Klopp legt den Finalfluch ab, Liverpool feiert

Liverpool besiegt im Champions-League-Final Tottenham. Klopp zeigt, dass er doch Titel gewinnen kann.

Die Highlights der Partie zwischen Tottenham und Liverpool. Video: Teleclub

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Plötzlich steht doch noch Arbeit an für Liverpools Goalie Alisson Becker: Grosse Teile des Spiels hat er damit verbracht, zuzuschauen, ab und an musste er mal einen Ball auswerfen, ihn verarbeiten und weiterleiten. Aber in seiner Kerndisziplin, dem Abwehren von Schüssen, blieb er unterfordert.

Jetzt aber läuft die Schlussphase, Liverpool führt immer noch 1:0, Tottenham nimmt die letzten Versuche, das Missglück abzuwenden. Heung-Min Son und der eingewechselte Lucas Moura schiessen, kurz darauf auch Christian Eriksen mit einem Freistoss. Doch sie sehen ihre Abschlüsse allesamt abgewehrt – von Allison, der sich doch noch auszuzeichnen vermag.

Und so kommt es, wie es oft kommt, wenn ein Team einem Rückstand nachrennen muss: Der eingewechselte Divock Origi, der den rechtzeitig fitten, aber blassen Roberto Firmino ersetzte, trifft nach 87 Minuten zum 2:0. Es ist die Entscheidung, die Liverpooler feiern vor ihren Fans, draussen jubelt der lange Zeit kontrollierte Klopp ausgelassen.

Beim FC Liverpool brechen nach dem Triumph alle Dämme. Video: Teleclub

Kurz darauf ist Schluss, ist der Finalfluch Klopps abgelegt. Erstmals nach sechs verlorenen Endspielen gewinnt er wieder, erstmals seit 2005 triumphiert Liverpool in der Königsklasse. Es ist die Krönung der Arbeit Klopps, der sein Team seit 2015 nach und nach an die europäische Spitze herangeführt hat, aber immer wieder kurz vor dem Gipfel scheiterte. Diesmal nicht.

Tottenhams Mutprobevor Madrid

Der Abend beginnt mit schöner Geste: Auf Bitte von Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino änderte die Uefa das Protokoll, erlaubte, dass vor dem Anpfiff die Teams mit allen 23 Spielern fürs Mannschaftsfoto posieren dürfen. Die Aktion passt zum Wesen beider Mannschaften. Ja, sie haben grossartige Einzelspieler, aber sie definieren sich über die Einheit, mit Trainern, die Wert auf Gemeinschaft legen. Klopp fördert dieses Denken auch, in dem er Spieler und Mitarbeiter im Trainingszentrum in Melwood in derselben Kantine essen lässt. Und Pochettino hat in den drei Wochen auf den Final jeden Tag ein 45-minütiges Mentaltraining angeordnet. Der Höhepunkt: Ein Abend, bei dem er die Spieler über heisse Kohle laufen liess. Sein Bestreben: die Einheit stärken und den Spielern die Angst vor diesem Spiel auf grösstmöglicher Bühne nehmen.

Und dann sind in Madrid 30 Sekunden gespielt, Tottenhams Moussa Sissoko prallt der Ball im Strafraum an den Oberarm, Mohamed Salah verwandelt den Penalty mit Wucht zum 1:0, die Liverpooler jubeln vor der Kurve mit den Spurs-Fans. All die Bestrebungen, all die Vorbereitungen der letzten Wochen sind zunichtegemacht. Pochettino blickt ungläubig zum Himmel.

Es ist ein Start aus dem Wunschbuch für den Favoriten, der in der Premier League 26 Punkte mehr geholt hat als sein Kontrahent. Doch, überraschenderweise, gibt er dem Team von Klopp keine Sicherheit, die Spurs sind besser, sie erobern den Ball oft schon in der gegnerischen Hälfte, sie schlagen aber kein Kapital daraus. Hoffnungsträger Harry Kane, der nach Knöchelverletzung erstmals seit Anfang April spielen kann, und Lucas Moura verdrängt, den Hattrickschützen im Halbfinal in Amsterdam, ist ein Schatten seiner selbst. Seine beste Szene hat er, als er einen Ball mit dem Kopf verlängert. Nur, Dele Alli vermag nicht zu profitieren.

Das passt zum Niveau, das kein gutes ist, mit wenig Tempo und vielen Fehlpässen. Vielleicht ist es die lange Wettkampfpause von drei Wochen, die den Teams den Rhythmus nahm, vielleicht ist es der Druck, der lähmt.

Liverpools Lernenaus den Niederlagen

Es kann nur besser werden, eigentlich, zumal Tottenham keinen Grund hat, entmutigt zu sein. Die Spurs haben sich sowohl in der Gruppenphase wie auch im Viertel- und Halbfinal gegen grosse Widrigkeiten durchgesetzt. Ihr Weg in den Final war so dramatisch, dass sie das Gefühl haben können, das Schicksal auf ihrer Seite zu haben. Aber diesmal nicht, Liverpool verwaltet die Führung, die Darbietung der Roten ist weder attraktiv noch mitreissend, aber effektiv.

Auf die verlorenen Finals angesprochen, sagte Klopp jeweils, er und seine Spieler hätten aus jeder Niederlage gelernt. Gerade das 1:3 im Final 2018 gegen Real Madrid betrachtete er als wichtige Lektion. Gestern zeigte der FC Liverpool, weshalb.



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Erstellt: 02.06.2019, 00:38 Uhr

«Keiner hat es mehr verdient als wir»

Die Stimmen der glücklichen Sieger

Jürgen Klopp: «Unglaublich. Das war nicht das beste Spiel von Tottenham, nicht das beste von Liverpool. Ich finde keine Worte, ich bin sprachlos. Ich war in so vielen Finals und habe sie verloren. Das ist für meine Familie, für die Fans. Sie mussten so lange leiden.»


Trent Alexander-Arnold: «Nach dieser Saison, die wir hatten, hat es niemand mehr verdient als wir. Wir haben etwas Besonderes geschafft, das Spiel dominiert. Ich bin nur ein einfacher Junge aus ­Liverpool, dessen Traum wahr geworden ist.»


Mohamed Salah: «Jetzt ist jeder glücklich. Jeder hat heute sein Bestes gegeben, es war niemand herausragend, die ganze Mannschaft war unglaublich.»

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