Adi Hütter will mit Frankfurt Grenzen verschieben

Am Donnerstag trifft der YB-Meistertrainer 2018 mit seinem Team im Hinspiel der Europa-League-Halbfinals auf Chelsea.

Grossartige Choreos: Die Fans der Eintracht legen sich schon vor den Spielen mächtig ins Zeug. (Videos: Youtube/Jürgen Funk, Moreno 1509.)
Video: Imago

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Das Ein-Jahr-Jubiläum in Bern hat er mitbekommen, natürlich hat er das, die Beziehung zu einigen Wegbegleitern aus der erfolgreichen Zeit bei YB ist noch eng. Adi Hütter erhielt am Sonntag Bilder aufs Handy geschickt von der prächtigen Choreografie der Zuschauer im Heimspiel gegen Lugano (2:2), 365 Tage nach dem furiosen 2:1 gegen Luzern, welches den ersten Meistertitel der Young Boys nach 32 Jahre sichergestellt hatte. «Diesen Abend werde ich nie mehr vergessen. Und jetzt bestreitet YB sogar eine noch bessere Saison, das ist grossartig», sagt der Trainer von Eintracht Frankfurt. «Aber auch hier ist gerade so viel los, das ist kaum zu glauben.»

Frankfurt ist im Ausnahmezustand, zumindest jene Menschen, die sich für Fussball interessieren. Und das sind aktuell fast alle. «Die Leute sind euphorisiert», sagt Hütter. Auf Rang 4 steht die Eintracht auch drei Spieltage vor Saisonende, damit könnte der Club nächste Saison erstmals an der Champions League teilnehmen. Und, das befeuert den Rausch, am Donnerstag trifft Frankfurt im Hinspiel der Europa-League-Halbfinals zu Hause auf Chelsea. Hütter nennt es «das grösste Spiel» seiner bisherigen Trainerkarriere und sagt, die Entwicklung in Frankfurt sei gewaltig. «Wenn das einer vor acht, neun Monaten prophezeit hätte, wäre er ausgelacht worden.»

Der Fehlstart

Es ist nicht einfach für Adi Hütter, bei all der Begeisterung die Übersicht zu behalten. Der 49-Jährige sagt, man dürfe nicht vergessen, wer Weltclub sei und wer Vertreter aus dem Mittelfeld der Bundesliga. «Wir haben Grenzen verschoben. Und nun wartet die ultimative Herausforderung auf uns.» Frankfurt könne eine sehr gute Saison in eine hervorragende veredeln. Und das nach dem bereits tollen Platz 8 sowie dem sensationellen Sieg im Cupfinal gegen die Bayern letzte Saison.

Trainer Niko Kovac verdiente sich damals den beruflichen Aufstieg zu den Bayern, Hütter nach dem historischen Triumph mit YB jenen nach Frankfurt. Der ­Österreicher blickt nachdenklich zurück auf seinen Beginn in Deutschland und die Cup-Blamage gegen das viertklassige Ulm, auf die vorerst holprigen ­Liga-Auftritte und die scharfe Kritik. «Ich war nach unserem Fehlstart die Nummer 1 als Trainerentlassungskandidat.»

Der Höhenflug

Seit Monaten aber begeistert Eintracht Frankfurt mit frischem Offensivfussball, der Club hat sich, ähnlich wie Ajax Amsterdam, als Liebling beim neutralen Publikum etabliert. Und längst ist er der letzte deutsche Vertreter im Europacup. «Ganz Deutschland schaut am Donnerstag auf uns», sagt Adi Hütter. «Aber wir sind gegen Chelsea Aussenseiter.»

Und dann zählt er all die Weltklassespieler auf beim Londoner Edelverein, die Weltmeister Olivier Giroud und N’Golo Kanté, aber auch Gonzalo Higuain, Willian, David Luiz und Eden Hazard, vor allem ihn, den belgischen Superstar, einen «der fünf besten Fussballer der Welt», wie Hütter findet. Hazard allerdings spielt im Europacup nicht immer, weil Chelsea in der Premier League als Vierter auch in einem engen Kampf um die Champions-League-Teilnahme steckt.

In der Europa-League-Vorrunde war kein Team besser als Frankfurt: 18 Punkte aus sechs Partien in der starken Gruppe mit Lazio Rom, Olympique Marseille sowie Limassol. 2019 wurden Schachtar Donezk, Inter Mailand und Benfica Lissabon ausgeschaltet. «Wir haben viele Topteams bezwungen», sagt Hütter. «Inter etwa schied in der Champions-League-Vorrunde gegen die Halbfinalisten Barcelona und Tottenham äusserst knapp aus. Natürlich finden ­italienische Teams die Europa League nicht so toll, aber das war ein grosser Erfolg für uns.»

Der Torjäger

Im Viertelfinal gegen Benfica lag Frankfurt im Hinspiel nach früher Roter Karte gegen Verteidiger Evan Ndicka kurz nach der Pause 1:4 zurück. Der als Wunderknabe gepriesene João Felix, erst 19, traf dreimal. Die Portugiesen siegten aber nur 4:2 – und verloren eine Woche später auswärts 0:2. «Unsere Mentalität ist beeindruckend», sagt Hütter. «Nicht nur der Schweizer Gelson Fernandes lebt sie vor.»

Keiner verkörpert Wille und Leidenschaft stärker als Filip Kostic, Dauerläufer und Vorkämpfer auf der linken Seite im intensiven 3-5-2-System der Eintracht. Am Donnerstag allerdings muss Frankfurt in der Offensive auf den trickreichen kroatischen Vizeweltmeister Ante Rebic (gesperrt) sowie den verletzten Sébastien Haller, ein Spielertyp wie YB-Torjäger Guillaume Hoarau, verzichten. «Die aussergewöhnliche Ambiance im Stadion wird uns erneut tragen», sagt Hütter.

Ein Hoffnungsträger ist Luka Jovic, 21 erst, aber schon umworben von den ganz Grossen des Weltfussballs wie Barcelona und Real Madrid. Sein Marktwert wird auf 70 Millionen Franken geschätzt. Kürzlich zog Frankfurt die Option bei der Benfica-Leihgabe Jovic und verpflichtete den serbischen Stürmer für rund 7 Millionen Franken. Jovic erzielte diese Saison 25 Pflichtspiel­tore, besitzt fantastische Qualitäten im Abschluss, schwächelte zuletzt aber. «Das ist normal, der Wirbel um ihn ist riesig», sagt Hütter. «In den letzten Tagen war er im Training wieder lockerer.»

Der Druck

Das Beispiel Jovic veranschaulicht die heiklen Begleiterscheinungen des Frankfurter Höhenflugs. In der Liga wirkte das Team zuletzt müde, etwa beim 1:1 in Wolfsburg oder am Samstag beim schwachen 0:0 gegen Berlin. «Das Programm ist anspruchsvoll», sagt Hütter, «doch wir suchen keine Ausreden. Es ist wunderschön, stehen wir mit Chelsea, Arsenal und Valencia im Europa-League-Halbfinal.» Das Endspiel übrigens findet in Baku statt, in der aserbeidschanischen Metropole war Hütter 2014 als Coach von Red Bull Salzburg (und setzte sich gegen Karabach in der 3. Qualifikationsrunde zur Champions League durch). «Baku ist immer eine Reise wert», sagt er schmunzelnd.

Adi Hütter also steht vor einem sehr interessanten Monat Mai. Die Fallhöhe jedoch ist beträchtlich – dabei tanzt Frankfurt in Sphären mit, für die dem Verein eigentlich der Rhythmus fehlt. «Unsere Erfolge haben die Erwartungen brutal nach oben geschraubt», sagt Hütter, der ­bereits im Fokus der Topteams steht. «Ich wurde in Österreich und in der Schweiz Meister. Nun freut es mich, wird meine Arbeit auch in Deutschland geschätzt.»

Der Traum

Zwischen den Duellen gegen Chelsea am Donnerstag und in einer Woche steht für Frankfurt das wegweisende Spiel bezüglich Champions-League-Qualifikation bei Verfolger Leverkusen auf der Agenda, in der letzten Runde das Gastspiel bei Bayern. Es besteht immer noch die Möglichkeit, Ende Saison mit leeren Händen dazustehen. Auf die Frage, ob er lieber den Europa-League-Final erreicht oder Rang 4 in der Bundesliga verteidigt, antwortet Adi Hütter schelmisch: «Wir gewinnen am besten die Europa League. Dann sind wir für die Champions League qualifiziert.»

Erstellt: 02.05.2019, 18:06 Uhr

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