Serge Gnabry – verletzt, vergrault und nun vergöttert

Bayerns Stürmer hat London nicht in bester Erinnerung. Fünf Jahre dauerte seine Leidenszeit bei Arsenal. Nun spielte er in Englands Hauptstadt ganz gross auf.

Serge Gnabry spielte gegen Tottenham auf der grossen Bühne den Match seines Lebens. (Video: Teleclub)

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Serge Gnabry und London – diese Beziehung ist seit Dienstagabend eine ganz andere als zuvor. Bayerns 24-jähriger Offensivmann schoss beim Münchner 7:2-Spektakel bei Tottenham gleich vier Tore. Es war eine Machtdemonstration des deutschen Rekordmeisters. Bayern spielt sich wieder in den Kreis der Titelaspiranten auf Europas Fussballkrone und Matchwinner Gnabry sich mit seiner Vorstellung in den Fokus Fussballeuropas. An diesem Abend gelang ihm in der englischen Hauptstadt schlicht alles. Das war nicht immer so.

London war fünf Jahre lang Heimat für den Sohn eines Ivorers und einer Deutschen. Mit knapp 16 Jahren war Gnabry 2011 aus Süddeutschland in den Norden Londons zu Arsenal gewechselt. Er kam aus der B-Jugend des VfB Stuttgart zu den Gunners. 100’000 Euro Ausbildungsentschädigung überwies der Premier-League-Club nach Deutschland.

Als junger Spieler den Schritt ins Ausland zu wagen, war für Gnabry eine leichte Entscheidung. Dem Newsportal «Spox» sagt er später: «Es war für manche vielleicht ein aussergewöhnlicher Schritt, für mich nicht. Wenn ein Verein wie Arsenal dir ein Angebot macht und sagt, dass er dich im Verein haben will. Ist das eine grosse Chance.» Für den damaligen deutschen Juniorennationalspieler sollte es aber der Beginn einer langen Leidenszeit werden.

Debüts und Verletzungen

Im ersten Jahr in England absolvierte er gerade einmal acht Spiele in der U-18 und der Reserve. Dennoch schenkte ihm der Club das Vertrauen: Ende Juli 2012 durfte er seinen ersten Profivertrag unterzeichnen. Der Start ins Profileben verlief nicht nach Wunsch. Zwar feierte Gnabry im Oktober sein Premier-League-Debüt und die Premiere in der Champions League – jeweils für sieben Minuten. Beide Spiele gingen verloren. Der erste Rückschlag seiner jungen Karriere folgte. Ein Nerv im Rücken war eingeklemmt. Der junge Stürmer fiel monatelang aus.

«Meine Zeit in England hat mich geprägt, mit all ihren Höhen und Tiefen.»

Rund ein Jahr musste er auf die nächste Chance im Starensemble der Londoner warten. Im Herbst 2013 zeigt er erstmals, wozu er fähig ist. Ein Assist und ein Tor in den ersten drei Startelf-Einsätzen sprechen für sich. Und wieder schlägt das Verletzungspech zu. Er kommt bis Saisonende nur noch zu sieben Teileinsätzen in der Liga. Die Saison 2014/15 sollte noch schwerer werden.

Coach Arsène Wenger setzt nicht auf die Dienste des damals 19-Jährigen. Seine Saisonbilanz bei den Profis der Gunners: null Tore, null Assists, null Spielminuten. Er kommt sporadisch in der Reserve zum Einsatz. Im Sommer ziehen Club und Spieler die Konsequenzen – er wird an Ligakonkurrent West Bromwich Albion verliehen.

Vom Tribünengast zum Silber-Spieler

Die Karriere neu lancieren, das ist das Ziel. Doch weit gefehlt. In einem halben Jahr kommt er trotz überschaubarer Konkurrenz nur auf zwölf Spielminuten. West Brom sieht in ihm keine Hilfe im Kampf gegen den Abstieg und schickt ihn Ende Januar zurück nach London. Die Saisonbilanz bei Arsenal wird die gleiche wie ein Jahr zuvor. Auf seine Zeit in England blickt Gnabry dennoch durchaus positiv zurück: «Meine Zeit in England hat mich geprägt, mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich würde den Schritt genauso wieder machen.»

Wenn es im Club nicht läuft, ist die Nationalmannschaft eine willkommene Abwechslung. Er fährt mit der Olympiamannschaft Deutschlands nach Rio. Der Tapetenwechsel zeigt Wirkung. Das Team holt Silber. In jedem Spiel auf dem Platz: Serge Gnabry. Sechs Spiele, sechs Tore. Er wird Torschützenkönig und spielt sich in den Fokus anderer Clubs. Vor allem in Deutschland, das seit Jahren auf den nächsten Klose oder Podolski wartet, ist man vom jungen Söldner angetan. Sein Tempo, seine Technik überzeugen.

Werder Bremen greift zu. 5 Millionen Euro wechseln den Besitzer. Das ist viel Geld für einen Spieler, der zuvor im Profifussball nicht recht Fuss fassen konnte. Arsenal hätte ihn gern behalten, erzählt Wenger später, doch der Spieler wollte weg. Man kann es nachvollziehen.

Vertrauen, Tore und zwei Wechsel

In Bremen wird ihm von Beginn weg das Vertrauen geschenkt. Er steht immer in der Startelf. Sorgt für Tore und Assists. Ist fast die einzige Konstante in einer angeschlagenen Bremer Truppe, die gegen den Abstieg kämpft. Im März dann wieder das alte Problem: Er fällt verletzt aus. Just während dieser Zeit fängt sich das Team, holt Punkte und verabschiedet sich aus dem Abstiegskampf. Es folgen im Endspurt nur noch Teileinsätze. Von den Fans der Grün-Weissen wird er dennoch zum Spieler der Saison gewählt. Seine Frechheit, seine Sprints und die Überraschungsmomente machen ihn zum Publikumsliebling – und wecken Begehrlichkeiten.

«Gnabry spielt immer.»Bundestrainer Jogi Löw

Sein neuer Arbeitgeber: kein geringerer als der deutsche Rekordmeister. Dank einer Ausstiegsklausel kostet er die Münchner acht Millionen – heutzutage ein Schnäppchen. Nach der gezeigten Leistung ein Schnäppchen. Bei den Bayern plant man schon die Nachfolge der Flügelflitzer Robben und Ribéry. Der potenzielle Kandidat Gnabry soll aber zuerst in Hoffenheim zusätzliche Spielpraxis sammeln. Die Saison bei der TSG? Drei Verletzungspausen, 22 Bundesliga-Spiele, 10 Tore und 7 Assists. Die Leistung des Vorjahres ist bestätigt und Gnabry bereit für die Aufgaben bei den grossen Bayern.


Video: Auch im Nationaltrikot sorgt Gnabry für Wirbel

Serge lässt Jogi jubeln: Gnabry trifft wunderschön gegen die Niederlande. (Video: Youtube)


Und in München schenkt man ihm sofort Vertrauen. 42 Spiele und halb so viele Skorerpunkte lässt sich Gnabry am Saisonende notieren. Auch in der deutschen Nationalmannschaft wird er eine feste Grösse. Bundestrainer Jogi Löw sagt: «Gnabry spielt immer.» Er bedankt sich mit neun Toren in zehn Spielen für die Stammplatzgarantie.

In München macht er in dieser Saison gemeinsam mit Kingsley Coman die Clubikonen Robben und Ribéry vergessen. Seit diesem Dienstag kennt man sein Können auch ausserhalb Deutschlands. Vier Tore beim Champions-League-Finalisten der letzten Saison – ein grosses Ausrufezeichen auf der dazu passenden Bühne. Mit seinem Speed, der hervorragenden Technik, der Beidfüssigkeit und seiner Kaltschnäuzigkeit kann man von ihm noch so manche Show erwarten.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 02.10.2019, 15:37 Uhr

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