Roger Federer zwischen Magie und Mittelmass

Der 38-Jährige scheitert in London an Stefanos Tsitsipas. Das ATP-Finale dient als Spiegelbild der Saison des Baselbieters, der magische Momente, aber auch bittere Niederlagen erlebt hat.

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Am Ende des Halbfinals steht Roger Federer mit leeren Händen da, während Stefanos Tsi­tsipas mit dem Filzstift nicht nur wie jeder Sieger auf der Linse der TV-Kamera signiert, sondern auch noch «strange things» draufschreibt.

In den vorangegangenen 97 Minuten sind in der prallvollen O2-Arena tatsächlich merkwürdige Dinge passiert. Federer sah rein äusserlich genau gleich aus wie 48 Stunden zuvor beim brillanten Auftritt gegen Novak Djokovic, doch spielerisch war er kaum wiederzuerkennen. Der Aufschlag war weit weniger präzis, mit der Vorhand unterliefen ihm ungewohnt viele Fehler. Und dann verschlug er im zweiten Game auch noch zwei Smashs und bot dem 17 Jahre jüngeren Widersacher das Break geradezu an. Der Grieche zögerte nicht, das Geschenk anzunehmen.

Zu viele Fehler in den entscheidenden Momenten: Roger Federers Spiel gegen Stefanos Tsitsipas. (Video: AP)

Der Schweizer sorgte immer wieder für Spektakel, kämpfte verbissen und wehrte sechs Satzbälle ab. Er verlor den ersten Durchgang letztlich 3:6, obwohl er als Rückschläger 22, sein Gegner hingegen nur 6 Punkte gewonnen hatte. Im zweiten Satz stemmte er sich vehement gegen das Ausscheiden, doch er zog auf dem Weg zum 3:6, 4:6 zwei weitere schwache Servicegames ein und liess insgesamt elf von zwölf Breakgelegenheiten ungenutzt. So lässt sich am ATP-Finale gegen die Nummer 6 der Welt schlicht nicht gewinnen.

Es war nicht schrecklich, «nur in gewissen Momenten schlecht»

«Meine Leistung war nicht schrecklich, nur in gewissen Momenten schlecht, doch das reicht in der Halle manchmal, dass du verlierst», sagt Federer kurz darauf im Interviewraum. In seinen Ausführungen spricht er zweimal davon, seine Möglichkeiten «weggeworfen» zu haben. Der 38-Jährige ist äusserlich ruhig, aber es muss den ehrgeizigen Weltklassespieler furchtbar wurmen, hat er im Halbfinal nicht annähernd sein bestes Niveau erreicht. Tsitsipas war kein unwiderstehlicher Gegner, zum Weiterkommen hätte es keinen Traummatch wie gegen Djokovic gebraucht.

Der siebte Titel am Rendezvous der Besten bleibt Federer also versagt, das ATP-Finale 2019 ist daher für ihn quasi zur Unvollendeten und damit zum Spiegelbild der ganzen Saison geworden. Der Baselbieter, der die Nummer 3 bleibt, hat sich in der Weltspitze behauptet, teilweise Tennis von allerhöchster Qualität geboten und vier Turniere gewonnen. Und doch bleibt der Eindruck zurück: Es wäre noch mehr möglich gewesen. In Wimbledon fehlte ihm ein einziger Punkt zur Krönung, weil er im Final gegen Djokovic zwar grandios aufspielte, aber diverse Chancen ausliess, bei eigenem Aufschlag zwei Matchbälle vergab und schliesslich 6:7 (5:7), 6:1, 6:7 (4:7), 6:4, 12:13 (3:7) unterlag. Rückblickend sagt der Baselbieter, Wimbledon sei gleichzeitig das Highlight und die Enttäuschung des Jahres gewesen.

Frust pur: Für Roger Federer wäre im Halbfinal deutlich mehr möglich gewesen. (Bild: Justin Setterfield/Getty Images)

Bittere Niederlagen zweier Klassen prägten das Jahr 2019. Der Wimbledon-Final gehört zur Kategorie «stark gespielt, aber die wichtigen Punkte nicht gemacht». In jene Reihe passen auch die Partien gegen Dominic Thiem in Indian Wells und Madrid. Das Ausscheiden gegen Tsitsipas hier und am Australian Open sowie das Scheitern an Grigor Dimitrov am US Open sind eher der Sparte «an wichtigen Turnieren das Potenzial nicht ausgeschöpft» zuzuordnen.

Federer feiert in Dubai, Halle und Basel Jubiläen

Das ist freilich Jammern auf hohem Niveau, denn das Positive überwiegt deutlich. 2019 kehrte Federer erfolgreich auf Sand zurück; in Paris wurde er vom Publikum nach dreimaliger Absenz begeistert empfangen, und mit der Halbfinalqualifikation – Rafael Nadal war dann bei Bedingungen am Rande der Regularität eine Nummer zu gross – zeigte der Gewinner von 20 Grand-Slam-Titeln, dass er nach wie vor auf allen Belägen zu den Allerbesten zählt.

Federer will für weitere magische Momente sorgen.

Und dann feierte der Superstar gleich drei Jubiläen: In Dubai holte er den 100. Einzeltitel als Profi («Dieser Meilenstein war etwas sehr Spezielles») und in Halle sowie Basel triumphierte er jeweils zum 10. Mal («Das sind Momente, die fast nie kommen»). Als Höhepunkt nennt er selbst zudem den Laver-Cup in Genf. «Es war ein toller Event, ich hoffe, die Leute hatten Spass. Alle vier Halbfinalisten von London waren in unserer Mannschaft», sagt Federer und fügt an: «Es gab 2019 viele Highlights.»

Und der 38-Jährige hat vor, für weitere magische Momente zu sorgen. Die Saison 2020 soll mindestens so gut werden wie die am Samstag abgeschlossene.

Grafik: SonntagsZeitung



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Erstellt: 16.11.2019, 23:11 Uhr

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