Hockey-Talent von Versicherung aus dem Club gedrängt

Dylan Weber steuerte auf eine NLA-Eishockeykarriere zu. Nach Verletzungen trat er unter dem Druck einer Versicherung mit 20 zurück.

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Das ist die Geschichte eines hoffnungsvollen Eishockey-Talents, das von einer NHL-Karriere träumte, den Sport stets über alles stellte. Das Junioren-Nationalspieler und mit 18 Stammstürmer beim NLB-Club HC Thurgau wurde. Eine ­Geschichte, die zeigt, wie vieles schief laufen kann, welche Tücken lauern und welche Vorkehrungen junge Sportler treffen können, um sich gegen kapitale Überraschungen abzusichern. Sie handelt von Dylan Weber, dem jüngsten Sohn des Dübendorfers Christian Weber. Dieser war 102-facher Nationalspielers, stürmte auch für die ZSC Lions und Davos und ist inzwischen Trainer, einst auch für die ZSC Lions; nun arbeitet er als Sportdirektor und ­Assistenztrainer in La Chaux-de-Fonds.

Es geschah am 8. Oktober 2014, genau ein Jahr, nachdem Dylan Weber für Thurgau sein erstes NLB-Tor erzielt hatte – was ihm so viel bedeutete, dass er sich dieses Datum auf den Arm tätowieren liess. Er war, entgegen seinem Willen, vom NLB-Club zum ersten Mal an den Erstligisten SC Weinfelden aus­geliehen worden, um auswärts gegen Bülach auszuhelfen. «Wir waren im Powerplay, fünf gegen vier», schildert er die Szene, die seine Karriere beenden sollte. «Der Puck war in unserem Drittel, als an der blauen Linie einer mit Vollgas in mich hineinfuhr. Die Schiedsrichter ­sahen es nicht und pfiffen kein Foul.»

Schwachstelle Schulter

Die Folge war, dass seine linke Schulter ausrenkte, nach hinten. Er begab sich zu ZSC-Arzt Gery Büsser in Behandlung, baute sich während zehn Tagen auf. «Dann ging ich wieder aufs Eis, gab einen Schuss ab – da renkte die Schulter wieder aus, diesmal nach vorne. Weil sie noch geschwächt war, ging alles kaputt, auch die Kapsel vorne.» Schon in der Vergangenheit war seine linke Schulter gelegentlich nach vorne ausgerenkt, da er mit zu langen Bändern zur Welt gekommen war; eine Schwachstelle, die er jahrelang speziell trainiert hatte.

Weil offiziell kein Fremdverschulden vorlag und der Videobeweis in der 1. Liga nicht gilt, kam die Versicherung des HC Thurgau ins Spiel, Generali. Diese stellte sich erst auf den Standpunkt, dass es sich um eine alte Verletzung handle. Doch Weber sagt: «Nach hinten war mir die Schulter noch nie ausgerenkt – und dies war der Grund für die Operation.» Es folgten Monate der Ungewissheit, ehe ­Generali die Kosten dafür doch übernahm. Gemäss seinem Vertrag mit Thurgau hätte Weber bei Arbeitsunfähigkeit bis 730 Tage lang Taggelder erhalten sollen; bei seinem bescheidenen Lohn knapp ein vierstelliger Betrag pro Monat.

Die Tücken der Taggelder

Doch dann folgte die böse Überraschung: Generali teilte ihm mit, per Ende 2015 die Taggelder einzustellen. Und sie legte ihm nahe, den Vertrag mit Thurgau aufzulösen, um danach Geld zu verdienen oder zumindest Arbeitslosengelder zu erhalten. Generali bestreitet das (siehe Box ganz unten). Dylan Weber tat schliesslich wie geheissen, kündigte per 31. Dezember 2015 und trat offiziell zurück – was er inzwischen bereut, zumal seine Schulter sich gut erholt hat.

«Ich hörte auf, weil Generali sagte: Wir bezahlen nicht mehr, Punkt, fertig. Wenn du weitermachen willst, musst du selber schauen.» Dieses Risiko war ihm zu gross: «Ich musste mich entscheiden: Spiele ich weiter, ohne die Schulter versichert zu haben, oder konzentriere ich mich auf eine neue Arbeit?» Er hatte inzwischen eine Ausbildung zum Fitness­instruktur begonnen.

Dabei hatte Christian Weber, von 2013 bis Anfang 2016 Sportchef und Trainer beim HC Thurgau, seinem Sohn geraten, nicht zu kündigen. «Ich sagte ihm immer, er soll das nicht tun. Aber er wurde von verschiedenen Seiten, auch von einem Versicherungsmakler, dazu gedrängt und in die Ecke getrieben.» Er habe nicht mehr gewusst, auf wen er ­hören sollte. «Ich finde es verrückt, wie man mit jungen Menschen umgeht und ihnen grundsätzlich sagt, was sie machen sollen», so der Vater.

Nach zwei Wochen Arbeitslosigkeit begann Dylan Weber Mitte Januar, bei Burger King zu arbeiten. «Ich hatte ja kein Geld mehr.» Sein Sparkonto, das einst einen fünfstelligen Betrag aufwies, war duch Anwalts- und Arztrechnungen aufgebraucht, sein Auto hatte er verkauft. Bei der Fast-food-Kette kündigte er, weil er im April auch die rechte Hand operieren lassen musste. Diese war seit einem Unfall mit den ZSC-Junioren instabil, nun hatte sie sich bei einem Sturz in der Garderobe am 7. Dezember 2015 auch noch verschlimmert.

Generali beurteilte auch diesen Fall – entgegen der Meinung seines Arztes – als Rückfall einer alten Verletzung und weigerte sich, die Operation zu bezahlen. Webers Glück im Unglück: Er hatte bei Krankenversicherer Swica noch immer eine Unfallversicherung, welche die Handoperation schliesslich übernahm. «Sonst hätte ich die Kosten selber getragen, auch für die Therapie.» Gegen Lohnausfall war er hier allerdings nicht versichert. Und weil er nach der Operation arbeitsunfähig war, erhielt er von der Arbeitslosenversicherung kein Geld, blieb er von April bis September 2016 ganz ohne Einkünfte.

«Wurde persönlich angegriffen»

Nicht genug damit, dass seine Karriere so früh und abrupt endete: Er ging daraus nicht nur körperlich, sondern auch seelisch versehrt hervor. Er fühlte sich von der Versicherung unfair behandelt und zurückgestellt und sagt, eine ­Sachbearbeiterin habe ihn «wiederholt beleidigt». Ein abgemachtes Gespräch mit einem ranghohen Vertreter wurde im ­August nur wenige Minuten vor dem Termin abgesagt.

«Ich war so weit, dass ich Hilfe brauchte», gibt Dylan Weber zu. «Ich war am Boden, hatte mit dem Eishockey aufhören müssen, konnte nichts tun. Ich musste mich mit den Kosten für die Schulter herumschlagen, für die Hand und auch für die Zahnprothesen, denn seit drei Jahren habe ich keine Schaufeln mehr.» Angesichts seiner auswegslos scheinenden Lage sei er zwischenzeitlich auf finstere ­Gedanken gekommen.

Auch Tina Weber, die Mutter, versteht nach diesem Fall die Versicherungswelt nicht mehr: «Es kann doch nicht sein, dass wir in der Schweiz kein Geld erhalten für ­etwas, für das er absolut nichts kann und gegen das er auch versichert war.» Ihr Sohn sei immer ­seriös gewesen, ein harter Arbeiter, der nie ausging und «einfach Pech hatte». Sie versteht auch nicht, dass ihm die Versicherung vor dem 25. Altersjahr keine richtigen Ersatzzähne bezahlen will für seine Schaufeln, die er bei einem Trainingsunfall mit Kieferbruch verlor.

Auf das Kleingedruckte achten

Jungen Sportlern rät Tina Weber eindringlich, weiterhin eine private ­Unfallversicherung laufen zu lassen, und zwar inklusiv einer Taggeldversicherung. «Es ist wichtig, dass man eine Absicherung hat, und das kostet nicht sehr viel.» Sie und ihr Mann hätten ihrem Jüngsten zwar immer wieder geholfen. «Aber die Schmerzen, die konnten wir ihm leider nicht abnehmen.»

Dylan Weber hängt noch immer so sehr am Eishockey, dass er es nicht fertigbringt, Partien zu besuchen. Doch inzwischen geht es ihm besser. Er arbeitet seit September bei einem Fitnesszentrum, erst in der Filiale in Frauenfeld, nun im Glattzentrum. Er hat zwar auch eine Matura, «aber ich wollte beim Sport bleiben». Doch er weiss: «Diese Unfälle werden mich das Leben lang verfolgen. Und wenn jetzt ­etwas Neues passiert mit der Schulter, bezahle ich es selber.»

Ein hoher Preis für eine Karriere, die eben erst richtig begonnen hatte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2016, 17:29 Uhr

Dylan Weber

Trainersohn mit vielen Stationen

Dylan Weber kam am 1. 1. 1995 in Davos zur Welt, zwei Minuten nach Mitternacht. Eishockey dominierte von Anfang an sein Leben. «Es kam bei mir vor allem anderen, auch vor der Freundin und der Familie», sagt er. «Die NHL war mein Traum, die NLA oder Schweden mein Ziel.» Dass sein Vater Christian Weber ein bekannter Spieler und später Trainer war, machte es ihm aber nicht leicht. «Oft hiess es: Du bist nur wegen ihm hier.» Auch seine zwei Brüder spielten Eishockey; Brian (25) musste ebenfalls wegen einer Verletzung aufhören, Steven (24) verlor früh das Interesse.

Dylan, der jüngste, begann bei GCK Küsnacht, kam von dort zu den ZSC Lions. Er reiste mit seinen Eltern als Elfjähriger nach Langnau, als sein Vater dort Trainer wurde, und mit ihm später nach Weinfelden zum HC Thurgau. Dazwischen war er oft im Ausland: Mit 15 besuchte er in St. Pölten (Österreich) die Okanagan Hockey School und begann im Internat die Matura, die er im Fernstudium 2015 abschloss. Nach einem einjährigen Abstecher zu Frölunda (Schweden) riet ihm Andy Murray, unter anderem Trainer bei den LA Kings, die Shattuck-St. Mary’s School in Faribault (Minnesota) zu besuchen. Diese gilt als eine der ersten US-Adressen für die Ausbildung von Eishockeyspielern, auch Sidney Crosby war dort. Weber blieb zwei Jahre dort, ehe er in die Schweiz zurückkehrte. Als er 2013 nach Weinfelden kam, war er weiterhin auf Kurs Richtung NLA. «Er hatte sicher das Potenzial für eine Profikarriere», sagt sein Vater. «Wie gut er geworden wäre und ob er es in die Nationalmannschaft geschafft hätte, ist aber schwer zu sagen in diesem Alter.» Doch dann kamen die Verletzungen, und wie sich inzwischen zeigte, stand seine Karriere unter keinem guten Stern. (rst)

Was die Versicherung sagt

In ihrer knapp ausgefallenen Stellungnahme zu den Versicherungsfällen von Dylan Weber weist Generali jede Schuld von sich. Zum Vorwurf, man habe ihm nahegelegt, den laufenden Vertrag mit dem HC Thurgau per Ende 2015 zu kündigen, schreibt sie: «Dies trifft nicht zu. Ob die Sporttägigkeit auf bisherigem ­Level noch ausgeübt werden kann/soll, wurden von den behandelnden Fachärzten und Spormedizinern mit dem ­Patienten besprochen». Die Versicherung hält zudem fest, dass Weber keinen Anspruch auf maximal 730 Taggelder hatte, obwohl dies in seinem NLB-Vertrag so stand. Er sei gemäss Bundesgesetz über die obligatorische Unfallversicherung versichert gewesen, und darin «wird die Dauer der Taggeldleistungen nicht mit einer bestimmten Anzahl von Tagen festgelegt». Diese Taggelder hatte Generali Ende 2015 auch eingestellt.

«Das Ereignis, das zur Operation an Hand/Arm geführt hat, war nicht bei ­Generali versichert», schreibt die ­Ver­sicherung weiter. Und bei den ­Leistungen für Webers Zahnschaden verweist sie auf Fachärzte, denn die ­hätten das «Vorgehen mit zwei unterschiedlichen Versorgungen» bestimmt, und ­«Generali kommt sowohl für die provisorische als auch für die definitive ­Versorgung auf». Allerdings wird Weber erst im Alter von 25 eine definitive Prothese bezahlt. Bis dann hat er sich mit billigen Plastik-Notlösungen zu behelfen, die er nur in der Öffentlichkeit ­verwendet, zum Essen entfernen und alle paar ­Wochen ­ersetzen und selber ­finanzieren muss. (rst)

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