Wo sind die Tennishelden für die Township-Kinder?

Der «Match in Africa» war ein Erfolg. Er täuscht aber darüber hinweg, dass es keine schwarzen südafrikanischen Tennisprofis gibt.

Ein Besuch im Township Langa deutet an, weshalb es keine schwarzafrikanischen Tennisprofis gibt. (Bild: Adrian Ruch)

Ein Besuch im Township Langa deutet an, weshalb es keine schwarzafrikanischen Tennisprofis gibt. (Bild: Adrian Ruch)

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Über 80 Prozent der Südafrikaner sind schwarz, nur etwa 8 Prozent weiss. Und doch sind alle Spitzentennisspieler, welche die Regenbogennation bisher hervorgebracht hat, weisser Hautfarbe. «Es stimmt, Tennis ist ein Sport der Weissen», sagt Tony Loubser und fügt an: «Es ist mein Job, dies zu ändern.» Er ist Vorstandsmitglied von Tennis South Africa (TSA) und beim Verband verantwortlich für das Ressort Transformation und Entwicklung. An diesem Mittwoch sitzt Loubser, selber dunkelhäutig, im kleinen Tennisentwicklungscenter 3 Anchor Bay im Stadtteil Green Point. Er verteilt im Clubhaus bestellte Tickets für den «Match in Africa». Auf den zwei Plätzen werden Jugendliche für den Grossevent zu Ballkindern ausgebildet.

Tennis im Township, das tönt verrückt. Gibt es aber. (Bild: Adrian Ruch)

Das Ziel von TSA ist, allen Bevölkerungsschichten den Zugang zum Tennis zu ermöglichen. Doch das ist ein hohes, vielerorts wohl sogar unrealistisches Ziel. Zum einen gibt es in Afrika immer noch viele Menschen, die quasi vom Rest der Welt abgeschnitten sind. «Ich war vor paar Jahren in Sambia an einigen Schulen, da wussten die Leute nicht einmal, was Tennis ist», erzählt Roger Federer. Zum anderen leben gerade in Südafrika Unzählige auf engstem Raum in Wohnsiedlungen. Gerade in diesen Townships müsse eine bessere Infrastruktur geschaffen werden, fordert Loubser.

Fünfzig Morde und zwei renovierte Tennisplätze

Tennis im Township, das tönt verrückt. Aber das gibt es tatsächlich, wie ein Besuch in Langa, unweit des Flughafens, zeigt. «Sport spielt eine grosse Rolle, gerade wenn es darum geht, die Kinder von der Strasse zu holen. Denn wir haben gravierende Probleme mit Drogen und Alkoholmissbrauch, Gangs und Kinderschwangerschaften», erläutert die Fremdenführerin Zuzeka Mashya. Trotzdem sagt die junge Frau, Langa sei aufgrund der sozialen Kontrolle ziemlich sicher. Das ist relativ, die offizielle Statistik weist für 2019 50 Morde, 36 Mordversuche sowie 58 gemeldete Sexualdelikte aus. Und das bei einer Bevölkerungszahl, die mit geschätzten 80 000 nur unwesentlich höher ist als jene St. Gallens.

«Wir haben gravierende Probleme mit Drogen und Alkoholmissbrauch, Gangs und Kinderschwangerschaften.»Zuzeka Mashya, Fremdenführerin

Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Haushalts in Langa beträgt 160 Franken, die Arbeitslosenquote 58 Prozent. Doch auch innerhalb des Townships gibt es eine Mehrklassengesellschaft; die Ärmsten leben in Wohnheimen oder in Bretterbuden mit Wellblechdach. Diese Leute zahlen keine Miete und nichts für das Wasser aus dem Gemeinschaftsbrunnen. Andere wohnen in gemauerten Häusern mit fliessendem Wasser, wenige haben sogar ein Auto.

Der Langa Tennis Club ist von einem hohen, oben mit Stacheldraht versehenen Zaun umgeben. Wer durch die Türe schreitet, erlebt eine Überraschung: Die beiden Plätze verfügen über einen makellosen grünen Belag und neue Netze. Die Courts seien im Dezember 2019 auf Kosten der Stadt Kapstadt renoviert worden, sagt Siphelo Guwa. Die Kinder, die ausnahmsweise auch am Donnerstag zum Training erscheinen, wirken gepflegt. Doch Vereinspräsident Guwa relativiert den ersten Eindruck, indem er festhält, er wolle kein schönes Bild zeichnen, sondern die Realität aufzeigen. Und Schwierigkeiten gebe es genug.

Ein zukünftiger Star? (Bild: Adrian Ruch)

«Die Kids werden am Samstag nie an ein Turnier begleitet»

Ein Clubhaus gibt es nicht. Der Verein verfügt in einem Gebäude, das heruntergekommene öffentliche Duschen beherbergt, über einen kleinen Materialraum. Alte Schläger, Bälle und vieles mehr liegen am Boden auf einem Haufen. Daneben stehen grosse Säcke mit Plastik- und Glasflaschen. Das Depot soll dem Club zugutekommen. Die gesammelten Aluminiumbüchsen wurden gestohlen. Guwa verweist zudem auf ein Basketballfeld mit kaputten Körben, auf dem vier Buben Bälle über ein mobiles Netz schlagen.«Wir hoffen darauf, einen dritten Court zu bekommen, dann könnten wir Meisterschaftsspiele austragen.» Leider fehle die Unterstützung der Gemeinschaft. «Zudem möchten wir in die Schulen gehen, die Kinder dort spielen lassen und so Werbung fürs Tennis machen», sagt er. Aber auf die Bewilligung des Departements für Kultur und Sport warteten sie schon lange.

«Wenn es etwas kostet, nehmen die Leute die Sache ernster.»Siphelo Guwa, Vereinspräsident

Das grösste Problem ortet er indes im Lebensstil der Menschen in Langa. «Die Kids werden am Samstag nie an ein Turnier begleitet. Wir müssen die Eltern überzeugen, mehr Verantwortung zu übernehmen.» Der Club erhebt seit kurzem eine Monatsgebühr von 50 Rand (3.30 Franken). «Wenn es etwas kostet, nehmen die Leute die Sache ernster», begründet der initiative Präsident. Die Atmosphäre auf der Anlage ist herzlich, die Spielfreude der Kinder gross, das Niveau bescheiden. Coach Khaya Nadela, ein älterer Herr mit schlechten Zähnen, erzählt, dreimal pro Woche werde trainiert. «Die Junioren machen Fortschritte, aber nur sehr langsam.»

Siphelo Guwa, der Vereinspräsident im Township Langa. (Bild: Adrian Ruch)

Federer ist bezüglich Tennis in Townships skeptisch

Auch Verbandsmann Loubser zählt etliche Probleme auf, er sieht aber Fortschritte. «Wir machen es noch nicht richtig, aber ich glaube, wir haben den richtigen Weg eingeschlagen.» Drei begabte Buben aus Khayelitsha, einem anderen Township, trainieren täglich im Tennisentwicklungscenter. Laut Loubser ist es das Ziel, dass sie gut genug werden, um ein Tennisstipendium an einer US-Universität zu bekommen. «Denn die Kinder aus den Townships brauchen eigene Helden.»

Federer ist bezüglich Tennis in Townships eher skeptisch. «Profisportler aus Townships wird es immer eher im Fussball, Rugby oder Cricket geben, denn dort ist es simpler, du brauchst nur einen Ball und allenfalls noch einen Stock. Doch sollte tatsächlich aus einem Township ein Tennisstar hervorgehen, würde das unglaubliche Wellen werfen. Aber es ist noch ein sehr weiter Weg.»



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Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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Erstellt: 10.02.2020, 11:26 Uhr

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