Vom Zürichsee zu den Haien und Stürmen

Vier Schweizer wollen über den Atlantik rudern. Sie sehen viele Probleme auf sich zukommen.

Atlantic Challenge: Für die Überquerung des Atlantiks trainierten die vier Schweizer auf dem Zürichsee. Illustration: TA

Atlantic Challenge: Für die Überquerung des Atlantiks trainierten die vier Schweizer auf dem Zürichsee. Illustration: TA

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Bea Strub hoffte. «Dass das Projekt nicht zustande kommen oder am Geld scheitern würde. Dass sie keine Lust mehr haben.» Sie hoffte vergebens. Ihr Sohn Marlin und seine Kollegen Luca Baltens­perger, Yves Schultheiss und Laurenz Elsässer sind derzeit auf der Kanareninsel La Gomera und starten am 12. Dezember als eines von 28 Teams in einem Ruderboot zur Über­querung des Atlantiks. Vor ihnen liegen 4800 Kilometer Wasser, Wellen, Winde. Vor ihren Eltern liegen vor allem Sorgen. Schultheiss’ Vater André schläft nicht mehr gut. Je näher der Start kommt, desto mehr Fragen tauchen auf. Was, wenn jemand vom Boot fällt oder es mal Streit gibt? Die Blasen an den Händen? Und überhaupt: Wo ist das WC? Auf viele Fragen gibt es eine Antwort, anderes ist kaum planbar.

Bei Fehlern warten die Haie

Wenn sich der Atlantik von seiner rauen Seite zeigt, bleibt dem Team Swiss ­Mocean nur eines: Sie drängen sich in ihre zwei Kojen. Dort verharren sie. Dass sie das Rennen gewinnen und gar den Weltrekord von 35 Tagen unterbieten wollen, darum geht es dann nicht mehr. Eine Unachtsamkeit bei einem Sturm kann zwischen Leben und Tod entscheiden. Wenn sich die Ruderer nicht an die Richtlinie halten, sich an Deck stets ­anzuleinen, landen sie im Wasser. Und wenn sie die Klappen zu Kojen und Stauräumen nicht schliessen, füllt sich das Boot mit Wasser und sinkt. Doch die ­Natur hat nicht nur in Form von ­Stürmen und Wellen ihre Tücken. Die «Mrs. Nelson», so heisst das Boot, wird zwangsläufig irgendwann von Algen ­befallen sein. Diese locken Fische an, die wiederum bald von Haien ­verfolgt werden. Das Boot muss darum regelmässig geputzt werden.

Zu viert und doch alleine

Obwohl mit vielen Teams ­gestartet, werden die 26- bis 28-jährigen ­Schweizer grösstenteils allein sein. Um sie ­herum: Wasser. Unter ihnen: Wasser. Über ­ihnen: nichts. «Die Chance, ein anderes Schiff zu sehen, ist winzig», sagt Strub. Umso wichtiger ist es, dass die Technik mitspielt. Alle Teilnehmer sind mit GPS-Sendern ausgestattet. Diese dienen zur eigenen Orientierung und zur ständigen Überwachung durch die Rennleitung. Dazu kommt ein Satellitentelefon, ein Notfunkgerät und ein Antikollisionssystem, das andere Schiffe warnt, falls ein Zusammenstoss droht.

Elf Cheeseburger täglich

5000 Kalorien, das sind gut elf Doppel-Cheeseburger. Genau diese Menge soll der Kleinste und Leichteste des Teams, Laurenz Elsässer, jeden Tag umgerechnet ­einnehmen. Nochmals 1'000 kcal mehr gibt es für die fast 100 kg schweren Strub, Baltensperger und Schultheiss. Und auch das ist noch viel zu wenig. Die Schweizer gehen von einem täglichen Verbrauch von 12'000 Kalorien aus. Auf 60 Tage gesehen, bedeutet das: Ein Teilnehmer kann bis zu 20 Prozent ­seines Körpergewichts verlieren.

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Der Kalorienbedarf des Teams wird zum Grossteil aus Protein-Shakes und Drinks befriedigt, die es in Form von Pulver dabeihat. Dazu kommen Energieriegel und abgepackte Fertigspeisen, aufgewärmt mit einem Gaskocher. Einen «kulinarischen Höhenflug», nennt Baltensperger die Bordküche ironisch. Das für die Shakes verwendete Meerwasser wird mit einer koffergrossen Entsalzungsanlage trinkbar gemacht. «­Hässlich» werde das schmecken, ist sich Schultheiss vor der Abreise sicher.

Der erprobte Rhythmus

Der Plan ist simpel, erfordert aber ­Disziplin: Während Strub und Baltens­perger rudern, erholen sich Schultheiss und Elsässer – und umgekehrt. Ruder- und Erholungsphase dauern je zwei Stunden. Nach dem Rudern gibt es Zeit für Körperpflege und einen Logbucheintrag, dann ziehen sich die zwei Abgelös­ten in ihre Koje zurück. Der Rhythmus wurde in früheren Jahren bereits von anderen Teams angewandt. Ihn während mehrerer Wochen konsequent durchzuziehen, wird die grosse Herausforderung. Alle vier rechnen damit, dass es irgendwann Streit geben wird. Dann könnten die Teams gewechselt werden, als Captain hat Strub das letzte Wort.

Der Verlockung widerstehen

Wer gerade einen Blick aus dem Fenster wirft, den friert es wohl schon beim Gedanken ans Rudern. Für Swiss Mocean wird das Gegenteil der Fall sein. In Richtung Antigua und nahe am Äquator sind Tagestemperaturen von über 30 Grad normal. Unangenehmer als das Rudern wird jedoch die Zeit in den Kojen. Jeder, der schon einmal unter der prallen Sonne in einem Zelt lag, weiss, wie heiss es darin werden kann. Beim Fiberglasboot ist es gleich. Die Verlockung ist gross, die Luke zu öffnen – was bei einem Kentern verheerend sein könnte. Andere Varianten, um der Hitze zu entfliehen, verbietet die Rennleitung. Ein Sonnendach in Form von aufgespannten Tüchern zum Beispiel könnte als Segel missbraucht werden.

Schamgefühle? Kein Thema

Noch nie waren die vier mit ihrem Boot auf hoher See, trainiert haben sie vor allem auf dem Zürichsee. Zu Beginn werden die Teilnehmer wahrscheinlich seekrank. Nach vier Tagen dürften sich die Sinnesorgane an den Wellengang gewöhnt haben. Die Rennleitung schreibt das Mitführen von gewissen Medikamenten vor, darunter solche gegen Seekrankheit. Weitere Mittel haben die Schweizer selbst dabei. Bei der Medizin wird also kaum gespart, Hygieneartikel sind derweil auf ein Minimum beschränkt. Privatsphäre ist ein Fremdwort. Als Toilette dient ein Eimer, der Inhalt wird ins Meer gekippt. Frühere Teilnehmer raten zudem, nackt zu rudern. «Eine lustige Vorstellung», sagt Strub – und durchaus eine Option: Wegen der Gischt spritzt Salzwasser auf Haut und Kleidung, die Reibung führt zu Schürfwunden. Im Volksmund «Wolf» genannt.

Erst die Erfahrung zeigt, was für jeden am angenehmsten ist. Erst das Rennen zeigt, wie die vier mit Schwierigkeiten umgehen. Vor dem Start ist die Stimmung noch gut. Yves Schultheiss spricht von einer «unglaublichen Energie im Team», erwartet aber auch eine «Höllenqual. Wir werden wohl nie richtig Spass haben.» Das geht auch den Familien so. Bea Strub sagt: « Ich bin froh, wenn alles vorbei ist.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 21:33 Uhr

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Wir begleiten das Team Swiss Mocean auf seinem Weg über den Atlantik und berichten in unregelmässigen Abständen.

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