Hintergrund

Auserwählt für den amerikanischen Lauftraum

Galen Rupp ist der schnellste weisse 10'000-m-Läufer der Geschichte. Mithilfe eines Prestigeprojekts von Nike soll er die afrikanische Dominanz durchbrechen.

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Dieser scheue Jüngling soll es sein? Den sein Trainer nach dem Interview ermahnt, ja das Nickerchen nicht zu vergessen? Erst wer Galen Rupp rennen sieht, versteht, warum er der Auserwählte sein soll und der bisher schnellste weisse 10'000-m-Läufer ist. Doch Rupp will mehr, als der beste Exote in einer Disziplin zu sein, welche seit zwei Jahrzehnten von (gebürtigen) Afrikanern dominiert wird.

Er will sie an einer grossen Meisterschaft bezwingen. 2012 kam er diesem Ziel sehr nahe: An den Olympischen Spielen wurde er über 10'000 m nur von seinem Trainingspartner Mo Farah geschlagen. Farah ist Brite mit somalischen Wurzeln. Die nächste Chance für den Coup bietet sich Rupp im August an der WM. Erst einmal aber muss er sich an den US-Meisterschaften heute Abend für die WM qualifizieren. Es sollte eine Formsache für ihn sein.

Rupp lebt einen Traum, der von einer intensiven amerikanischen Lauftradition genährt wird. Sie führt in die 70erJahre des letzten Jahrhunderts zurück und gipfelt in einem Namen: Steve Prefontaine. Der James Dean des Laufens starb 1975 mit 24 Jahren bei einem Autounfall, noch bevor seine Karriere so richtig begonnen hatte. Seine Legende allerdings lebt fort, weil Prefontaine mit seinem Kämpferherzen und seiner Leidenschaft fürs Rennen verkörperte, was den Amerikanern so gefällt: «Just do it.» Es war darum kein Zufall, dass Prefontaine der erste Vertragsathlet einer damals jungen Kleinfirma namens Nike wurde.

Ein Fussballer im Mittelpunkt

2001 war das Unternehmen ein Grosskonzern mit Milliardenumsatz. Den US-Langstreckenläufern aber waren die Jahre schlecht bekommen. Sie blickten der Weltklasse hinterher. Als der frühere Marathon-Weltrekordhalter Alberto Salazar, ein Amerikaner mit kubanischen Wurzeln, den Boston Marathon vom 16. April 2001 mit einem führenden Nike-Angestellten schaute und am Fernsehen hörte, wie der sechste Platz des besten Amerikaners trotz grossem Rückstand gefeiert wurde, initiierten sie das Oregon-Projekt. Benannt ist es nach Nikes Hauptsitz.

Das Ziel war nichts Geringeres, als eine Gruppe auserwählter junger USLangstreckenläufer an die Spitze zu bringen – und sie im Idealfall zu Siegläufern zu machen. Weil die erste Generation scheiterte, schien das Projekt gefährdet. Dann entdeckte Salazar beim Fussballspielen den damals 14-jährigen Rupp. Er wurde zu seinem Musterschüler im Prestigeprojekt, das sich auf die finanzielle Kraft von Nike ebenso abstützen kann wie auf zahlreiche Spezialisten: Biomechaniker, Physiotherapeuten, Kraftexperten oder Ernährungswissenschaftler. Das Fundament dieser Pyramide an professionellen Dienstleistern bildet Salazar. Er ist Mentor und Coach.

Seine Philosophie lautet(e): Die afrikanischen Laufnationen verfügen über eine Vielzahl von Athleten. Nur die Härtesten überstehen den internen Kampf und sind entsprechend gestählt, wenn sie international antreten. Er hingegen muss auf einzelne Talente setzen und dafür sorgen, dass sich diese kontinuierlich und möglichst verletzungsfrei entwickeln. Entsprechend wichtig ist Salazar die Verletzungsprävention. Der 27-jährige Rupp fiel letztmals vor fünf Jahren aus. Ihm helfen Hightechgeräte, die aus Daniel Düsentriebs Küche entstammen könnten. Früh begann Rupp auf einem Unterwasserlaufband zu trainieren, um die Schläge auf den Bewegungsapparat zu minieren. Noch heute absolviert er ein Viertel seiner 200 Laufkilometer pro Woche im Wasser.

Erholung in einer Kältesauna

Hinzugekommen ist eine Laufmaschine, welche die Schwerkraft minimieren kann – und eine mobile Kälteanlage, die Rupp nach den Trainings verwendet. Bis zu minus 170 Grad kalte Luft umströmt ihn für rund zwei Minuten und fördert die Erholung im Vergleich zu den traditionellen Eisbädern um ein Vielfaches. Auch die Mikroentzündungen klingen auf diese Weise rascher ab. An den Spielen von London hatte Rupp die Kältesauna dabei – um sich nach dem 10'000-m-Final rascher für den 5'000-mVorlauf erholen zu können.

Basis des Erfolgs aber bildet auch bei ihm das tägliche Training. Es besteht aus zwei bis drei Einheiten, kombiniert mit einem fast schon sklavischen Lebenswandel. Besonders viel von sich abseits des Sports kann er darum nicht erzählen: Seine Tage drehen sich ums Laufen und Erholen. Darum auch die Ermahnung von Salazar beim Treffen mit dem Journalisten, ja das Nickerchen nicht zu vergessen.

Erstellt: 20.06.2013, 09:46 Uhr

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