«Djokovic dürfte Federer und Nadal noch überholen»

Vor 50 Jahren holte Rod Laver seinen zweiten Grand Slam. In Melbourne kramt der 80-Jährige in Erinnerungen – und gibt Prognosen ab.

Der Mann, der das Grösste im Tennis schaffte, den Grand-Slam: Rod Laver auf dem Weg zum Wimbledonsieg 1969. Foto: Ed Lacey (Popperfoto/Getty)

Der Mann, der das Grösste im Tennis schaffte, den Grand-Slam: Rod Laver auf dem Weg zum Wimbledonsieg 1969. Foto: Ed Lacey (Popperfoto/Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rod Laver will wissen, woher die Reporter kommen, die mit ihm am Tisch sitzen. Chile, USA, Schweiz, Indien und Spanien ­sagen wir. «The Rocket» scheint beeindruckt. «Wie die Tennisszene sich entwickelt hat, wie international sie geworden ist und wie heute gespielt wird, ist unglaublich», sagt er, bevor die Fragerunde beginnen kann.

Zum 50-Jahr-Jubiläum seines zweiten Grand Slams – dem Gewinn der vier grössten Turniere im gleichen Jahr – hat Tennis Australia einen Film über Lavers damalige Erfolge produziert, den auch er an diesem Mittwoch erstmals sieht. Der Australier ist inzwischen 80, ein kleiner Mann, der Gang etwas unsicher, die Augen wässrig. Mit Zahlen und Namen tut er sich schwer, aber sein Langzeitgedächtnis funktioniert. Der Film bewegt ihn, lässt alte Erinnerungen aufflammen.

«Als wir spielten, war das Tennis noch eine andere, kleine Welt», sagt der Gewinner von 200 Turnieren. «Die Spieler werden heute auch viel besser betreut. Ich erhielt vier Schläger, die reichten für ein Jahr. Ein Satz Saiten genügte für Wimbledon. Wenn du den Ball stets in der Mitte des Rackets trafst, wurde er genug schnell. Und wenn sich die Saiten verschoben, fixierte ich sie manchmal mit einem Tape.»

Und dann die Schuhe! «Alle sechs Monate gab es für mich ein neues Paar.» Laver lacht. «Wenn ich sehe, wie viele Spieler heute für jede Partie ein Paar verbrauchen, frage ich mich, ob sie so viel rennen oder ob die Schuhe nicht mehr sehr gut sind.»

Die Lehre bei den Profis

Der Linkshänder gewann zwar nur elf Grand-Slam-Titel, 1962 und 1969 aber gleich alle vier – ein Double, mit dem er in der Tennisgeschichte alleine steht. Seinen ersten Grand Slam schaffte er als Amateur, den zweiten kurz nach Anbruch der Profiära. 1963 wechselte er zu der kleinen Gruppe Profis, die ihren eigenen Anlässen nachtingelten und erst ab dem French Open 1968 an Grand-Slam-Turnieren teilnehmen durften.

Laver sieht Novak Djokovic an der Weltspitze: Der Serbe nach seinem Sieg gegen Kei Nishikori am Australian Open. Foto: Keystone

«Ich konnte es mir nicht leisten, Amateur zu bleiben», sagt der Gstaad-Sieger von 1962, «ich hatte mit Tennis ja nichts eingenommen.» Vom Niveau bei den Profis sei er zuerst überfordert gewesen, gibt der für seine Bescheidenheit bekannte Angriffsspieler von der australischen Ostküste zu. «Sie waren viel besser. Meine Idole waren Lew Hoad, Pancho Gonzalez und Ken Rosewall. Die erteilten mir einige harte Lektionen. Gegen Hoad verlor ich 13-mal in Folge.»

Laver hatte 1962 als zweiter Spieler nach dem Amerikaner Don Budge (1938) den Grand Slam geschafft. Sieben Jahre später war seine Befriedigung grösser, weil inzwischen die ganze Weltelite dabei war. «Ich war auch viel besser als zu meinen Zeiten als Amateur.» Er erinnert sich an vieles genau. «Es war das erste Mal, dass alle vier Turniere für die Profis geöffnet waren, und ich sagte zu meiner Frau, dass ich alle bestreiten wollte. Sie sagte: Nur zu, es ist deine Karriere. Als ich in Australien war, rief sie mich aus unserem Wohnort in Kalifornien an und sagte, sie sei schwanger.» Die Geburt sei für den Finaltag des US Open vorausgesagt worden, was er als gutes Omen betrachtete. Erst Tennis – dann Familie.

Der Rasenspieler

Dass damals neben Wimbledon auch noch das Australian Open und das US Open auf Rasen ausgetragen wurden, sei für ihn ein Vorteil gewesen, sagt der Mann, nach dem Melbournes Hauptstadion benannt ist, was ihn mit Stolz erfüllt. «Die Europäer spielten nicht oft auf Rasen, wir Australier fast immer. Mein Problem war, dass ich lernen musste, auf Sand zu spielen.» Dort sei er von den Europäern zuerst so oft geschlagen worden, dass er sich zur Radikalkur entschlossen habe. «Ich wollte wissen, was sie mit mir machten, und schrieb mich für alle Turniere ein. Langsam entdeckte ich einige ihrer Geheimnisse.»

Trägt seinen Namen: Die Rod Laver Arena in Melbourne wurde zu seinen Ehren so benannt. Foto: Keystone

Lavers Wege führen ihn dieses Jahr auch in die Schweiz, wo in der Genfer Palexpo-Halle der 3. Laver-Cup steigt (20. bis 22. September). Das werde sehr speziell, da es ja Federers Heimat sei, sagt er. Er weiss, dass es diesen Anlass ohne den 20-fachen Grand-Slam-Sieger nicht geben würde. «Roger ist ein Historiker. Er wollte, dass die Erfolge der früheren Generationen nicht im Schatten verschwinden, und fand, dass mein Name gross genug ist, um alle früheren Champions zu repräsentieren.» Trotz seiner Bewunderung und Sympathie für den Schweizer glaubt er aber nicht, dass dieser noch lange Rekord-Grand-Slam-Champion bleiben wird. «Ich bezweifle, dass Roger noch viele Majortitel holen wird. Vielleicht in Wimbledon, weil er ein Rasenspieler ist. Aber Djokovic dürfte ihn und Nadal noch überholen.»

Aber – wie gesagt: Was Zahlen betrifft, ist Laver nicht ganz sattelfest. So siedelt er Federers Sieg in Melbourne über Baghdatis – nach welchem er ihm den Pokal überreichte – «vor etwa acht Jahren» an, dabei sind es dreizehn. Und irgendwann fragt «die Rakete aus Rockhampton» in die Runde: «Wie viele Grand-Slam-Titel hat Roger eigentlich – 17?» Es sind 20, gegenüber 17 von Nadal und 14 von Djokovic. Zumindest bis Sonntag.

Erstellt: 23.01.2019, 22:48 Uhr

Artikel zum Thema

Tsitsipas lotet keine Grenzen aus – er überschreitet sie

Video Der Grieche Stefanos Tsitsipas ist mit 20 Jahren der jüngste Grand-Slam-Halbfinalist seit 2007. Sein Weg an die Spitze ist so ungewöhnlich wie seine Herkunft und Persönlichkeit. Mehr...

Ein Tennis-Drama um Serena Williams

Video 5:1-Führung im Entscheidungssatz und Matchbälle, doch dann nahm das Unwahrscheinliche gegen Williams seinen Lauf. Mehr...

«In Federers Hinterkopf ist, noch zwei Jahre zu spielen»

Video Holt Federer den 21. Grand-Slam-Titel? Was muss er ändern? Und wieso erwägt er, in Paris zu spielen? Tennis-Experte Simon Graf gibt Auskunft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Wo digitale Nomaden der Einsamkeit entkommen
Mamablog Rassismus im Kindergarten

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...