Zerstört wie eine Sandburg

2:6, 3:6, 1:6 – Stan Wawrinka war im Paris-Final gegen Rafael Nadal erstaunlich chancenlos.

Zertrümmertes Racket, zertrümmerte Hoffnungen – auch Stan Wawrinka fand kein Rezept, wie Muskelprotz Nadal in einem French-Open-Final zu schlagen wäre. Foto: Adam Pretty (Getty)

Zertrümmertes Racket, zertrümmerte Hoffnungen – auch Stan Wawrinka fand kein Rezept, wie Muskelprotz Nadal in einem French-Open-Final zu schlagen wäre. Foto: Adam Pretty (Getty)

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Man wähnte sich zurückversetzt in die Zeiten, als Roger ­Federer Jahr für Jahr versuchte, Rafael Nadal in seinem Reich zu schlagen – und jedes Mal scheiterte. An guten Tipps hatte es auch Stan Wawrinka nicht gemangelt. Aggressiv spielen, sich nicht auf zu viele Crosscourt-Duelle mit Nadals Vorhand einlassen, ihn in die Defensive drängen. So weit die Theorie. Doch wenn man sich dann auf dem riesigen Court Philippe Chatrier dem spanischen Muskelprotz gegenübersieht und einem dessen Vorhandbälle mit 60 Umdrehungen pro Sekunde entgegen­brausen, werden die guten Vorsätze weg­gespült wie eine Sandburg vom Meer.

Ähnlich wie Federer 2008

«Beschenkt uns!», hatte «L’Equipe» in ihrer Sonntagsausgabe von den beiden Finalisten gefordert. Wawrinka hätte noch so gerne zu einem weiteren ­spektakulären Match beigetragen, wie es sein viereinhalbstündiger Marathon gegen Andy Murray gewesen war. Doch er hatte an diesem Tag auf diesem Court gegen diesen Gegner schlicht nicht die Mittel dazu. Eine gute Viertelstunde dauerte es, bis Nadal den Schweizer in den Ballwechseln da hatte, wo er ihn ­haben wollte. Wawrinka fühlte sich unwohl, hatte mit seiner einhändigen Rückhand Mühe mit dem Spin des ­Spaniers und schaffte es kaum, gegen ihn zu punkten.

Infografik: Wawrinkas Grand-Slam-BilanzGrafik vergrössern

Es war eine ganz andere Partie als im ­Final von Melbourne 2014, als der Aussenseiter fulminant aufgespielt, gegen ­Nadal Winner aus allen Lagen geschlagen hatte. Nach 2 Stunden und 5 Minuten war Wawrinka erlöst, wenn man dem so sagen darf, stand das 2:6, 3:6, 1:6 fest. Immerhin hatte er noch zwei Games mehr geholt als Federer 2008 bei seiner klarsten Pariser Niederlage gegen Nadal (1:6, 3:6, 0:6). Doch Federer hatte seinem Erzrivalen in drei Finals (2006, 2007, 2011) immerhin einen Satz abgenommen. ­Davon war Wawrinka weit entfernt.

Die Siegerehrung brachte der ­Romand mit Anstand hinter sich. «Es gibt nicht viel zu sagen», bemerkte er in Richtung seines Bezwingers. «Du warst einfach zu gut. Aber es ist immer eine Ehre, gegen dich zu spielen. Du bist ein Vorbild für alle.» Dann bedankte er sich noch für den Support des Publikums. «Das Einzige, was mich ein bisschen ­lächeln lässt, ist, euch alle zu sehen. Merci und bis nächstes Jahr!»

Auch seine Ex-Frau Ilham und Tochter Alexia, die inzwischen sieben ist, ­waren wie schon in Genf zum Final gekommen. Doch diesmal gab es nichts zu ­jubeln. «Es waren für mich zwei unglaubliche Wochen in Paris, auch wenn es heute ein bisschen schwieriger für mich war», ­resümierte Wawrinka. Später ­erklärte er, was es für ihn so schwierig gemacht hatte: «Nadal schaffte es, bei mir Zweifel zu säen. So war ich zögerlich bei der Wahl meiner Schläge. Und wenn man gegen ihn nur eine halbe Sekunde zögert, ist es schon vorbei.»

Man darf davon ausgehen, dass sich Wawrinka mit Coach Magnus Norman eine Taktik zurechtgelegt hatte. Doch als diese nicht funktionierte, probierte der Romand verschiedene Dinge aus – aber nichts klappte. Und wenn der 32-Jährige nicht sein wuchtiges Angriffstennis spielen kann, so wie er das in seinen ersten drei Grand-Slam-Finals tat, ist er gegen Gegner von diesem Kaliber chancenlos.

Mit Annacones Hilfe auf Rasen

Weil Novak Djokovic schon im Viertel­final scheiterte, bleibt Wawrinka in der Weltrangliste auf Rang 3 – obwohl ihn Nadal (2.) überholte. In der Jahres­wertung ist er Vierter hinter Nadal, Federer und Thiem. Der Tenniszirkus wechselt nun auf Rasen, wo ­Federer diese Woche in Stuttgart auftritt und Wawrinka die nächste im ­Londoner Queen’s Club.

Für die Rasensaison zieht der Lausanner einen alten Bekannten hinzu: Paul Annacone (54). Der Amerikaner arbeitete von August 2010 bis Oktober 2013 mit ­Federer und feierte mit ihm den Wimbledon-Titel 2012. Letztes Jahr hatte Wawrinka für die Rasensaison Richard Krajicek verpflichtet, dann aber im All England Club in Runde 2 gegen Juan ­Martin Del Potro verloren. Nun vertraut er auf die Stimme eines erfahreneren Coaches.

«Es ist für mich wichtig, mein Spiel weiterzuentwickeln», erklärte er. «Ich bin sehr happy mit meinem Team, mit Magnus (Norman), Yannick (Fattebert) und Pierre (Paganini), aber eine andere Sicht auf mein Spiel hilft mir sicher.» ­Paris endete für Wawrinka mit einer ­herben Enttäuschung, doch die nächsten Herausforderungen folgen sogleich.

Nadal , auch auf Rasen wieder top? Seite 25

Erstellt: 11.06.2017, 23:05 Uhr

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