App ins Netz

Sport-Apps können fast alles: Fluchen mit John McEnroe, singen mit Fanclubs aus Indonesien oder helfen bei der Bike-Reparatur.

Frustriert in die Luft gehen, das konnte John McEnroe –und ist auf einer App verewigt (Wimbledon-Final 1983). Foto: Getty Images

Frustriert in die Luft gehen, das konnte John McEnroe –und ist auf einer App verewigt (Wimbledon-Final 1983). Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist Samstag. Im Viererabteil eines 14er-Trams sitzen ein Mann um die 50; ein Jüngling, mehr oder weniger 20; eine Geschäftsfrau gegen die 30; und eine Dame, die – mit besonders oberflächlichem Urteilsvermögen – als Hausfrau auf dem Wochenendeinkauf durchgeht. Zwei Sachen haben die vier Personen gemeinsam: Sie reden nicht, sie schauen gebannt auf ihr Smartphone.

Der Mann scrollt sich durch die Bundesliga-Resultate, der Jüngling schaut eine Hockeyzusammenfassung an, die Geschäftsfrau tingelt durch eine Fitness-App, und die Hausfrau liest den Onlineartikel einer grossen Tageszeitung über die Rüstungsindustrie in den Golfstaaten. Letzteres tut hier nichts zur Sache. Dass sich aber drei der vier Personen mit ihrem kleinen Ding in die grosse Sportwelt begeben, das schon mehr.

Eine selbst durchgeführte, notabene nicht repräsentative Studie in Trams, Zügen und bei Bekannten zeigt: Die beobachteten drei Personen sind keine Einzelfälle. Es gibt noch einige mehr von ihnen, die nicht sprechen, auf ein Display schauen und diese Minuten in der Welt des Sports verbringen.

Diesen und all jenen, die künftig auch dazugehören wollen, sei folgende, nicht abschliessende Übersicht an informativen, abseitigen und schweisstreibenden Apps gewidmet.


Bodyweight
Stark werden und Türen einreissen
Eine Fitness-App. Erstellt von Mark Lauren, früherer US Marine und so etwas wie Amerikas Werner Günthör mit fehlender Kugelstosskarriere. Ein Mann, der in einer Minute 70 «saubere» Liegestützen vollendet. In der App werden Fitnessübungen erklärt – allesamt ohne Hanteln oder Geräte, nur mit dem eigenem Körpergewicht. Spitzfindige mögen sagen, stimmt nicht ganz: Ab und an braucht es ein Handtuch oder eine Tür, um sich hochzuziehen. Hierzu hat sich eine Userin unlängst beschwert, dass die Tür ihrem Körpergewicht nicht standhält – prüfen Sie also vorher Ihre Tür. Mit der App lässt sich ein komplettes Training zusammenstellen, zahlreiche Videos zeigen die Übungen vor. (czu)


Livescore
Was Sie zu Cricket wissen müssen
Beim Verfassen dieses Textes lief beim Spiel im albanischen Fussballcup zwischen Kastriati und Vllaznia Shkoder gerade die 34. Minute, Vllaznia führte dank Treffern von Gocaj (22.) und Sosa (27.) 2:0. Woher wir das wissen? Wegen der Livescore-App. Die hat freilich nicht nur im Fussball viel Ahnung, sondern auch in Sachen Eishockey, Basketball, Tennis und – natürlich – Cricket. In jeder der genannten Sportarten geht es ligenmässig vorbildlich in die Tiefe. Und besonders wichtig für alle Live-Aficionados: Die Möglichkeit, nur die Spiele beziehungsweise Begegnungen zu zeigen, die gerade im Gange sind. Vllaznia erreichte übrigens dank eines 4:0 die nächste Runde. (can.)


McEnroe
Fluchen wie der Altmeister
Selbst absolute App-Nerds verfügen manchmal über Anstand und gute Erziehung. Was aber tun, wenn dennoch nichts am gepflegten Fluch oder an der wüsten Beschimpfung vorbeiführt? Gut, haben wir für diesen Fall John McEnroe. Der einstige Tennisrüpel hat zwar mittlerweile eine gewisse ­Altersmilde erreicht, aber das kollektive Gedächtnis vergisst nichts. Zumal John McEnroe mit Vorliebe öffentlich und lautstark schimpfte, es also Audioaufnahmen gibt. Sein «das kann nicht Ihr Ernst sein, der Ball war auf der Linie!» ist legendär, und es kann – wie viele andere schöne Beschimpfungen aus seiner aktiven Zeit – auf einer App immer wieder angehört und vor allem anderen vorgespielt werden, wenn es nötig ist. ­Unter dem Stichwort «McEnroe» lässt sich die App für einen Franken herunterladen. Grosser Wermutstropfen: bislang nur für das iPhone. Auch Android-User möchten schliesslich den Moment nicht missen, an dem einem unangenehmen Tischnachbarn ein lautstarkes «unacceptable» entgegenschallt und dieser unangenehme Mitmensch denkt: «Die Stimme kenn ich doch . . .» (can.)


11 Freunde
Der Liveticker als Kunstform
Verloren auf einer Tupperware-Party, langweilige Leute, schlechte Laune und im Wissen, da ist noch ein wichtiges Spiel. Viel auf einmal. Da hilft die 11-Freunde-App und insbesondere deren Liveticker. Der ist famos. Preisgekrönt. Und überaus witzig. Viel Werbung auf einmal, ja. Doch: Die Kollegen des deutschen Fussballmagazins haben den an sich öden Liveticker zur Kunstform erhoben, der geniale Schwurbel der Autoren zwischen Poesie, Fakten und Wahnsinn mündet in Trouvaillen wie «Götze junggockelt aufreizend übers Feld. Neben Klopp steht ein Käfig, darin knurrt Murdo McLeod: ‹Lass mich raus, Trainer. Lass mich endlich raus.› Kloppo: ‹Deine Zeit wird kommen, Murdo. Hier: Riech noch mal am Trikot.›» Oder aber: «Wer Pizarro einwechselt, kann seinem Gegner auch gleich einen Pferdekopf ins Bett legen.» (czu)


Strava
Für Süchtige und Narzissten
Ist ein Spielzeug für grosse Jungs. Und Mädels. Mit Suchtfaktor. Mit der App verhält es sich wie mit der selbsterfüllenden Prophezeiung: Die App zwingt einem zum Sport. Immer und immer wieder. Die Software zeichnet mittels GPS die gelaufenen und gefahrenen Strecken auf und analysiert Distanz, Tempo, Geschwindigkeit, zurückgelegte Steigung und Kalorienverbrauch. Mit der App lassen sich Trainingsrouten planen, geltungsbewussten Menschen sei das Posting auf Facebook empfohlen, und für die ganz Verrückten gibt es gar Bestenlisten, die folgendermassen angepriesen werden: «Stelle persönliche Rekorde auf und schau nach, wie du gegen Freunde, Einheimische und Profis abschneidest.» Für die geltungsbewussten Verrückten: Mit dem Velo Joggingstrecken abfahren gilt übrigens als verpönt. (czu)


Fan Chants
Singen bis zum Sterben
«Pasib till I die!» Der Fangesang der Anhänger von Pasib Bandung in ­Indonesien schwört Treue bis zur allerletzten Sekunde. Zu hören ist er auf der App Fan Chants, die mehr als 25'000 dieser musikalischen Kostbarkeiten umfasst. Alle können für 99 Cent als Klingelton heruntergeladen werden, natürlich auch «You’ll Never Walk Alone», inbrünstig intoniert von wahren Liverpool-Fans. Und dass aus der Schweiz lediglich zwei Clubs (FC Basel, Young Boys) und die Nationalmannschaft mit mehreren Songs vertreten sind, lässt sich leicht ändern: Ein Tool der App ermöglicht die Aufnahme der Hymne des eigenen Clubs, und sie kann auch sofort hochgeladen werden. (can)


Teletext
Mit drei Nummern ins Glück
Irgendwie war er so etwas wie der Vorläufer des Internets, heute ist der Teletext selbst mobil. Auf dessen App findet man die Welt des Sports, heruntergebrochen auf jeweils 24 Zeilen. Jede Meldung, jede Neuigkeit destilliert auf ­ihren Kern, verpackt in eine Folge von weissen, roten, gelben, cyanfarbenen Buchstaben, dazu der pechschwarze Hintergrund. Eine Mischung aus MS-DOS und Minimal Art. Eine Ode an das verschwindende Analogzeitalter. Der blinkende Stern des Totomaten, rot eingefärbte Absteiger, grün gemachte Meister – alles wie im Original. Ebenso das Warten. Aber immer mit der Gewissheit: 224 Premier-League-Resultate, 242 Eishockeytabelle, 268 Tennisweltrangliste. (czu)


Zombies, Run!
Laufen in der Postapokalypse
Es ist das Argument jedes Laufmuffels: Joggen ist monoton, öde – und einfach langweilig. Um dem entgegenzuwirken, erfanden gewiefte Softwareentwickler zusammen mit einer noch gewiefteren Autorin die interaktive App «Zombies, Run!». Über Kopfhörer wird einem während des Laufens die Geschichte erzählt, in der man sich befindet. Von Zombies verfolgt, müssen in einer postapokalyptischen Welt Hilfsmittel wie Munition oder Medikamente «erlaufen» werden. Während des Trainings werden Distanz, Zeit, Pace und die verbrannten Kalorien gemessen. Mit der Option «Zombie Chases» können immer wieder Zwischenspurts in die Geschichte eingestreut werden. Mit «Airdrop» können reale Orte als Ziel ­gewählt werden, an denen man virtuelle Hilfsmittel sammeln kann. Zwischen den Erzählungen kann der Läufer auch seine eigene Musik hören. Die App ist in Englisch für iOS, Android und Windows erhältlich, die Version für Anfänger mit einem 8-Wochen-Trainingsprogramm («Zombies, Run! 5k Training») kostet 2 Franken, die Vollversion 4 Franken. (abb)


Expert Golf
Aus der Pfütze ins Loch
Die Technologie hat längst auch auf den Greens dieser Welt Einzug gehalten. Mit über 100'000 Usern besonders beliebt ist die App Expert Golf. Diese rühmt sich ihrer exakten Vermessung: Denn die Anwendung zeigt dem Golfer per GPS an, wie viele Meter er sich noch vom Loch entfernt befindet. 98 Plätze der Schweiz sind dabei. Ausserdem gibt die App Tipps, etwa wie man den Ball am besten aus einer Pfütze befreit. Oder erklärt in den Regeln, wie man fortfährt, wenn man einen Spaziergänger trifft: Ball spielen, wie er liegt, straflos. Seine Resultate trägt man in der Scorekarte ein und kann sie bei erfreulichem Ausgang direkt auf Facebook veröffentlichen. Mit Modulen zwischen 10 und 20 Franken hat die App ihren Preis. Aber Golfer sind in der Regel ja nicht ums Geldausgeben verlegen. (sis)


Coach’s Eye
Mit den Besten lernen
Ach, einmal abschlagen wie Rory McIlroy. Mit der App Coach’s Eye lässt sich zumindest genau zeigen, wo die Unterschiede zum momentan besten Golfer liegen. Man kann etwa seinen eigenen Aufschlag aufnehmen und mit demjenigen von McIlroy vergleichen, ­indem man die beiden ­Videos nebeneinanderstellt. Sollten dabei gewisse Gefühle von Peinlichkeit aufkeimen, so gehört dies zum Lernprozess. Natürlich richtet sich diese App in erster Linie an professionelle Coachs, aber warum sollen wir nicht vom Insiderwissen profitieren? Wer weiss, was aus uns geworden wäre, hätten wir diese App bereits in Kinder- und Jugendjahren nutzen können. Was allerdings nicht unerwähnt bleiben sollte: Die einzelnen Features zum Messen und Vergleichen sind nicht ganz billig. Aber wenn wir dann selbst McIlroy das Fürchten lehren? (can.)


Schweiz mobil
Für Kanufahrer und Inlineskater
Sie fahren Kanu? Aber Sie wissen nicht, wo Sie Ihr Boot demnächst zu Wasser lassen sollen? Schweiz mobil zeigts. Und die App liefert auch die Wanderroute dazu, oder wenn Sie lieber mit dem Velo bzw. dem Bike unterwegs sind, hilft sie auch hier (nur das Kanu müssen Sie natürlich selbst tragen). Zugrunde liegen Schweiz mobil die berühmten Karten von Swisstopo, Genauigkeit ist also garantiert. Und was wir nicht verschweigen wollen: Natürlich finden auch die Inlineskater hier ihre Tummelplätze. Mit dem Abo Schweiz mobil plus (35 Franken im Jahr) lassen sich überdies ausschweifende Touren planen, und die Karten können offline benutzt werden. (can)


Bike Repair
Reparaturhilfe – auch für Laien
Alte Bikerregel: Die wichtigen Teile gehen immer dann kaputt, wenn wir am weitesten von einer Werkstatt entfernt sind. Also Velo auf die Schultern und heim im Zug? Nicht mir der App Bike Repair. Die präzise und verständlich beschrifteten Fotostrecken führen selbst Laien einigermassen zielsicher durch die Behebung der meisten Defekte. Und falls doch einmal gar nichts mehr geht, das Bike eines grösseren Eingriffs bedarf und der Heimweg eben trotz aller Bemühungen zu Fuss angetreten werden muss, stimmt zumindest das Outfit: Bike Repair hilft bei der Suche nach der richtigen Bekleidung, sortiert nach dem Temperaturbereich. Kostenpunkt der App: 2.75 Franken. (can.)


Onefootball
Die App für den Fussballfan
Die Königin der Fussball-Apps. Die wichtigsten Ligen von 39 Ländern sind berücksichtigt, dazu die grossen Wettbewerbe in Europa und auf Fifa-Niveau, was unter anderem auch den Afrika-Cup oder internationale Testspiele umfasst. Bei den News ist eine kleine Kritik angebracht: Die Nachrichten und Gerüchte sind stark Deutschland-lastig, da bedürfte es bald einer Ausweitung des Angebots auf weitere grosse Ligen. Trotzdem ist es eigentlich ganz einfach: Wenn man eine Fussball-App braucht (und wer tut das nicht?), der sollte Onefootball ernsthaft in ­Betracht ziehen. (can) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2014, 22:05 Uhr

Möglichkeiten und Grenzen

Den Goldstandard für Sport-Apps hat die Fifa mit der App zur Fussball-WM 2014 gesetzt: Kontinuierlich aktualisierte Spielpläne, umfangreiche Statistiken und ein Videoangebot, das seinesgleichen sucht. Wer mochte, konnte sich während eines Spiels die Lieblingsperspektive aus bis zu 20 Kamera-Feeds aussuchen – ob das nun die Trainerbank oder einer der Spielerstars war. In den Spielberichten waren wichtige Szenen passend verschlagwortet abrufbereit. Da zeigt sich, was das Tablet als «Second Screen» zu leisten vermag, wenn auf dem zweiten Bildschirm ein möglichst umfangreiches Informationsangebot wartet. Die Fifa hatte ausserdem den Weitblick, die App den übertragenden Fernsehanstalten zur Verfügung zu stellen, die die Apps ihrem Look anpassen und die eigenen Übertragungen integrieren konnten. So greifen der erste Schirm und der Second Screen nahtlos ineinander.

Mögliche Inhalte für noch spektakulärere Sport-Apps gibt es viele: Mini-Kameras können die unmittelbare, individuelle Perspektive des Sportlers zeigen – und Fans noch näher am Leiden und Siegen ihres Idols teilhaben lassen. In der Formel 1 kennt man die Sicht aus dem Cockpit bereits und wird mit Tempoangaben und Drehzahl bedient. Auch in anderen Sportarten wie dem Skiweltcup, fallen viele telemetrische Daten im Sekundentakt an, die eine App dynamisch aufbereiten und den analytisch interessierten Zuschauern für eigene Auswertungen zur Verfügung stellen könnte. Im Zug des «Wearable Computing» nimmt das Angebot an Sensoren immer weiter zu: Wattzähler in Fahrradpedalen, Performance-Messchips in Sportschuhsohlen, Sport-BHs mit Herzschlagmesser bis hin zu High-Tech-Shorts, die die Aktivitäten der Beinmuskulatur in Echtzeit an eine App übermitteln. Ambitionierte Hobbysportler würden natürlich noch so gern ihre eigenen Trainingswerte mit den Daten der Spitzensportler vergleichen – und sehen, wie viel ihnen noch bis zur Weltklasse fehlt. Im Velobereich gibt es die Hometrainer die Strecken als digitale Simulation erschaffen und via Internet virtuelle Rennen gegen andere gefahren werden können. Tacx ermöglicht sogar ein Training mit oder gegen die Radweltmeisterin Marianne Vos.

Solche Apps sind allerdings nicht nur aufwändig in der Entwicklung, auch die Bereitstellung eines umfassenden Video- und Datenangebots kann sich nur ein grosser Verband leisten. Und auch die Sportler werden es sich zweimal überlegen, welche Echtzeitdaten öffentlich gemacht werden sollen. Zumal anzunehmen wäre, dass auch die gegnerischen Betreuerteams diese im Auge behalten würden. Matthias Schüssler. Matthias Schüssler

Artikel zum Thema

Mit Handy-Apps gegen die Politikverdrossenheit

Unternehmer im Silicon Valley wollen, dass US-Bürger mehr Einfluss auf die Politik nehmen. Sie setzen dafür Social-Media-Techniken ein. Mehr...

Falsche App gekauft? So kriegen Sie das Geld zurück

Ob Apple App-Store oder Google Play-Store: Wie man Apps zurückgibt und das Geld auf sein Konto bekommt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Vegetarische Feste
Mamablog Warum kaufen wir keine fairen Spielsachen?

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

in Hülle und Fülle: Ein Arbeiter eines Verarbeitungsbetriebs ausserhalb vonHangzhou, China, hängt Fische zum Trocknen auf. (12. Dezember 2017)
Mehr...