Zum Hauptinhalt springen

175 Jahre – der Skandalarzt wird für immer weggesperrt

Drakonisches Urteil im Missbrauchsskandal: Larry Nassar, der frühere Chefarzt der US-Turnerinnen, erhält eine Riesenstrafe.

David Wiederkehr
175 Jahre: Der Skandalarzt Nassar wird für immer weggesperrt. Video: Tamedia/AFP

«Es ist mein Privileg, Sie zu verurteilen», begann Richterin Rosemarie Aquilina – und sprach dann aus, worauf alle Opfer gehofft hatten: eine ewig lange Gefängnisstrafe für Larry Nassar, den früheren Chefarzt des amerikanischen Turnverbandes. Ihr Verdikt in Zahlen: 175 Jahre. «Ihre Verbrechen haben eine Furche in die Gesellschaft gerissen», sagte Aquilina mit stockender Stimme. «Sie haben es nicht verdient, noch einmal auf freien Fuss zu kommen. Ich habe eben ihr Todesurteil unterschrieben.»

Historische Einigung im Missbrauchsskandal um den verurteilten Arzt Larry Nassar: 500 Millionen Dollar bezahlt sein einstiger Arbeitgeber, die Michigan State University, als Genugtuung und Schmerzensgeld an die mehr als 300 Opfer. Es ist ein teures Schuld-Eingeständnis der renommierten Hochschule – und eines, auf das die Opfer immer gehofft hatten. Sie wollten nicht nur Nassar in die Verantwortung genommen sehen, sondern auch die Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten.
Historische Einigung im Missbrauchsskandal um den verurteilten Arzt Larry Nassar: 500 Millionen Dollar bezahlt sein einstiger Arbeitgeber, die Michigan State University, als Genugtuung und Schmerzensgeld an die mehr als 300 Opfer. Es ist ein teures Schuld-Eingeständnis der renommierten Hochschule – und eines, auf das die Opfer immer gehofft hatten. Sie wollten nicht nur Nassar in die Verantwortung genommen sehen, sondern auch die Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten.
Keystone
Zu den Opfern zählt auch Jordyn Wieber. Dass Nassar für den Rest seines Lebens hinter Gitter muss (und rein theoretisch noch weit darüber hinaus), stellt sie noch nicht zufrieden, auch seine einstigen Vorgesetzten beim Landesverband sollen büssen. Deshalb reichte sie am Mittwoch Klage vor einem Gericht in Kalifornien ein.
Zu den Opfern zählt auch Jordyn Wieber. Dass Nassar für den Rest seines Lebens hinter Gitter muss (und rein theoretisch noch weit darüber hinaus), stellt sie noch nicht zufrieden, auch seine einstigen Vorgesetzten beim Landesverband sollen büssen. Deshalb reichte sie am Mittwoch Klage vor einem Gericht in Kalifornien ein.
Keystone
Sein Fall lässt das FBI schlecht aussehen: Larry Nasser vor Gericht. (Archivbild)
Sein Fall lässt das FBI schlecht aussehen: Larry Nasser vor Gericht. (Archivbild)
Matthew Dae Smith, Keystone
Bei zwei Gerichtsverfahren im Januar im Bundesstaat Michigan wurde Larry Nassar wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu 300 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die drakonische Strafe kommen sehen müssen: Weil im Laufe des Prozesses derart viele seiner Opfer aussagen wollten, musste Richterin Rosemarie Aquilina die Anhörungen um mehrere Tage verlängern. Nassar, 54, wird den Rest seines Lebens in Haft verbringen müssen.
Bei zwei Gerichtsverfahren im Januar im Bundesstaat Michigan wurde Larry Nassar wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu 300 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die drakonische Strafe kommen sehen müssen: Weil im Laufe des Prozesses derart viele seiner Opfer aussagen wollten, musste Richterin Rosemarie Aquilina die Anhörungen um mehrere Tage verlängern. Nassar, 54, wird den Rest seines Lebens in Haft verbringen müssen.
Keystone
Wohl mehr als 200 Mädchen und junge Frauen hat Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht. Emma Ann Miller war vermutlich das letzte Opfer von Skandalarzt Larry Nassar: Die 15-jährige Turnerin liess sich im August 2016 von ihm behandeln, eine Woche, bevor sich die Michigan State University von ihm trennte. Besonders brisant: Bis heute verschickt die angesehene Hochschule in East Lansing Geld für diese Behandlungen.
Wohl mehr als 200 Mädchen und junge Frauen hat Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht. Emma Ann Miller war vermutlich das letzte Opfer von Skandalarzt Larry Nassar: Die 15-jährige Turnerin liess sich im August 2016 von ihm behandeln, eine Woche, bevor sich die Michigan State University von ihm trennte. Besonders brisant: Bis heute verschickt die angesehene Hochschule in East Lansing Geld für diese Behandlungen.
Keystone
Ins Rollen gebracht hat den erschütternden Missbrauchsskandal Rachael Denhollander, indem sie am 29. August 2016 Klage einreichte gegen Larry Nassar. Einen Tag darauf trennte sich endlich auch die Michigan State University von ihm, drei Monate später wurde er verhaftet.
Ins Rollen gebracht hat den erschütternden Missbrauchsskandal Rachael Denhollander, indem sie am 29. August 2016 Klage einreichte gegen Larry Nassar. Einen Tag darauf trennte sich endlich auch die Michigan State University von ihm, drei Monate später wurde er verhaftet.
Keystone
Fast 160 frühere und aktuelle Turnerinnen wagten am Prozess gegen Nassar den Gang an die Öffentlichkeit, um gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Besonders bemerkenswert der Auftritt von Aly Raisman: Die dreifache Olympiasiegerin wandte sich direkt an Nassar und sagt: «Du bist nichts.»
Fast 160 frühere und aktuelle Turnerinnen wagten am Prozess gegen Nassar den Gang an die Öffentlichkeit, um gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Besonders bemerkenswert der Auftritt von Aly Raisman: Die dreifache Olympiasiegerin wandte sich direkt an Nassar und sagt: «Du bist nichts.»
AFP
Es waren beklemmende, schmerzhafte Auftritte der missbrauchten Turnerinnen, Tränen flossen bei den jungen Frauen genauso wie beim Publikum. Auch Olivia Cowan, als Absolventin der Michigan State University ein Opfer Nassars, traute sich, eine öffentliche Aussage zu machen.
Es waren beklemmende, schmerzhafte Auftritte der missbrauchten Turnerinnen, Tränen flossen bei den jungen Frauen genauso wie beim Publikum. Auch Olivia Cowan, als Absolventin der Michigan State University ein Opfer Nassars, traute sich, eine öffentliche Aussage zu machen.
Getty Images/AFP
Olympiasiegerin McKayla Maroney dagegen brachte nicht die Kraft auf, vor Nassar selbst auszusagen. Sie liess stattdessen ein siebenminütiges Statement verlesen. Mit 13 oder 14 Jahren hätten die Missbräuche angefangen, geendet haben sie erst mit ihrem Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2012 in London. Mehr als 100 Male sei sie zum Opfer geworden.
Olympiasiegerin McKayla Maroney dagegen brachte nicht die Kraft auf, vor Nassar selbst auszusagen. Sie liess stattdessen ein siebenminütiges Statement verlesen. Mit 13 oder 14 Jahren hätten die Missbräuche angefangen, geendet haben sie erst mit ihrem Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2012 in London. Mehr als 100 Male sei sie zum Opfer geworden.
Reuters
Im November war Larry Nassar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Im Bezirksgericht von Lansing, Michigan, steht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe zur Debatte – im Maximum weitere 40 Jahre.
Im November war Larry Nassar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Im Bezirksgericht von Lansing, Michigan, steht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe zur Debatte – im Maximum weitere 40 Jahre.
Getty Images
In einem Schreiben an das Gericht beschwerte sich Larry Nassar nun im zweiten Prozess über den «Medienzirkus», der wegen seines Falles veranstaltet werde. Er wollte die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt haben, die eine Liveübertragung ins Fernsehen und Internet sicherstellten.
In einem Schreiben an das Gericht beschwerte sich Larry Nassar nun im zweiten Prozess über den «Medienzirkus», der wegen seines Falles veranstaltet werde. Er wollte die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt haben, die eine Liveübertragung ins Fernsehen und Internet sicherstellten.
Getty Images/AFP
Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina stellte klar, dass sie von diesem Begehren nichts hielt. «Ich stehe zur Verfassung, die besagt, dass die Medien zu Gerichtsverfahren zugelassen sind», sagte sie und kanzelte Nassars Bitte nach Gnade bloss müde lächelnd ab.
Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina stellte klar, dass sie von diesem Begehren nichts hielt. «Ich stehe zur Verfassung, die besagt, dass die Medien zu Gerichtsverfahren zugelassen sind», sagte sie und kanzelte Nassars Bitte nach Gnade bloss müde lächelnd ab.
Keystone
Zunehmend unter Druck geraten die Verbände und Institutionen, die Larry Nassar beschäftigt haben. Lou Anna Simon, Präsidentin der Michigan State University, bekräftigt aber, sie habe von den Übergriffen Nassars erst viel zu spät erfahren.
Zunehmend unter Druck geraten die Verbände und Institutionen, die Larry Nassar beschäftigt haben. Lou Anna Simon, Präsidentin der Michigan State University, bekräftigt aber, sie habe von den Übergriffen Nassars erst viel zu spät erfahren.
Reuters
Ein Stück weit wurde USA Gymnastics aktiv. Etwa beendete der Verband die Zusammenarbeit mit der Karolyi Ranch. Auf diesem Trainingsstützpunkt in Huntsville, Texas, vergriff sich Larry Nassar regelmässig an den Turnerinnen des US-Nationalkaders. Jeden Monat traf sich das Nationalteam auf der Ranch zu Zusammenzügen. Nun wurde bekannt, dass Nassar nicht einmal die Lizenz besass, in Texas zu praktizieren.
Ein Stück weit wurde USA Gymnastics aktiv. Etwa beendete der Verband die Zusammenarbeit mit der Karolyi Ranch. Auf diesem Trainingsstützpunkt in Huntsville, Texas, vergriff sich Larry Nassar regelmässig an den Turnerinnen des US-Nationalkaders. Jeden Monat traf sich das Nationalteam auf der Ranch zu Zusammenzügen. Nun wurde bekannt, dass Nassar nicht einmal die Lizenz besass, in Texas zu praktizieren.
Twitter
1 / 16

Nassar büsst für den Missbrauch von zahlreichen Minderjährigen, früheren und aktuellen Spitzenturnerinnen und weiteren Sportlerinnen. Mehrere hundert sind es schlimmstenfalls. Es ist das zweite Urteil gegen den 54-jährigen Skandalarzt nach einer Haftstrafe über 60 Jahre, zu der ihn ein Bundesgericht Anfang Dezember für den Besitz von Kinderpornografie verurteilt hat. Dass Nassar für den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen würde, war also schon vorher klar gewesen.

156 Opfer sagten aus

Den jetzt total 235 Jahren werden weitere in einem zusätzlichen Verfahren wegen Kindsmissbrauch folgen. Drei weitere Fälle werden ab nächster Woche verhandelt, Nassar hat sich bereits schuldig bekannt.

Im nun abgeschlossenen zweiten Prozess hatte das Gericht allen Betroffenen die Gelegenheit gegeben, sich zu melden und zu äussern – auch anonym. Nassar wurde trotz einer schriftlichem Beschwerde gegen diese Anordnung gezwungen, sich sämtliche Zeugenaussagen anzuhören. Von dieser Massnahme ermutigt, meldeten sich in der vergangenen Woche immer mehr Opfer Nassars. 156 der mutmasslich über 200 Opfer machten von ihrem Recht Gebrauch, «Survivors» nennen sie sich, Überlebende – die Jüngsten waren sechs, als sich Nassar an ihnen verging. Die Anhörung musste um drei Tage verlängert werden und wurde erst heute Mittag geschlossen.

Besonders eindrücklich der Auftritt von Aly Raisman. Ursprünglich habe sie sich nicht äussern wollen, sagte die dreifache Olympiasiegerin und zusammen mit Simone Biles das prominenteste Opfer Nassars, ihr Trauma sei zu gross. Dann aber richtete sie nicht nur deutliche Worte an die Adresse ihres Peinigers («Du bist nichts»), sondern gab dem Turnverband USA Gymnastics, dem amerikanischen Olympischen Komitee sowie der Michigan State University (MSU) eine Mitschuld an den Missbräuchen.

Deutliche Worte und Nervosität

Jede dieser drei Institutionen habe genug Indizien und Gelegenheiten gehabt, Nassar zu stoppen. Er hätte schon vor langer, langer Zeit weggesperrt gehört, sagte Raisman eindringlich. Die «New York Times» druckte den Wortlaut ihrer siebenminütige Rede seitengross ab.

Die Nervosität bei USA Gymnastics und an der MSU steigt seither noch mehr. Die Staatsantwaltschaft hat schon angekündigt, sich jetzt jenen widmen zu wollen, die zu wenig genau hin-, oder sogar weggeschaut haben. Die ältesten Missbrauchsfälle liegen über zwei Jahrzehnte zurück, und an der MSU, wo Nassar sportübergreifend praktizierte, hätten zahlreiche Verantwortliche konkret Bescheid gewusst. Doch erst eine Klage der einstigen MSU-Studentin Rachael Denhollander Ende August 2016 führte zur Verhaftung Nassars. Denhollander, heute Anwältin, war es denn auch, die mit einer halbstündigen Rede die Aussagen der «Survivors» am Mittwoch beschloss.

Olympiasiegerin Raisman hatte das Gericht – wie viele andere Zeuginnen auch – angesichts der krassen Dimensionen dieses Falles um eine Überschreitung der Höchststrafe gebeten. Da sich Nassar im November in sieben Fällen schuldig bekannt hatte, wären maximal 40 Jahre möglich gewesen. Allerdings hatte die Strafanwaltschaft selbst eine deutlich höhere Strafe beantragt – ein Jahr für jedes ihr bekannte Opfer: 125.

«Ich musste ein Exempel statuieren»

Richterin Aquilina verschärfte am Ende die Strafe gar noch, weil sie bei Nassar keine Reue erkennen konnte. «Eure Worte haben mich erschüttert. Es gibt keine akzeptable Entschuldigung für das, was ich getan habe», sagte er zwar zum Abschluss der Verhandlung an die Opfer gerichtet. Doch Aquilina zitierte aus dem erwähnten Beschwerdebrief von vergangener Woche, in dem Nassar den Frauen unterstellte, sie würden nur des Geldes wegen gegen ihn aussagen – und dass diese Aussagen manipuliert seien. «Ich musste ein Exempel statuieren», erklärte Aquilina deshalb.

Schon während des Prozesses hatte sie auf die Bitte der Opfer um Überschreiten der Maximalstrafe vielsagend geantwortet: «Das wird kein Picknick für ihn. Es gibt in den Gefängnissen keinen Insassen, der diesen Fall nicht genau verfolgt hätte.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch