Vom Bett ans Spiel in zwei Sekunden

Ein Augenschein in Russland vor der Auslosung zeigt: Es wird eine WM der langen Reisen und enormen kulturellen Unterschiede.

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Zum ersten Mal seit fast 40 Jahren blickt im kommenden Frühsommer die ganze Sportwelt nach Russland. Zum wichtigsten Sportanlass in der Geschichte des flächenmässig grössten Staates der Erde. Die WM ist grösser als die Olympischen Sommerspiele 1980, die von 66 Nationen boykottiert wurden, und sie ist viel grösser als die Winterspiele 2014 in Sotschi.

Präsident Wladimir Putin sagte unmittelbar nach der umstrittenen Vergabe: «Wir wollen uns im besten Licht präsentieren.» Übersetzt heisst das: Milliarden werden investiert, in Stadien, Strassen, Hotels und andere Infrastruktur. Kein Schatten darf auf die WM fallen.

Morgen steht nach der Auslosung in Moskau fest, wohin die Reisen für die Schweiz und die anderen 31 Mannschaften führen werden. Ein Besuch in vier von elf WM-Städten.

Finger weg vom Rasen

«Hey, bleibt weg. Das ist mein Baby.» Murad Raschiljwitsch sagt es lächelnd, aber nicht ganz ohne Schärfe in der Stimme. Niemand soll den Rasenteppich berühren, der permanent unter künstlichem Licht liegt, damit er schneller wächst. Raschiljwitsch war schon in Sotschi dabei, nun ist er für den Umbau des Luschniki-Stadions verantwortlich. Sieben Spiele werden hier ausgetragen, zwei Daten sind jedem Russen vertraut: Der 14. Juni, ein Donnerstag – es wird der Tag sein, an dem die «Sbornaja» das ­Eröffnungsspiel bestreitet. Und natürlich der 15. Juli, der Finalsonntag.

Das Luschniki-Stadion ist die Sportstätte in Russland schlechthin. 1980 war es das Hauptstadion bei den Sommerspielen, damals hiess es noch «Zentrales Leninstadion». 2013, nachdem Usain Bolt dreimal WM-Gold gewonnen hatte, wurde die Tartanbahn entfernt. Heute fasst das reine Fussballstadion 81'000 Zuschauer. «Wir haben alles ersetzt ausser den Mauern», sagt Raschiljwitsch zur kleinen Gruppe Fussballjournalisten, die sich einen Überblick über den Stand der WM-Vorbereitungen verschaffen.

«Haus des Sports» nennen die Einwohner Moskaus das Stadion, und sie haben mitgeholfen, es wohnlich zu machen. 147'000 nahmen an einer Internetabstimmung über die Farben der Sitze teil. Eingeweiht wurde die renovierte Arena am 11. November mit der 0:1-Niederlage gegen Argentinien.

Im Zentrum reiht sich Boutique an Edeldesigner, die Dichte an Nobelkarossen ist grösser als in jeder anderen Stadt Europas. Die so westliche Hauptstadt ist in fast allen Lebensbereichen Taktgeber für Russland. Das gilt auch für die WM, an der in Moskau insgesamt zwölf Spiele stattfinden. Die restlichen fünf Partien, neben sieben im Luschniki, in der neuen Otkrytie-Arena, seit 2014 ist das der Name von Spartaks Heimstätte.

Wer will, kann also sein WM-Quartier in Moskau beziehen und an jedem zweiten Spieltag eine Partie besuchen. Und wer dann immer noch nicht genug Fussball hat, dem sei ein Besuch bei Loko­motive Moskau empfohlen. Alle Eingänge der Arena sind im Stil von Eisenbahnrädern konzipiert, dazu betreibt der Verein das erste reine Fussball-­Museum Russlands, ein eigenes Stadion für die Academy sowie eine Klinik. Der deutsche Sportdirektor Erik Stoffelshaus, früher bei Schalke, schwärmt: «Die Trainingsbedingungen sind fantastisch.» Letzte Saison gewannen die Eisenbahner den Cup, nun führen sie die Liga sechs Punkte vor Zenit St. Petersburg an.

Das wahre Russland

Breite Boulevards, graue Plattenbauten auch im Stadtzentrum, Symbole des Kommunismus an jeder Ecke. Englisch ist in Nischni Nowgorod, dem früheren Gorki, kaum ein Thema, weder gesprochen noch geschrieben. Durchschlagen muss sich der Ausländer auf Russisch oder per Handzeichen. 400 Kilometer östlich von Moskau taucht der Besucher in eine ­andere Realität ein, vier Stunden brauchte der Schnellzug, um hierhinzukommen. Zwischen den 1930er-Jahren und 1991 war die Stadt für Ausländer ­geschlossen, da auch Rüstungsgüter produziert wurden, Atom-U-Boote, Kampfflugzeuge und Panzer. Heute lassen Souvenirshops das Herz von Armeefans schneller schlagen.

Sechs WM-Spiele sind hier angesetzt, in einer Arena für 45 000 Fans und mit atemberaubender Aussicht auf die orthodoxe Newski-Kathedrale. Die Heimstätte von Olympiez wurde da gebaut, wo Wolga und Oka zusammenfliessen. «Wir sind auf Kurs», sagt der stellvertretende Bauführer zu den Umbauarbeiten – und verteilt Give-aways: Thermos­flasche, USB-Stick, Cap – alle mit der Aufschrift «Host City». Er verabschiedet sich herzlich: «Kommt im Juni wieder, es wird grossartig.»

Das Urteil ist gemacht

Er wirkt entspannt, fast gleichmütig. «Ich gehe davon aus, dass Russland mit den besten Teams nicht mithalten kann», sagt Nikolai Pisarew. Der Cheftrainer des Zweitligisten Olympiez sitzt im ältesten Sportpub der Stadt. Im Hintergrund läuft die Champions League, Edin Dzeko jubelt gerade nach einem Tor für die AS Roma.

Das Abschneiden des Gastgebers hat wesentlichen Einfluss auf die Stimmung. In den letzten 50 Jahren überstanden ausser Südafrika alle die Vorrunde. Pisarew sieht diese Serie gefährdet: «In unserer Liga fehlt es an der ­Intensität, die Spieler brechen regel­mässig ein.» Der 49-Jährige nimmt einen Schluck Bier und wird grundsätzlich: «Die russischen Fussballer verdienen ihr Geld nicht, sie bekommen es einfach.»

Pisarew kann sich solche Aussagen erlauben. Sechs Jahre arbeitete er für den Verband, mehrheitlich als Trainer der U-21. Einst trug er dreimal das Trikot der Sowjetunion. Vergleichen könne man die Zeiten nicht, sagt er: «Wir hatten einen guten Teamgeist, und für jede Position gab es zehn Spieler. Heute haben wir beides nicht mehr.» Bezüglich der Auswirkungen auf den Sport bedauert er den Kollapsdes früheren Systems: «Wir waren eigentlich die Auswahl Eurasiens. Wir hatten Georgier, Ukrainer und Weissrussen.»

Pisarew ist in der Schweiz nicht unbekannt: Von 1990 bis 1992 spielte er für Winterthur. Die russischen Spieler hätten heute keinen Anreiz mehr, ins Ausland zu gehen, beklagt er: «Moskau und St. Petersburg sind schöne Städte, und die Spieler verdienen enorm viel.» Sein Fazit ist klar: «Wir exportieren heute Eishockeyspieler, leider keine Fussballer.»

Die Stadt in der Stadt

Die Reise führt im Nachtzug nach Kasan, acht Stunden dauert sie. Und acht Stunden das ständig gleiche Geräusch: tack, tack, tack, bis die Augen zufallen. Knapp 50 Euro kostet das Ticket im Viererabteil in der 2. Klasse, Bettwäsche inbegriffen sowie in jedem Wagen eine Zugbegleiterin wie in diesem Fall Swetlana. «World Cup, grrrreat.»

Kasan gilt als Geheimtipp, die Hauptstadt der Republik Tatarstan, in der Orient und Okzident friedlich koexistieren. Und tatsächlich: Kein Stau, viele Grünflächen, die Promenade lädt zum Flanieren ein, man könnte sich in Südeuropa wähnen. Kasan ist eine Sportstadt, in Eishockey, Basketball und Volleyball in der kontinentalen Elite vertreten. Und da ist noch Rubin, der Fussballclub, der mit den Titelgewinnen 2008 und 09 in die Phalanx der Grossclubs einbrach. Hier unterschrieb der frühere GC-Verteidiger Moritz Bauer 2016 für fünf Jahre. Wegen des Lohns, klar, aber auch die ­Lebensqualität stimmt. «Im Stadtzentrum ist es von den Möglichkeiten her fast wie in Zürich», sagt er.

Zum Wohlfühlen gehört auch seine Arbeitsstätte. Die Kazan Arena, die mit dem Slogan «Die Stadt in der Stadt» lockt, übertreibt nicht. Nebst Fussball spielen kann man hier: schwimmen und Squash spielen, es bietet ein Fitness­center, Restaurants oder einen Harley-Davidson-Shop. Der Nachwuchs wird im geräumigen «Kidspace» platziert.

Wer schon immer einmal direkt aus dem Bett an ein Fussballspiel wollte, für den ist die Arena Pflicht, die 2013 als erstes WM-Stadion eingeweiht wurde. Fünf Skyboxen können zu Hotelzimmern umfunktioniert werden, samt zwei Doppelbetten und Kitchenette. Die Distanz zum gedeckten Sitzplatz auf der Tribüne beträgt einen Meter oder: zwei Sekunden. Ab 1500 Euro kostet der Spass bei einem Ligaspiel pro Zimmer, während der WM ist das Angebot nicht erhältlich.

Es droht Sibirien

Die schrecklichen Bilder von prügelnden Hooligans am EM-Spiel 2016 zwischen England und Russland in Marseille gingen um die Welt. 150 Russen wurde die Hauptschuld gegeben, sie seien speziell für diese Kämpfe trainiert worden. Klar, dass viele Sorgen der ­Sicherheit gelten.

«Glauben Sie mir, die WM wird grossartig», sagt Sergej Ryschikow in einer Sportbar in Kasan. Er muss quasi von Amtes wegen diese Botschaft übermitteln, der 37-jährige Goalie ist einer der WM-Botschafter. Seit 2008 spielt er für Rubin, mit ihm begann der Aufschwung. Nun verkündet er: «Die WM wird kein ­Sicherheitsproblem haben.» Und bestätigt so, was Bauer sagt: «Ich habe hier noch nie ein Problem erlebt.»

Der Respekt vor Autoritäten ist gross. Bauer gesteht: «Ich würde mich nicht einmal getrauen, einen Kaugummi nicht zu bezahlen.» Dass man Ordnungskräfte nicht herausfordern sollte, erlebte einer in der Journalistengruppe, als er in der Nähe des Spartak-Stadions an einem Baum einem dringenden Bedürfnis nachgehen wollte. Im Nu war er von Polizisten umzingelt, und erst das Eingreifen der Reiseleiterinnen führte zur Entspannung.

Offiziell bestätigen will es niemand, aber es gilt als sicher: Potenzielle russische Unruhestifter sind ausgemacht und vorgewarnt. Nichts soll einen Schatten auf die Putin-Festspiele werfen, schon gar nicht Schläger. Die Mitteilung scheint angekommen zu sein, die Aussicht auf ein paar Jahre in Sibirien dürfte Abschreckung genug sein. «Die russische Polizei ist nicht die französische», erklärt der Journalist Dimitri Jegorow.

Für die WM benötigt jeder Fan neben dem Ticket eine Fan-ID, ein Identitäts­dokument. Registrieren kann man sich online (www.fan-id.ru). Beim anschliessenden Sicherheitscheck wird kontrolliert, ob jemand schwere Verbrechen begangen hat oder in einer Hooligan-Datenbank registriert ist. «Wir testeten das System am Confed-Cup mit rund 480'000 Fan-IDs. Diesmal rechnen wir mit 3 Millionen», sagt der Mitarbeiter des Ministeriums für Telecom und Massenkommunikation. Die ID berechtigt auch zur visumsfreien Einreise und kostenlosen Nutzung einiger Verkehrsmittel inklusive bestimmter Züge zwischen den Spielorten.

Mit einem Bein in Asien

Mindestens 35'000 Plätze schreibt die Fifa für eine WM-Arena vor, das historische Stadion in Jekaterinburg fasste aber nur 24'000. Da entschied man sich für eine pragmatische Lösung: Die Struktur wird beibehalten, aber die ­Kapazität erhöht. Und so wurden einfach zwei zusätzliche Tribünen erstellt, die sich gefährlich steil erheben. Sie bringen etwas Moderne in die noch sehr sozialistisch angehauchte Stadt.

Wer Jekaterinburg hört, denkt zwangsläufig an den Geschichts­unterricht und an eine Nacht, die sich bald zum 100. Mal jährt. Im Juli 1918 wurde hier die gesamte Zarenfamilie Romanow ­ausgelöscht. Später war die Stadt, wie Nischni Nowgorod und ebenfalls wegen Tätigkeiten in der Rüstungsindustrie, lange für Ausländer geschlossen, sie hiess damals Swerdlowsk.

Der Zug hat die Gruppe in die östlichste WM-Austragungsstätte gebracht, 1700 Kilometer von Moskau. Wer hier ankommt, steht mit einem Bein in Asien. 15 Stunden, wieder im Nachtzug, diesmal im Zweierabteil. Um 17 Uhr das Abendessen im Speisewagen. Die Innendekoration postsowjetisch, kitschige Tischdecken, die ältere Dame, die serviert, schielt immer wieder auf das Bild Putins. Es gibt russischen Salat und Borschtsch, die Nationalsuppe, Rindfleisch und Kartoffeln. Nachher bleiben 12 Stunden: für ausgiebigen Schlaf oder Anekdoten und einen Schluck Wodka. Wer Zeit und Musse hat und auch ein paar Stunden auf Handyempfang verzichten kann, für den ist die Bahn eine Alternative zu Flugreisen.

20 Minuten ausserhalb der Stadt markiert ein Obelisk die Grenze zwischen den Kontinenten, fast jeder Tourist schiesst hier ein Selfie. Zwei Kilometer vorher biegt der Kleinbus ab, und der Guide weist den Weg zu einer unendlichen Reihe von Gedenktafeln. Rund 25'000 Personen fielen 1937 und 38 in der Region stalinistischen Säuberungsaktionen zum Opfer, ganze Tafeln zeigen denselben Familiennamen.

Es ist kalt geworden.

Die Reise wurde durch die russischen Staatsbahnen ermöglicht.

Erstellt: 29.11.2017, 22:49 Uhr

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