Was lange währt, wird endlich Gold

Die WM-Bilanz des Schweizer Degen-Teams in den letzten sieben Jahren ist überragend – seine Leistungssteigerung in China zeugt von Nervenstärke.

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Als der Finalsieg mit 36:31 gegen Südkorea feststand, flippte Benjamin Steffen noch auf der Bahn regelrecht aus. Der Basler hatte als Letzter der Schweizer Mannschaft im chinesischen Wuxi im Einsatz gestanden, den Vorsprung ausgebaut und schliesslich die entscheidenden Treffer zum Gold-Coup und zu einem schönen Stück Schweizer Sportgeschichte gesetzt.

Nach drei Bronzemedaillen an den Weltmeisterschaften von 2011, 2014 und 2015 sowie der silbernen von letztem Jahr in Leipzig gewann das Schweizer Männer-Team erstmals den Titel – Gold gab es bis anhin nur für Anja Straub bei der Premiere der Frauen 1989 und für Marcel Fischer an den Olympischen Spielen 2004. Es ist eine überragende Bilanz in den vergangenen sieben Jahren, zumal die Schweiz über ein viel kleineres Reservoir an Spitzenfechtern verfügt als beispielsweise Italien und Frankreich. Jene Nationen, welche die Schweizer gestern im Viertel- und Halb­final eliminierten.

Bis sie aber so weit waren, mussten Steffen, Max Heinzer, Michele Niggeler und Lucas Malcotti schwierige Momente überstehen. Sie standen am ersten Tag gegen Israel fast vor dem Aus, ehe Heinzer im letzten Gefecht eine kaum vorstellbare Gala bot: Innert 3 Minuten setzte er 26 und sein Gegner 17 Treffer – es war die grosse Wende zum Sieg und Weiterkommen für die Schweizer.

Entscheidung wird reich belohnt

Der WM-Titel kam aber nicht durch eine One-Man-Show Heinzers zustande, es war die Teamleistung, die einen Gegner um den andern abtropfen liess. Als die Routiniers Steffen und Heinzer im Final kleine Ermüdungserscheinungen zeigten und Minusbilanzen aufwiesen, sprangen die Jüngeren Niggeler und Malcotti mit einer gewissen Unbekümmertheit in die Bresche.

Überhaupt: Welch eine WM für den erst 23-jährigen Walliser Malcotti. Wuxi bedeutete seine ersten Welttitelkämpfe bei der Elite – und sie endeten im Triumph. Einem Triumph, der auch für Steffen eine ganz spezielle Bedeutung hat. Der 36-jährige Gymnasiallehrer war in seiner langen Karriere noch nie Profi, immer bewältigte er zwei Pensen parallel. Und nachdem er an den Olympischen Spielen vor zwei Jahren in Rio undankbarer Vierter geworden war, musste er einige Momente überlegen, ob er diesen entbehrungsreichen Weg noch weiter auf sich nehmen will. Er wollte – und vergangenen Donnerstag ist er für seine Entscheidung reich belohnt worden.

Er und Heinzer bilden seit dem Rückzug Fabian Kauters das Rückgrat der Mannschaft, zu der der Tessiner Niggeler seit längerem gehört, und die mit Georg Kuhn einen weiteren kompetitiven Spitzenfechter hat. Mit seinen unerreichten zehn Weltcupsiegen in acht Profijahren setzt Heinzer den Massstab, mit seinem spektakulären, mutigen und oft auch risikoreichen Fechtstil animiert er alle anderen zu mehr Vorwärtsdrang. Steffen allerdings beweist immer wieder, dass auch sein Stil aus der sicheren Defensive und einem gefährlichen Konter zielführend sein kann.

Dem Gegner den eigenen Stil aufgezwungen

Die Schweizer haben in Wuxi nicht zum engeren Favoritenkreis gehört. Rang 4 an der EM im Frühsommer liess jedoch erahnen, dass mit einer Leistungssteigerung ein Medaillengewinn durchaus möglich ist. Als der heikle erste Tag vorbei war, verliehen die Siege gegen Italien und vor allem jener gegen das unbezwingbar scheinende Frankreich, der Titelverteidiger und Olympiasieger, immenses Selbstvertrauen. Heinzer glaubte, gegen die Franzosen eine seiner besten Leistungen je gezeigt zu haben, Steffen blieb eiskalt.

Und im Final dann gelang dem Quartett, wonach es immer strebt: dem Gegner den eigenen Stil und Rhythmus aufzuzwingen – mit einer schlauen Taktik: Steffen, dem die Süd­koreaner nicht liegen, liess Malcotti den Vortritt. Darauf waren die Ostasiaten nicht gefasst, ihnen gelang die Umstellung nicht mehr.

Und für die Schweizer wurde Gold, was schon lange währte.

Erstellt: 26.07.2018, 23:36 Uhr

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