Ungleicher Marathon nach New York

Dieselben Wurzeln, verschiedene Welten: Tadesse Abraham und Ghirmay Ghebreslassie. Der Schweizer läuft erstmals in New York, der Eritreer kommt als Sieger zurück.

Morgen gehören Abraham und Ghebreslassie zur rund 15-köpfigen Elitegruppe unter den über 50'000 Läufern in New York.

Morgen gehören Abraham und Ghebreslassie zur rund 15-köpfigen Elitegruppe unter den über 50'000 Läufern in New York. Bild: Eduardo Munoz/Reuters

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Central Park West, Höhe 68. Strasse, das ist das Ziel der beiden. Wenn Tadesse Abraham und Ghirmay Ghebreslassie morgen auf der Verrazano Bridge am Start des New York Marathons stehen (15.15 MEZ, Eurosport), haben sie den gleichen Weg vor sich: 42,195 km durch die fünf Bezirke der Stadt. Staten Island, Brooklyn, Queens, Bronx und schliesslich Manhattan. Es ist eine anspruchsvolle Strecke über die langgezogenen Brücken und mit dem zermürbenden ­Finale, nicht zu vergleichen mit Berlin, Weltrekorde sind nicht möglich, darum kommen auch keine Pacemaker zum Einsatz. Abraham, der Schweizer ­Rekordhalter, ist 35 und läuft diesen Klassiker zum ersten Mal, Ghebres­lassie ist erst 22 und war im letzten Jahr der jüngste Sieger, den sie in New York je ­gefeiert haben.

Der Weg, den sie vor sich haben, mag derselbe sein, jener, den sie hinter sich haben, ist trotz vieler Gemeinsamkeiten ganz unterschiedlich. Beide haben eritreische Wurzeln, die Hauptstadt Asmara auf 2500 Metern über Meer war einst Abrahams Lebensmittelpunkt, und sie ist heute noch der Ort, wohin Ghebreslassie nach seinen Wettkämpfen zurückkehrt. Ihre Leidenschaft war von Kindsbeinen an der Sport, Abraham versuchte sich erst als Radfahrer, Ghebreslassie wollte nie etwas anderes als laufen. Beide erkämpften sich ihren Weg. Abraham gegen einen Staat, der seine jungen Männer für 18 Monate zum Militärdienst einzieht, aber oft für Jahre nicht mehr gehen lässt. Ghebreslassie gegen einen Vater, der seinen intelligenten Sohn nirgends sonst sah als an der Universität. Dieser sollte es einst besser haben als er.

Tadesse Abraham (35) flüchtete vor 13 Jahren in die Schweiz. Foto: Karel Delvoije (Freshfocus)

Sie haben sich beide durchgesetzt, jeder auf seine Weise. Morgen gehören sie zur rund 15-köpfigen Elitegruppe unter den über 50'000 Läufern in New York, im prestigeträchtigsten der sechs ­Majors. Abraham reist mit einer Bestzeit von 2:06:40 Stunden an, Ghebreslassie mit 2:07:46. Aber diese Marken lassen auf dem Parcours kaum Schlüsse zu.

Über Nacht eine Berühmtheit

Abraham hat 2004, als er so alt war wie Ghebreslassie heute, Eritrea verlassen beziehungsweise: Er ist nach der Cross-WM in Belgien nicht nach Hause zurückgekehrt. Er ist in die Schweiz ­geflüchtet, wo er in Uster Asyl beantragte. Er redet nicht mehr gerne über diese Zeit, schon gar nicht über Eritrea, immer in der Angst, zu viel oder Falsches zu sagen und damit seine Angehörigen zu gefährden. Zwei seiner sieben Geschwister sind ihm nach Europa gefolgt, mit den Eltern ist er in telefonischem Kontakt, eine Reise in seine alte Heimat kann er sich nicht erlauben.

Vor der EM 2014 in Zürich hat Abraham den Schweizer Pass erhalten, nach seiner Einreise hatte er eine Schweizerin mit eritreischen Wurzeln kennen ­gelernt und geheiratet, ihr gemeinsamer Sohn geht mittlerweile zur Schule. Und obwohl er in Uster eine neue Heimat gefunden hat, lebt die Familie von jeher in Genf, dort, wo seine Frau arbeitet.

Abraham und Ghebreslassie sind nicht Freunde, dafür ist ihr Altersunterschied zu gross, ihr Verhältnis zu Eritrea wohl zu unterschiedlich. Sie sind Kollegen – und seit einigen Jahren immer wieder Gegner. Als der Schweizer 2015 in ­Peking an seiner ersten WM mit einer Oberschenkelverletzung kämpfte und wegen mangelnder Verpflegung enttäuschender 19. wurde, triumphierte der Junge: Als 19-Jähriger wurde er über­raschend jüngster Marathon-Weltmeister und erster eritreischer Goldgewinner in der Leichtathletik. Seither ist er wie ­Abraham auch Gast am GP Bern.

Ghirmay Ghebreslassie (22) ist ein gefeierter Botschafter seiner Heimat Eritrea. Foto: Mike Segar (Reuters)

Ghebreslassie wurde über Nacht zur Berühmtheit in seiner Heimat, zum strahlenden Botschafter eines Landes, in dem es vieles zu verbergen gibt. Wenn der Präsident ruft, muss der mittlerweile berühmte Sohn zur Stelle sein, wenn ihn Hunderte von Kindern nach einem Sieg begeistert empfangen, will er nicht derjenige sein, der sich drückt. Dafür geniesst er natürlich Privilegien, Militär ist für ihn kein Thema. So erzählt das sein Betreuer von Global Sports Communication, seiner Managementfirma, die auch die Legenden Haile Gebrselassie, Kenenisa Bekele oder Eliud Kipchoge vertritt.

Ghebreslassies Talent und Potenzial waren schon zu Juniorenzeiten offensichtlich, als 18-Jähriger wurde er als Pacemaker beim Chicago Marathon Sechster. Und als er vor einem Jahr als Weltmeister nach New York kam, bestätigte er seinen Titel mit einer Leistung, die man bis dahin nur erfahrenen Marathonläufern zugetraut hätte.

Übermütig geworden

Beide, auch Abraham, haben den Erfolg also kennen gelernt. An den Olympischen Spielen in Rio startete Abraham mit dem Selbstvertrauen des Doppel- Europameisters im Halbmarathon und wurde Siebter, der Jüngere verpasste das Podest als Vierter nur knapp. Und dann, nach ihren herausragenden Leistungen, wurden sie ein wenig übermütig. Abraham fasste noch 2016 den Europarekord ins Auge – und erlitt einen Ermüdungsbruch. Ghebreslassie plagte nach übermässiger Belastung im Sommer eine Knieverletzung – aus der Titelverteidigung an der WM in London wurde nichts.

New York ist also für beide das erste grosse Rennen seit längerer Zeit. Abraham reiste am Mittwoch aus seiner Trainingsbasis in Addis Abeba an – mit Testresultaten, die ihn zuversichtlich stimmen. «Ich habe mein Training zu hundert Prozent absolvieren können, also bin ich auch hundertprozentig fit», sagt er. Ghebreslassie kommt aus Asmara, bei ihm tönt es anders. Seit acht Wochen sei er wieder im Training – erst. Ob die Startgage mehr gelockt hat als die Form, wird sich zeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2017, 13:44 Uhr

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