Vom Computerprogramm trainiert

Viele Hobbyathleten engagieren Proficoaches, um sich in Form zu bringen. Neben Menschen beginnen auch Algorithmen, den Trainingsalltag zu prägen.

Wer sich durch einen Triathlon und die Wechselzonen kämpft, will dafür gut vorbereitet sein – hier am Ironman Hawaii. Foto: Tom Pennington (Getty Images)

Wer sich durch einen Triathlon und die Wechselzonen kämpft, will dafür gut vorbereitet sein – hier am Ironman Hawaii. Foto: Tom Pennington (Getty Images)

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Wenn die 1900 Eisenmänner und -frauen übermorgen in Zürich zu ihrem Ironman-Abenteuer starten, haben sie ­Hunderte Trainingsstunden durch­geschwitzt. Auf das eigene Fachwissen verlassen sie sich dabei immer weniger. Wer viel Geld und Zeit in diesen Härtetest über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km Laufen investiert, will den Aufwand belohnt sehen.

Darum lassen sich viele dieser Männer und Frauen – oft mit akademischem Hintergrund und gut situiert – von Proficoaches führen. In keinem anderen Sport hat sich in der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren eine vergleichbare Szene entwickelt: Hauptberufliche Trainer kümmern sich um Hobbyathleten – auf sieben Kunden kommen im Schnitt drei Kundinnen.

Die cleveren Coaches bieten den Normalos gar Starkontakte. So dürfen Triathleten von Brett Sutton, der Nicola Spirig zu Olympia-Gold führte und Daniela Ryf zum Hawaii-Triumph, immer wieder mit diesen Grössen ins Wasser. Besser kann Marketing nicht ablaufen.

Wie viele solcher hauptberuflichen Fitmacher à la Sutton wirken, ist nicht bekannt. Jeder kann sich in der Schweiz (Triathlon-)Coach nennen. Die Branche ist folglich nicht reglementiert und unübersichtlich. Die Trainer locken die potenziellen Kunden mit ihrem Lebenslauf. Basis bildet meist die eigene Athletenkarriere. Hinzu kommen Feedbacks zufriedener Kunden. Wer in dieser sehr überblickbaren Szene immer wieder Athleten zu Bestzeiten führt, gilt als ­gefragter Könner.

Die Lust an langen Distanzen

Die Trainer bieten Zeit und Wissen in Form verschiedener Pakete. Sie kosten biscirca 500 Franken im Monat, was verdeutlicht: Eine persönliche Betreuung muss man sich erst einmal leisten können. Geld ist gerade bei Langdistanz-Triathleten meist ausreichend vorhanden, Zeit neben Beruf und Familie eher weniger.

Auch darum beschäftigen viele von ihnen Proficoaches. Diese bauen die Trainings um Familie sowie Beruf ­herum und ermöglichen den leistungswilligen Zeitoptimierern mehr Freiraum fürs Trainieren. Zugleich wirken sie als Psychologen. Zumindest die ­Premiumkunden dürfen auch Kleinstsorgen täglich beim Trainer abladen, Handy oder E-Mail-Programm können da heiss laufen.

Marcel Kamm gehört zu diesen sportlichen Seelsorgern. Der Zürcher ist ­Geschäftsführer und Mitinhaber der Firma Tempo Sport in Thalwil, war top im Rudern und Triathlon. Im Raum ­Zürich zählt Tempo Sport zu den Grossen. Wer auf dem Rennvelo durch den Kanton rollt, trifft immer wieder auf einen Gümmeler mit dem schwarz-weiss-roten Trikot. 5000 Jerseys sind im Umlauf und garantieren hohe Publizität.

Entstanden ist die Firma klassisch – als Sportgeschäft mit Fachgebiet Triathlon. Als der Ironman um die Jahrhundertwende zu boomen begann, fragten die Tempo-Sport-Kunden vermehrt nach Trainingstipps. «Weil die Nachfrage der Hobbyathleten stieg, wuchs parallel dazu der Markt für Coaches signifikant», sagt Kamm.

Er und Kollege Carlos Cuenca betreuen mittlerweile 36 Athleten in den Disziplinen Laufen, Rad und Triathlon. 120 Franken pro Monat kostet das Abo für einen Läufer, 175 für einen Triathleten bzw. Multisportler. Mehr Bewegte will das Trainerduo nicht aufnehmen, weil es «ansonsten nicht mehr seriös mit ihnen arbeiten könnte», sagt Kamm.

Tempo Sport aufs Anbieten von ­Wissen und Fachartikeln zu reduzieren, wäre falsch. Die Firma ist auch ein «Club ohne Chlausabend», wie Kamm beschreibt. Er und seine Mitstreiter bieten nämlich eine moderne Form des Clublebens, ohne Vereinsgebühren und Feste. Bei Tempo Sport gehen die «Mitglieder» miteinander auf dem Rennvelo ausfahren oder treffen sich im Laden zum Fachsimpeln. Ein wenig Nestwärme schätzt also auch der individuell ausgerichtete Triathlet oder Läufer.

Für Kamm ist Coaching ein «People-Business», lebt vom direkten Kontakt. Es prägt auch den Alltag von Dan Aeschlimann, einem zweiten Grossen im Raum Zürich. Der frühere Radprofi gründete 2010 mit einer Partnerin sein Sport­coaching-Unternehmen My Sport. 80 Hobbyathleten bringen der Berner und zwei andere Profitrainer zurzeit in Form. Im Gegensatz zu Kamm coacht Aeschlimann auch Wieder- oder Neu­einsteiger und berät Firmen bzw. deren Angestellte.

Das ganz grosse Potenzial findet sich nicht im Betreuen von Sportlern, sondern im Gesundheitsbereich generell. Aeschlimann verhandelt darum mit Krankenkassen, damit sie seine Dienste anerkennen. Schliesslich kann er ihnen mit Präventivarbeit im Idealfall viele Millionen einsparen, also Krankenkassenkunden so fit halten, dass sie gar nicht erst oder viel später erkranken und zu teuren Patienten werden.

Die Giganten rüsten sich

Aeschlimann versucht auch im Sport, neue Facetten zu erschliessen. Weil er natürlich weiss, dass sich in seinem ­Beruf jeder Trainer nennen darf, hat er einen Lehrgang aufgebaut. «Ausdauer-Sporttrainer» heisst er. Die Migros hat ihn für ihre Klubschule lizenziert. 2800 Franken kostet das Modul an 64 Lektionen, 6500 Franken das doppelt so lange. Sie schaffen Grundlagenwissen fürs ­Coaching.

Der Lehrgang führte dazu, dass Dan Aeschlimann sein Angebot verbreiterte. Er musste merken: So mancher seiner Athleten verabschiedete sich in die Selbstständigkeit als Trainer, arbeitete aber gerne mit seinen Plänen und Ideen weiter. Mit einer Software zur Trainingssteuerung versucht er, sie seit diesem Frühling wieder an sich zu binden. Via Software können diese Neucoaches ihren Athleten eine professionelle Plattform bieten, zahlen Aeschlimann aber immerhin ein Abo zur Benutzung. «Ich kann ja nicht jeden verklagen, der von meiner Vorarbeit profitiert», sagt er im Scherz.

Neben menschlicher Betreuung setzt Running Coach konsequent auf Technologie. Das Unternehmen gründete Viktor Röthlin mit, der Marathoneuropameister von 2010. Er hält weiter Anteile daran. Weil sich nicht jeder Athlet einen Trainer leisten kann oder will, baute ­Röthlin mit Partnern einen dynamischen Trainingsplan für Läufer auf. Er ist auf jeden Kunden abgestimmt und berücksichtigt den aktuellen Fitnessstand. Kern dieses digitalen Coachings sind Algorithmen, die das Computer­programm prägen.

«Man kann eine Trainingsplanung nicht programmieren, damit sie individuell und dynamisch abläuft», sagte sich Röthlin zu Beginn des Projekts. Nach Hunderten Arbeitsstunden, in denen sich Computerspezialisten damit beschäftigten, sagt er nun: «Ich habe mich getäuscht.» Als Beleg erwähnt er die 50 000 Kunden, die das Portal inzwischen zur Formsteuerung verwenden. Das Einsteigerpaket ist gratis, das teuerste kostet 83 Franken im Monat. Running Coach ist auf alle gängigen Mess­geräte abgestimmt, womit sich die Daten synchronisieren lassen.

Röthlin bezeichnet die Plattform als «klassisches Start-up». Die Konkurrenz ist schliesslich (über-)mächtig. Auch Sportartikelgiganten wie Nike oder Adidas haben mittlerweile Trainingstools eingekauft, um damit ihre Markenbindung zu verstärken. Zugleich haben sie wie Röthlin oder Aeschlimann die Basis gelegt, in den Gesundheitsbereich vordringen zu können.

Erstellt: 27.07.2017, 22:40 Uhr

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