So irdisch wie lange nicht mehr

Der FC Bayern holt in der Champions League nur ein 1:1 gegen Ajax Amsterdam – es ist ein Punkt, der sich wie eine Niederlage anfühlt.

Gegen Ajax Punkte liegen gelassen: Die Bayern stolpern zu Hause. Video: Teleclub

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Manchmal passt ein ganzes Fussballspiel in wenige Szenen, so war es an diesem Dienstagabend in der Münchner Arena. Das Spiel war seit ein paar Minuten abgepfiffen, da hatten sich beide Teams nochmal aufgestellt. An der linken Eckfahne: Ajax Amsterdam. Die Spieler Arm in Arm aufgereiht, womöglich der gesamte Kader, klatschend, besungen vom Auswärtspublikum im Oberrang der Nordtribüne. Gegenüber, nahe der rechten Eckfahne: der FC Bayern. Vertreten durch die paar Spieler, die noch nicht Richtung Kabine unterwegs waren: Martínez, Alaba, Kimmich, Müller, Neuer, Gnabry. Verlegen klatschend, nicht besungen, der Blick gerichtet auf die Fans, die geblieben waren, und rote Stühle, auf denen niemand mehr sass.

Nein, keine der beiden Mannschaften hatte dieses Spiel am Dienstagabend gewonnen. Aber dass auch keine Mannschaft verloren hatte – das konnte man so sicher nicht mehr sagen.

1:1 (1:1) trennte sich der FC Bayern im ersten Königsklassen-Heimspiel der Saison von Ajax Amsterdam, aber genau genommen, hatte das Publikum ein Unentschieden erlebt, das keines war. Während Amsterdam sich selbst, die Champions League und den Abend genoss, wirkten die Münchner so irdisch wie lange nicht. Krise, Mini-Krise – diese Worte werden oft reflexhaft rausgekramt, sobald ein Fussballklub schwächelt. Aber nach diesem Abend, nach dem 0:2 gegen Hertha BSC, nach dem 1:1 gegen Augsburg, nach drei nicht gewonnenen Spielen wissen sie in München, dass einige grundsätzliche Fragen auf sie zukommen.

Kovac leidet an diesem Abend

Als Trainer Niko Kovac, 46, nach dem Spiel in der Pressekonferenz sass, sah er aus wie ein Mann, der gelitten hatte. Die Schultern hingen leicht, die Stimme klang monoton; wenn er sprach, blickte er in Richtung der leeren Treppe zwischen den Sitzen. Als er gefragt wurde, woran er nun arbeiten müsse, sagte Kovac: «Ich muss das erst mal verarbeiten.» Sein Trainerteam und er müssten «schauen, warum in den letzten drei Spielen die Leistung so ist, wie sie ist», «geben Sie mir ein, zwei Tage.»

Zu viele Fehlpässe, ein allzu schnelles Spiel nach vorne – dies zählte Kovac aber schon an diesem Abend als Probleme auf. Er ügte an, dass man «körperlich gegenhalten» müsse, «nur mit Ballbesitz wird man es immer wieder schwer haben». Dieses «man» benutzte Kovac mehrfach, ein Wort, das ihm ersparte, Namen oder Mannschaftsteile zu nennen.

Die Bayern hatten sich ja viel vorgenommen, das schon. Da war Thomas Müller, der vor dem Anpfiff gestikulierte, mit den Händen fuchtelte, die Fäuste ballte, alles in der Hoffnung, die Mitspieler einzustimmen auf dieses Spiel. Und da war Mats Hummels, der nach nicht mal vier Minuten nach einer Flanke von Arjen Robben das 1:0 herbeiköpfelte. Es war die Phase, in der es so aussah, als würde das Spiel Anlauf nehmen für ein Dreinull, Viernull, Fünfnull. Es war eine Phase, die so nicht wiederkommen sollte für den FC Bayern.

Die ewige Chancenauswertungs-Debatte Erik ten Hag, der frühere Bayern-Amateur- und heutige Ajax-Trainer, hat das später ja zugegeben: dass seine Elf in den ersten Minuten gewankt hatte. Aber dieses Wanken dauerte nur gut 20 Minuten, und es wandelte sich in eine solche Überlegenheit, dass ten Hag später gar ein bisschen über das Ergebnis klagte. So ein Punkt gegen den FC Bayern sei an für sich natürlich toll, genau wie die Leistung seiner Mannschaft, sagte er. Aber weniger zufrieden sei er mit der Chancenverwertung.

Der Fussball kann manchmal ironisch und gnadenlos zugleich sein, so war es auch mit ten Hags Analyse. Hatten das nicht zuletzt die Bayern gesagt: dass ihre Chancenverwertung ihr und womöglich grösstes Problem sei? Und nun kommt dieses Ajax, Zweiter der niederländischen Eredivisie, daher und sagt, dass sie gegen den FC Bayern ein bisschen geschludert hätten mit den Chancen?

Wobei: Genau genommen liess dieses Duell die jüngste Münchner Chancenverwertungs-Debatte fast ein bisschen putzig erscheinen. Zu viele Schwächen offenbarte der FC Bayern. Ajax genügte es, die Münchner früh anzugreifen; schon erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer irgendeinen Fehler machen würde. Wollte ein Verteidiger raus zum Mitspieler passen, zielte er ins Aus. Setzte jemand zu einem sogenannten tödlichen Pass an, fehlte diesem die Härte, die Präzision oder beides.

Erfahren und ausnahmslos mit Fehlern

Kurz zur Erinnerung: Neun der elf Bayern-Spieler hatten 2013 im Champions-League-Finale begonnen (mit Hummels und Lewandowski zwei damalige Dortmunder), aber ausnahmslos unterliefen ihnen Fehler. Selbst Torwart Manuel Neuer, dessen Paraden gegen Hakim Ziyechs und Lasse Schönes Wuchtschüsse Schlimmeres verhinderten, kickte einmal einen Pass zum gegnerischen Verteidiger Mathijs de Ligt – wobei Neuer gerade ungünstigerweise zur rechten Verteidigerposition hinaus gelaufen war (de Ligt zielte dann nicht genau genug).

Wo zweite Bälle zu gewinnen waren, Bälle also, die noch niemand kontrolliert, da schien es, als würde Ajax sie jederzeit gewinnen, sofern die Spieler es nur wollten. Beschleunigte Ajax das Spiel, hatten die Münchner Mühe, dem Tempo zu folgen – wie etwa vor dem Treffer von Noussair Mazraoui, der nach 22 Minuten David Alaba davon gelaufen war und von Dusan Tadic bedient wurde.

Erst der eingewechselte James erhöht die Ballsicherheit

«Dass wir die Qualität haben, das wissen wir», sagte Neuer hinterher, wobei die Versäumnisse an diesem Abend so umfassend ausfielen, dass diese Frage sich ja durchaus stellte: Welche Qualität genau hat der FC Bayern des Herbsts 2018? Und ist diese Mannschaft, abgesehen von den Namen, noch vergleichbar mit dem auf vielen Positionen zwar ähnlich besetzten, aber fünf Jahre jüngeren FC Bayern des Frühlings 2013? Erst der nach 62 Minuten eingewechselte James erhöhte die Münchner Ballsicherheit, fast wäre ihm gar das 2:1 gelungen, Torwart André Onana rettete aber spektakulär mit dem Fuss (später krachte er noch in Hummels, der einen Cut am Kopf erlitt und sich am Ende des Abends etwas «wacklig» fühlte). Warum Kovac den Mittelfeldspieler so lange auf der Bank liess, schien auch James selbst beschäftigt zu haben: Mit weitem Abstand als erster Münchner verliess er das Stadion.

Andererseits: Abgesehen von stilistischen Mängeln hat sich wenig verändert für den FC Bayern. In der Champions League sind die Münchner Gruppenzweiter, mit vier Punkten; in der Bundesliga fehlt ein Punkt auf Tabellenführer Dortmund, am Samstag geht es gegen Borussia Mönchengladbach. «Man muss wieder dort hinkommen, wo wir vor drei Spielen waren», sagte Kovac und meinte den Punkt, an dem die Bayern sieben von sieben Spielen gewonnen hatten - das war vor einer Woche. Wenig später, es ging auf Mitternacht zu, verliess er die Pressekonferenz. Zum Abschied wünschte Kovac einen «schönen Abend». Sein Gesicht sagte allerdings etwas anders.

Erstellt: 03.10.2018, 13:10 Uhr

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