immer eine neue Nummer 1 geben, es wird immer jemand die Trophäen gewinnen. Und das Schöne ist: Diese nächste Generation der Spieler nimmt bereits am Laver-Cup teil und weiss, worum es geht. Und ich kann mir vorstellen, dass Roger einst Captain wird, dass Rafa einst Captain wird, dass Novak (Djokovic) einst Captain wird. Die Stars werden involviert sein. So wird Rod Laver in Genf sein, hoffentlich auch Emerson, Rosewall und weitere grosse Namen.


Video: Und sie hören nicht mehr auf zu lachen

Federer und Nadal sind zwar Rivalen, aber sie können auch zusammen lachen: Verpatze Filmaufnahmen für einen Werbespot aus dem Jahr 2010. Quelle: Dailymotion


Sorgen Sie sich nicht um das Tennis nach Federer?
Es wird immer neue Stars geben, auch nach Roger. Und mit den sozialen Medien werden Spieler heute schneller zu Stars. Sie könnten auch fragen: Werden die Grand Slams noch grossartig sein ohne die heutigen Stars? Natürlich! Es wird neue Stars geben. Und zu jenem Zeitpunkt dürfte der Laver-Cup schon gut verankert sein.

Warum kamen Sie von der Idee ab, ihn in Jahren mit Olympischen Sommerspielen wie 2020 ausfallen zu lassen?
Aus diversen Gründen. Aber vor allem: Weil es ihm sehr gut geht. Wir hatten viel investiert zu Beginn, sprachen zu Spielern und Sponsoren und fragten uns: Warum sollten wir ihn ein Jahr ausfallen lassen? Wir belegen nur drei Tage im Jahr. Und die Städte, in denen er bisher stattfand, waren alle einfach zu erreichen. Darum sagten wir: Wir machen weiter. Und ich kenne keinen Spieler, der sich daran stört.

Die Idee des Laver-Cup war es, das Tennis zu feiern, Spieler zusammenzubringen. Nun betrachten ihn viele als zusätzliche Verkomplizierung der Tennissaison, in der auch der neue Davis-Cup und der neue ATP-World-Cup ihren Platz suchen und beanspruchen.
Diese These ist konstruiert. Den ATP-Cup gab es früher schon, vor dem French Open, als World Team Cup. Und der Davis-Cup ist sogar besser jetzt, weil er nur noch zweimal im Jahr stattfindet. Das einzig Neue ist der Laver-Cup. Und das Gute am Tennis ist doch, dass du immer die Möglichkeit hast zu spielen. Du brauchst nicht, aber du kannst. Die Frage ist doch: Ist der Laver-Cup gut für das Tennis und hilft er, es weltweit wachsen zu lassen? Die Antwort ist Ja. Die Leute mögen ihn, er funktioniert.

Vor einem Jahr kritisierten Sie, dass jeder im Profitennis nur seine Interessen vertrete. Sehen Sie das nun anders?
Im Tennis herrscht momentan etwas Chaos – und Chaos schafft Möglichkeiten. Ich hoffe, dass dieses Chaos dafür sorgt, dass die wichtigen Leute zusammenkommen und entscheiden, wie wir die gesamte Sportart weiterbringen – Männer, Frauen, der Internationale Verband… Das Tennis muss sich gegen andere Sportarten behaupten im Kampf um die Sponsorengelder. Wenn du Sponsoren- und TV-Einnahmen verlierst, wirkt sich das auf die gesamte Sportart aus.

In dieser möchte irgendwann auch Ihr Sohn Nicholas sein Geld verdienen. Wo steht er?
Bei den U-14 ist er die Nummer 18 der USA. Er kann nun acht Wochen im Verbandszentrum in Orlando trainieren. Nico spielt, seit er drei ist, und wurde durch Roger und Mary Joe (Godsicks Frau) inspiriert. Ich hoffe, dass er zumindest ein guter College-Spieler wird. Wir haben die Bildung stets an erste Stelle gesetzt.

Erstellt: 20.02.2019, 11:36 Uhr

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