«Bei Cancellara gibt es keine Schauspielerei»

General Manager Brian Nygaard über den Berner Radstar Fabian Cancellara und sein Team Leopard.

«Mehr als nur ein Fahrer» - Fabian Cancellara macht seinem Teamchef grossen Eindruck.

«Mehr als nur ein Fahrer» - Fabian Cancellara macht seinem Teamchef grossen Eindruck. Bild: Keystone

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Fabian Cancellara hat seine Siege in der Flandern-Rundfahrt und bei Paris–Roubaix nicht wiederholen können, weil alle gegen ihn gefahren sind. Hat er sich nicht selber zu sehr zum Favoriten gemacht und zu sehr von seiner Stärke gesprochen?
Nach dem, was er vor einem Jahr in den Klassikern gezeigt hat, und nach seiner Demonstration in Harelbeke hätte er auch sagen können, er sei nur bei 80 Prozent. Es hätten trotzdem alle nur auf ihn geschaut. Er ist ehrlich, wenn er sagt, wie er sich fühlt; bei ihm gibt es keine Schauspielerei. Und ich mag Leute, die sagen, was sie tun, und tun, was sie sagen.

Welche Rolle hat Cancellara in Ihrem Leopard-Team?
Er ist mehr als nur ein Fahrer. Er übernimmt sehr viel Verantwortung. Vor ein paar Jahren, noch bei Saxobank, wies er auf Probleme hin oder auf Dinge, die fehlten. Heute stellt er sich vor das Team und sagt: «Okay, Jungs, das spielt keine Rolle, packen wir es an.» Er denkt für das Team.

Wie sehen Sie seine weitere Entwicklung? Kann er seine Ziele – den Sieg bei allen fünf Monumenten und die Strassen-Weltmeisterschaft – erreichen?
Ich bin überzeugt davon. Es gibt keinen Rennfahrer mit den gleichen physischen Voraussetzungen, nicht einmal Contador. Und der ist der vielleicht Einzige, der mental gleich stark ist. Wenn Fabian wirklich Weltmeister werden will, dann spielt es keine Rolle, wie die Strecke aussieht. Das zeigte er 2009 in Mendrisio. Da war er schlank wie nie, er war der Stärkste im Feld. In dieser Form kann er auch Lüttich und die Lombardei-Rundfahrt gewinnen. Wenn er sich ein Ziel setzt, sorgt er dafür, dass er gut genug wird, es zu erreichen. Und dabei wird er nicht einmal nervös. In einem Zeitfahren ist er unschlagbar. In anderen Rennen – wie zuletzt – kann er geschlagen werden, weil die Taktik den stärksten Fahrer nicht immer zum Sieger macht.

Was ist bei Leopard-Trek anders als bei anderen Teams, für die Sie gearbeitet haben?
Ich wollte nicht einfach etwas übernehmen, weil es erfolgreich war. Ich habe versucht, alles genau zu analysieren mit dem Ziel, jeden Einzelnen im neuen Team besser zu machen. Besonders wichtig ist mir, dass sich der ganze Betreuerstab wirklich wohl fühlt. Die Leute sollen mit Freude arbeiten und merken, wie wichtig sie sind. Die Stimmung im Team hat eine grosse Auswirkung auf die Leistungen der Fahrer.

Was haben Sie in den paar Monaten beim englischen Team von Sky gelernt?
Fast so viel wie in den acht Jahren zuvor bei Riis. Bei Sky haben sie einen anderen, viel analytischeren, technischeren und präziseren Approach zum Radsport. Ich lernte dabei sehr viel, ich lernte viel darüber, wie strukturiert man sein kann, aber es entsprach nicht dem, was ich tun wollte. Man kann auch zu viel tun und die menschliche Seite vernachlässigen. Zu viel Struktur kann Dinge kompliziert machen.

Und von Bjarne Riis?
Die Passion. Ich weiss nicht, ob ich das zehn Jahren lang durchstehen könnte. Wer nicht verstehen will, dass er sich zuletzt etwas zurückgezogen hat, soll es selber einmal versuchen. Man kann seine Energie nicht unendlich lange in ein Projekt stecken.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu ihm?
Wir hatten zusammen viel Erfolg und kämpften auch miteinander. Ich verliess ihn nicht im Streit. Ich suchte eine Veränderung, und Sky bot mir die Möglichkeit, meinen Weg hinaus aus dem Radsport zu finden und später in anderen Abteilungen des Konzerns arbeiten zu können.

So kam es nicht ...
Das war bei mir immer so. Als ich zu Bjarne kam, war nie geplant, dass ich so lange dort arbeiten würde.

Welche Bedeutung hat Kim Andersen, der während Jahren Riis’ rechte Hand war und mit dem Sie das Projekt auf die Beine stellten?
Kim und ich haben es sehr gut, weil wir unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Er arbeitet viel mit Emotionen und mit Intuition, ich bin mehr analytisch und rational. Er weiss, wo er stark ist und wo nicht, und bei mir ist es dasselbe. Seit Kim bei CSC anfing, hatten wir eine gute Beziehung.

Trek hat mit Armstrong siebenmal die Tour de France gewonnen. War es schwierig, die renommierte Fahrradfirma für Ihr Team zu gewinnen?
Trek wollte mit uns arbeiten, und ich war glücklich darüber. Ich wäre auf sie zugegangen, wenn sie nicht zu uns gekommen wären. Es ist ein technologisch starker, erfahrener Partner, der mit Athleten auf höchstem Niveau arbeitet. Es stellt nicht nur Velos zur Verfügung, sondern ist voll integriert.

Gerade Cancellara stellt hohe Ansprüche ...
... und ist deshalb für Trek ein sehr wertvoller Partner. So, wie er fährt – ob auf der Ebene oder in der Abfahrt – bringt er das Material an die Grenzen. Er würde nicht akzeptieren, wenn ein Partner die Grenzen nicht genauso suchen würde. Fabian hat so viel Erfahrung – er hat mit den besten Firmen der Welt gearbeitet. Und auch wenn er noch nicht alt ist: Er kann es sich nicht leisten, ein oder zwei Jahre mit einer Firma zusammenzuarbeiten, die ihm nicht das richtige Material zur Verfügung stellt.

Erstellt: 17.04.2011, 11:55 Uhr

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