Auf den Abgrund zugesteuert

Ariella Kaeslin war eine Spitzenturnerin, aber sie litt an Depressionen. Nun ist ihre erschütternde Biografie erschienen.

2009, im Jahr ihres EM-Titels, spürte Ariella Kaeslin erstmals Symptome der Erschöpfung. Archivfoto: Beat Marti

2009, im Jahr ihres EM-Titels, spürte Ariella Kaeslin erstmals Symptome der Erschöpfung. Archivfoto: Beat Marti

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«Du fette Kuh.»

Dass in Magglingen ein bemerkenswerter Umgangston herrschte, war einer gewissen Öffentlichkeit bekannt. Es sind Details, welche die Geschichte erschütternd machen. Dies ist die Geschichte von Ariella Kaeslin, der einst besten Schweizer Turnerin. Vier Jahre nach ihrem Rücktritt ist ihre Biografie erschienen, geschrieben von den NZZ-Journalisten Christof Gertsch und Benjamin Steffen.

Sie erzählt von einem nimmermüden Mädchen aus Luzern, das mit vier erstmals zum Turnen geht und viele Jahre später am Sprung Olympiafünfte, Europameisterin und WM-Zweite wird. Das dreimal Schweizer Sportlerin des Jahres wird und als «Turnschätzli der Nation» herhalten muss. Das aber, je bekannter es wird, selber immer weniger weiss, wer es ist. Das von Selbstzweifeln geplagt ist, die mehr sind als Selbstzweifel. Das Porträts von Sportlern wie Sven Hannawald liest und von Robert Enke, um sich zu darin zu ­sehen und zu erkennen: «Wenn ich jetzt nichts mache, kommt es nicht gut.»

«Ich hätte den Knopf gedrückt»

Robert Enke, der deutsche Fussballtorhüter, hat sich, von Depressionen geplagt, im November 2009 selbst getötet.

Im Jahr nach den Olympischen Spielen in Peking, im Jahr, in dem ihr mit dem EM-Titel der Durchbruch gelang – in jenem Jahr war es, dass sie erstmals die Symptome spürte. Saure Beine. Konzentrationsschwächen. Weinattacken. Ein Häufchen Elend war sie. Psychologen, Psychiater und Neurologen suchten, aber fanden nicht. «Du hast nichts», hiess es. «Doch!», antwortete sie, «ich habe was!» Nur: was?

Google half: Sie litt unter Erschöpfungsdepressionen. An einem Burnout. Weit über ihre Turnkarriere hinaus, bis sie im Sommer 2014 langsam damit ­begann, die Medikamente abzusetzen.

Eine Asienreise drei Jahre zuvor – gedacht, um nach der Turnkarriere abzuschalten – wäre fast zum Desaster geraten. Es waren die schlimmsten Tage ihres Lebens: «Wenn ich einen Knopf hätte drücken können und nachher tot gewesen wäre, hätte ich den Kopf gedrückt.»

Aus Tokio rief sie Mutter Heidi an und flehte: «Komm mich abholen.»

Nie zuvor hatte sie diese Worte gebraucht. Nicht einmal 2007, als sich die ­Öffentlichkeit mit den Fragen beschäftigte: Wie weit darf ein Trainer gehen, der Kinder trainiert? Darf er ein Mädchen «fette Kuh» nennen, wie das Eric Demay tat, der Cheftrainer aus Frankreich? Darf er ein Tyrann sein, ihm Schokolade anbieten und es bestrafen, wenn es sie nimmt? Darf er das, ganz grundsätzlich: versuchen, junge Menschen mental zu brechen? Im Buch ist Beklemmendes zu lesen: «Der schönste Moment des Tages war der Abend. Wenn das Training überstanden war. Wenn er ­einem nichts mehr anhaben konnte. Er. Der Tag. Und er. Der Trainer.»

Mutter Heidi sagte: «Wir hören auf ­damit.» Ariella: «Nein.»

Ja: Sie hätte aussteigen können. Tat es aber nicht. Wie sie dem Kunstturnen, dem Sport, ihrem Sport, nicht die Schuld an ihrer Geschichte gibt.

Kaeslin trotzte der Qual und wagte es, dem Trainer, dem Fiesling, den sie vor und nach jedem Training auf die Wange küssen musste, die Stirn zu bieten. Sie nannte ihn Arschloch, weil sie wusste: Er versteht es nicht. Und sie griff zu offiziellen Mitteln, stellte mit drei Kolleginnen das Ultimatum: ­Demay oder wir. Nach anfänglichem Zögern konnte der Schweizerische Turnverband nicht anders. Dieser Protest, der Kaeslin eine EM-Suspension einbrachte und dem Franzosen im April 2007 die Entlassung – es sind dokumentierte Vorgänge. Sie führten zur Einsetzung von Zoltan Jordanov, dem heutigen Cheftrainer, unter ihm haben sich die Bedingungen verbessert. Er liess Kaeslin pausieren, als sie litt – ohne zu wissen, worunter sie litt.

«Stress, Stress, Stress»

Aber das wusste die Turnerin ja selbst nicht. Sie war erfolgreich und trotzdem nie zufrieden. Sie strahlte, zum Lachen war es ihr nie. Ihr Terminkalender überforderte sie, die VIP-Anlässe, Interviews, Autogrammstunden, vieles sagte sie in letzter Sekunde ab.

«Nach dem Training in die Garderobe, Haare waschen, ‹ich will ja nicht wie der letzte Clochard daherkommen›, ins Auto, Stress, Stress, Stress, selber fahren, viel zu schnell fahren, meistens zu knapp erscheinen, heimfahren, möglichst schnell einschlafen, nicht schlafen können. Immer am Limit, selten geniessen, sie war nie zu früh, immer zu spät, ‹wisst ihr, was ich meine?›» Der Titel der Biografie lautet: «Leiden im Licht.»

Auf einem Städtetrip im Frühsommer 2011 nach Kopenhagen fragte sie zwei Freundinnen, ehemalige Turnerinnen: «Sagt mal – wie ist das Leben ohne Turnen? Ist es schön?» Die Antwort hatte sie kommen sehen: «Es ist megaschön.»

Wenige Tage später gab Kaeslin am 11. Juli in Luzern ihren Rücktritt bekannt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 22:29 Uhr

Christof Gertsch, Benjamin Steffen: Ariella Kaeslin  – Leiden im Licht. NZZ libro, 144 Seiten, 29 Franken

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