Zentimeter am Sieg vorbei

Der erste Punkt sorgt bei den Young Boys für gemischte Gefühle: Es wäre mehr drin gelegen.

Das 1:1 gegen Valencia im Video. Quelle: Teleclub.
Video: Keystone

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Die Schlussphase läuft, und es ist nur YB, das die Partie gewinnen will. YB drängt und drückt, stürmt und schiesst, erspielt sich allerbeste Möglichkeiten. Roger Assalé, unermüdlich unterwegs und mit seiner besten Vorstellung seit Monaten, verfehlt das Tor in der 86. Minute knapp. Kurz darauf wird sein Abschluss nach einer Traumkombination abgeblockt, den Kopfball Sékou Sanogos nach dem anschliessenden Corner lenkt Valencias Goalie Neto mit einem fantastischen Reflex an den Innenpfosten.

Erneut fehlen den Young Boys nur Zentimeter zur Führung. Doch sie geben nicht auf und belagern den gegnerischen Strafraum auch in der Nachspielzeit noch vehement. Ein letzter Eckball, ein letzter Angriff, ein letzter Schuss, das 2:1 ist längst überfällig. Aber es fällt nicht mehr.

Die Leistungssteigerung

Und so bleibt YB nach dem dritten Gruppenspiel in der Champions League gegen Valencia die Genugtuung, dank einer sehr überzeugenden Darbietung in der zweiten Halbzeit den ersten Punkt gewonnen zu haben. Aber eben auch die Erkenntnis, gegen einen überraschend biederen, anfälligen Gegner die Chance zum Coup verpasst zu haben. Das 1:1 ist aus Berner Sicht zu wenig, vor allem gemessen an der teilweise erdrückenden Dominanz nach der Pause.

«Es ist unerklärlich, warum wir nach der Pause derart schwach aufgetreten sind», sagt Valencias Trainer Marcelino. YB-Coach Gerardo Seoane lobt derweil seine Mannschaft: «Unser Plan ging auf, wir gewannen immer mehr Vertrauen und spielten vor allem nach der Pause frech nach vorne.»

Es ist nach dem Seitenwechsel in der Tat bemerkenswerter Einbahnfussball. Valencia gelingt es kaum mehr, für Entlastung zu sorgen, der Gast hat genug zu tun, das 1:0 irgendwie zu verteidigen. Christian Fassnacht scheitert früh in der zweiten Hälfte zweimal aussichtsreich, bald holt der auffällige Djibril Sow gegen den ungestüm grätschenden Valencia-Captain Daniel Parejo jenen Elfmeter heraus, den Guillaume Hoarau in der 55. Minute mit der ihm eigenen Coolness zum Ausgleich nutzt.

Das erste Tor in der Champions-League-Historie der Young Boys beflügelt den Aussenseiter zusätzlich. An der Seite des starken Abwehrchefs Steve von Bergen steigert sich der junge Sandro Lauper in der Innenverteidigung zu einer vorzüglichen Leistung, auf rechts rast Kevin Mbabu, im Zentrum verteilt Sow die Bälle, vorne rennt, dribbelt, wuselt Assalé. Ins Tor aber trifft auch er nicht mehr.

Das Signal

Und so endet der Abend im ausverkauften, stimmungsvollen Stade de Suisse mit gemischten Gefühlen für die Young Boys. Es ist der Abend, an dem sie nach zwei ernüchternden 0:3-Niederlagen gegen Manchester United und bei Juventus in der Champions League ankommen müssen, wenn sie nicht bereits frühzeitig abgehängt sein wollen. Es ist das Heimspiel gegen das kläglich in die Saison gestartete Valencia, das in der Primera Division nur auf Rang 14 steht, mit 10 Punkten nach 9 Runden und nur einem Sieg sowie sieben geschossenen Toren.

Auf dem Papier ist es für YB die vermutlich einfachste von sechs komplizierten Aufgaben in der Gruppenphase. Und auf dem Rasen erwischt der Schweizer Meister einen ordentlichen Einstieg in die Begegnung, geordnet ist er wie gegen Manchester United im forschen 4-4-2-System. Es ist das Signal von Trainer Gerardo Seoane, mutig sein zu wollen, ohne die Balance zu verlieren.

Die YB-Spieler haben den Auftrag verstanden, sie setzen ihn mit Energie, Spielfreude und Solidarität um. Wie damals zum Auftakt in die Champions League gegen Manchester United dominieren die Young Boys das Geschehen in der Startphase, sie sind schnell unterwegs, teilweise fast zu schnell, denn sie sind eben auch – und das ist eine weitere Parallele zur ersten Halbzeit gegen Manchester United – manchmal noch zu wenig präzis, manchmal zu überhastet, manchmal zu kompliziert.

Der Rückschlag

Es erstaunt deshalb nicht, ist es erneut der YB-Gegner, der das 1:0 erzielt. In den ersten zwei Champions-League-Partien der Young Boys hiessen die Premierentorschützen Paul Pogba und Paulo Dybala, Spieler mit Weltklassestatus. Am Dienstagabend ist es Michy Batshuayi, der den ersten ernsthaften Torschuss Valencias in der 26. Minute eiskalt verwertet. Am Ursprung steht ein Ballverlust von Loris Benito, nach feinem Zuspiel von Carlos Soler kühlt Batshuayi die Berner Leidenschaft.

Es ist ein harter Schlag für die Young Boys, die den Tritt bis zur Pause nicht mehr finden, danach mit einer fulminanten Leistungssteigerung aber doch noch den Weg in die Champions League. Auch, weil Valencia nicht so abgezockt wie Manchester United ist und schon gar nicht so stilsicher wie Juventus. Und so beweist YB, in dieser stark besetzten Gruppe mehr zu sein als nur ein Punktelieferant.

Erstellt: 23.10.2018, 22:43 Uhr

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