Auf Höhenflug mit den Falken

Der Schweizer Thabo Sefolosha hat bei seinem neuen NBA-Team Atlanta eine neue Rolle – und neuen Erfolg.

Weniger Skorerpunkte, mehr Einfluss: Thabo Sefolosha hat sich in der NBA als Defensivspieler Reputation verschafft. Foto: Keystone

Weniger Skorerpunkte, mehr Einfluss: Thabo Sefolosha hat sich in der NBA als Defensivspieler Reputation verschafft. Foto: Keystone

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Die Atlanta Hawks sind das grosse Überraschungsteam der NBA. Seit 13 Spielen sind die Hawks mit Thabo ­Sefolosha ­ungeschlagen. Von den vergangenen 28 Spielen haben sie 26 gewonnen, und nach der Hälfte der Saison stehen sie mit 34:8 Siegen im Osten an der Spitze aller Teams. Sind die Atlanta Hawks plötzlich ein Titelanwärter? Sefolosha verzieht sein Gesicht zu einem Grinsen: «Vielleicht noch nicht dieses Jahr. Aber wir werden noch besser.»

In der Kabine der Hawks im Bostoner TD Garden herrscht Aufbruchstimmung. Soeben wurden die Celtics 105:91 geschlagen. Sefolosha sitzt auf einer Kiste in der Eisbeutel kühl gehalten werden. Daneben steht auf einem kleinen Tischchen ein Stapel mit Bandagen. ­Hastig schaufelt der Schweizer Hühnchen mit Reis in sich hinein. Ein Teambetreuer mahnt zum Aufbruch. Denn es wartet bereits das Flugzeug, das die Hawks noch in derselben Nacht nach ­Toronto bringt. Es ist ein Auswärtstrip mit vier Spielen innert fünf Tagen, nach Philadelphia und Boston werden sie auch Toronto und Chicago schlagen und ihre Siegesserie dann daheim mit einem 93:82 gegen Detroit fortsetzen.

Atlanta ist nach den ­Chicago Bulls und den Oklahoma City Thunder die dritte NBA-Station von Thabo ­Sefolosha. Der 30-jährige Romand kam 2006 in die weltbeste Liga und steht bereits in der 9. Saison. Der Wechsel verleiht ihm neuen Schwung, auch wenn er nicht mehr zur Starting Five zählt wie zuvor bei den Thunder. Zuletzt aber gönnte Coach Mike Budenholzer Stamm­spielern ein bisschen Ruhe. So kam ­Sefolosha gegen Philadelphia und Boston temporär zurück in die Startfünf. «Wir sind mitten in einer langen Saison. Da ist es ratsam, zu agieren, bevor Verletzungen passieren», sagt der Coach.

Mehr Einfluss auf das Spiel

Mit seiner Rolle als Bankspieler hat Sefolosha keine Probleme. Auch wenn er bei den Hawks mit einem Punkteschnitt von 5,3 weniger skort als in der vergangenen Saison bei Oklahoma City (6,3 Punkte), hat sich sein Einfluss auf das Spiel bei den Hawks deutlich geändert. Er ist viel öfter am Ball als bei den Thunder. Oft ­initiiert er einen Spielzug, indem er zum Korb geht, zwei gegnerische Spieler auf sich zieht und dann im richtigen ­Moment zum freien Team­kollegen passt. Keine Mannschaft in der NBA lässt zurzeit den Ball so schnell und variantenreich ­zirkulieren wie die Hawks. Pro Spiel verzeichnen sie im Schnitt 25,8 Assists. Nur die Golden State Warriors sind mit 27 noch besser.

«Wir haben ein Team ohne Egoisten, das sehr ausgeglichen besetzt ist», sagt Sefolosha. «Und wir haben einen Coach, der mehr auf das Mannschaftsspiel und Spielsystem setzt, als dies in Oklahoma der Fall war.»

«Meinen Platz gefunden»

Bei den Thunder habe er die Anweisung gehabt, den Ball Playmaker Russell Westbrook zu geben und sich dann in die Spielfeldecke zu stellen, um die ­Abwehr des Gegners auseinanderzuziehen. «Dort habe ich auf den Ball gewartet, und ich habe ihn selten gesehen», lacht er. In offensiver Hinsicht habe er sich bei den Thunder nicht weiter ent­wickelt, sagt Sefolosha. «Wäre ich in ­Europa geblieben, wäre ich ein Spieler mit mehr Fertigkeiten geworden und würde auch mehr Punkte werfen.» Doch er bereue die fünf Jahre in Oklahoma City nicht. «Ich spielte mit Kevin Durant und Russell Westbrook zusammen, zwei der weltbesten Spieler, wir standen im NBA-Final, es war eine gute Zeit.»

In der NBA gehe es darum, seine Stärken herauszufinden, sich auf diese zu konzentrieren und in dieser Sparte herausragend zu werden. «Und das ist bei mir nun einmal die Defensive. Ich habe meinen Platz in der NBA gefunden und mir Reputation verschafft.»

Mike Budenholzer (43) gehört zu den Coachs, die es als Spieler nicht in die NBA brachten. Er spielte eine Saison in Vejle in Dänemark, trainierte danach ­Jugendteams und war später während 17 Jahren Assistenzcoach von Gregg ­Popovich bei den San Antonio Spurs, wo er viermal NBA-Champion wurde.

Das europäische Spiel

Die Schule der Spurs, die sehr auf das Mannschaftsspiel setzen, hat Budenholzer geprägt. In den USA wird das «europäischer Basketball» genannt. Sefolosha macht keinen Hehl daraus, dass ihn sein einstiger Coach Scott Brooks bei den Thunder oder auch Vinny Del Negro zu seinen Zeiten bei den Chicago Bulls, nicht besonders beeindruckt haben – auch wenn er das gegenüber amerikanischen Journalisten nicht so äussern würde. Beide sind ehemalige NBA-Spieler. «An ihrem Coaching gibt es nichts auszusetzen. Aber ihre Sicht des Basketballs, so wie sie das Spiel sehen, ist nicht besonders überzeugend. Das ist bei ­Budenholzer ganz anders. Es ist keine Überraschung, dass er gute Chancen besitzt, Coach des Jahres zu werden.»

Budenholzer ist es gelungen, mit dem enorm schnellen Playmaker Jeff Teague, dem besten Dreipunkteschützen der Liga Kyle Korver (52,7% Trefferquote), mit Center Al Horford, der vergangene Saison wegen eines Muskelfaserrisses 50 Spiele fehlte, und Forward Paul Millsap sowie Flügel DeMarre Carroll eine Startformation zu bilden, die ein variables System verinnerlicht hat. Sefolosha kommt meist für Carroll ins Spiel, und Budenholzer sagt: «Thabo ist ein wichtiger Faktor, dass wir in defensiver Hinsicht stabiler sind als letzte Saison.»

Das Playoff ist aber noch 40 Spiele entfernt. Und Sefolosha weiss nur zu gut: Abgerechnet wird erst dann.

Erstellt: 20.01.2015, 21:04 Uhr

Atlanta Hawks

Rassismusaffären provozieren Verkauf

Auf dem Spielfeld überzeugen die ­Atlanta Hawks zurzeit mit starkem Mannschafts­spiel und Harmonie. Dagegen herrscht daneben seit Monaten reichlich Chaos. Aufruhr erzeugte etwa ein internes Mail, das Mehrheitsbesitzer Bruce Levenson seinem Generalmanager Danny Ferry 2012 geschrieben hatte und das im vergangenen September ­öffentlich wurde. Darin beanstandet ­Levenson, der seit 11 Jahren zu den Hawks-Besitzern zählt, dass die schwarzen Anhänger der Atlanta Hawks weisse Basketballfans vom Matchbesuch abschrecken würden. Er sehe ­zudem ­wenige Väter mit ihren Söhnen an den Spielen. Es fehle bei der Zuschauerbasis an der weissen Mittelschicht, um einen ­zufriedenstellenden Stamm von Saison­abonnenten schaffen zu können, schrieb der Teambesitzer.

Zudem gab es auch noch eine team­interne Untersuchung wegen Tonbandaufnahmen von Generalmanager Ferry. Der verhandelte in der Sommerpause mit dem Spieler Luol Deng über einen Wechsel von Cleveland zu Atlanta. Ferry sagte in einem internen Meeting – wie die Tonbandaufnahmen beweisen – über Luol Deng, der übrigens einst bei den Chicago Bulls Teamkollege von Thabo Sefolosha gewesen war: «Er (Luol Deng) ist ein guter Spieler. Aber er ist nicht perfekt. Er trägt den Afrikaner in sich. Ich meine das nicht negativ.» Deng ging zu Miami.

«Das ist gravierend»

Nach dem Rassismusskandal um den einstigen Teambesitzer der LA Clippers, Donald Sterling, der im vergangenen Sommer gezwungen worden war, das Team zu verkaufen, sorgten die Äusserungen der Hawks-Verantwortlichen ebenfalls für erhebliche Unruhe und Kritik. Ferry wurde freigestellt und ­Levenson hat zusammen mit seinen Partnern die Hawks zum Kauf aus­geschrieben.

In Atlanta jagen sich so die Gerüchte über etwaige neue Besitzer. Unter diesen Umständen ist die Erfolgsserie des Teams besonders bemerkenswert. Die Spieler geben sich dabei bedeckt. In der Mannschaft werde nicht oft darüber gesprochen, bemerkt Sefolosha, hält aber fest: «Das, was von wichtigen Vertretern der Hawks gesagt worden ist, ist gravierend. Ich hoffe, das Team wird von Leuten gekauft, die zu Atlanta stehen und die Visionen haben.» (zog)

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