Zverevs Handy als Teufelszeug

Alexander Zverevs Karriere stockt seit dem Sieg am ATP-Finale in London. Auf der Suche nach alter Grösse geriet er auf Abwege, startete in Genf nun aber überzeugend.

Nach zuletzt vielen Ablenkungen will sich Alexander Zverev nun wieder aufs Tennisspielen fokussieren.

Nach zuletzt vielen Ablenkungen will sich Alexander Zverev nun wieder aufs Tennisspielen fokussieren. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Stellen Sie sich vor, Sie hätten eben Ihr Mobiltelefon zerstört, es unbenutzbar gemacht. Wahrscheinlich wären Sie aufgebracht, vielleicht sogar entnervt. Nicht Alexander Zverev, dem letzte Woche in Rom ebendies widerfuhr. Er kommentierte den Vorfall so: «Das war das Beste, was mir momentan passieren konnte. Ich werde deshalb auch nichts ändern bis nach Paris.»

Das Handy ist in seiner Situation weit mehr als ein multifunktionales Telefon: Es ist das Symbol für alles, was ihn auf Abwege gebracht hat, steht für die vielen Ablenkungen, denen er sich seit einigen Wochen ausgesetzt sieht oder sah – wie der Trennung von seiner Freundin, einem Spitalaufenthalt seines Vaters, dem schwierigen Verhältnis mit Co-Coach Ivan Lendl, der wegen einer Pollenallergie nicht viel reist und erst in Paris wieder dabei ist, sowie, vor allem, der Entzweiung von seinem langjährigen Manager Patricio Apey.

Manager, Anwalt, Sekretär

In Rom sagte Zverev, und es tönte wie ein Klageruf: «Letztes Jahr war Tennis spielen das Einzige, was ich machte, deshalb war ich so gut. Nun muss ich alles nebenbei selber machen, das konsumiert Zeit und Energie. Schon morgens beim Aufwachen denke ich daran, welche E-Mail ich noch beantworten, wen ich noch anrufen muss.» Zudem sei er jung und unerfahren in solchen Dingen. Eben – weil ihm bisher alles abgenommen wurde.

Das Fehlen eines Mobiltelefons, hat er rasch gemerkt, erlaubt ihm endlich wieder, sich auf sein Kerngeschäft zu fokussieren, das Tennisspielen. «In Rom war ich Anwalt, Manager, musste dauernd am Telefon sein», sagte er in Genf. «Nicht, weil ich es wollte – ich hatte gar keine Wahl. Deswegen spielte ich dort auch schlecht.» Die Nachfolgeregelung seines Managements – im Gespräch ist auch Roger Federers Agentur Team8 – wird dadurch erschwert, dass sein alter Agent Schwierigkeiten macht. «Keine schöne Geschichte» sei das, sagt Zverev.

Der im deutschen «Tennis-Magazin» schon als Teenager als «Messias» gefeierte Jungstar stolpert derweil von einem Rückschlag zum nächsten. An zehn Turnieren 2019 kam er nur einmal über die Viertelfinals hinaus, in Acapulco, wo er den Final gegen Nick Kyrgios verlor. 15 Siegen stehen zehn Niederlagen gegenüber, auch gegen zweitrangige Spieler wie Struff, Ferrer, Munar, Jarry, Garin oder, letzte Woche in Rom, im Startspiel gegen den Italiener Berrettini.

In der Weltrangliste steht der 22-jährige Hamburger zwar noch auf Rang 5, doch mit solchen Resultaten ist ein spürbarer Rückfall programmiert, sofern er nicht bald die Wende schafft. Im Jahresklassement steht er lediglich auf Rang 17 – nachdem er die vergangene Saison am ATP-Finale in London noch mit seinem grössten Titel abgeschlossen hatte und bereit schien, auch an den Grand-Slam-Turnieren den Durchbruch zu schaffen. In 15 Anläufen erreichte er da nur einen Viertelfinal, 2018 in Paris.

Die Wende scheint nahe

Für den bereits zehnfachen Turniersieger spricht, dass er in der Krise wenigstens sein Selbstvertrauen bewahrt hat und überzeugt davon ist, dass diese nicht sportlicher Natur ist. «Ein einziger Match kann alles ändern, und alles ist wieder gut. In Madrid hatte ich bereits ein sehr gutes Gefühl. Wer weiss, was passiert wäre, wenn ich gegen Tsitsipas gewonnen hätte? Und ich war nahe dran.» Besserung verspricht er sich nun auch durch die Rückkehr seines Vaters Alexander senior an den Spielfeldrand, auch in Genf. «Er ist der, der mich am besten kennt.»

Stan Wawrinka kennt Zverevs Situation. «Ein Tennisspieler auf höchstem Niveau muss viele Dinge regeln, und es kann schnell schwierig werden, das Gleichgewicht zu finden», sagte er in Genf. «Aber wenn man auf dem Platz steht, darf nur das zählen, sonst spielst du nicht gut. Doch manchmal ist es schwierig, alles um dich zu vergessen. Gerade wenn man so jung ist wie er.»

Souveräner Start in Genf

Wie der Deutsche selber denkt auch Wawrinka, dass Zverev gestärkt aus dem Tief hervorgehen wird. «Er hat die Mentalität eines Champions, wird bald aus dieser Lage herausfinden und noch vieles gewinnen.» In Genf, wo er kurzfristig mit einer Wildcard an den Start ging, glückte Zverev der Start. Den unangenehmen Letten Ernests Gulbis (ATP 80), der ihn 2018 in Wimbledon geschlagen hatte, eliminierte er gestern Abend mit 6:2, 6:1 und erreichte nach einem Freilos in nur 65 Minuten als Erster die Viertelfinals. Es scheint, dass ihm die handylose Zeit gut bekommt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.05.2019, 23:18 Uhr

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