Cancellara: «Wenn der Bauch beisst, muss man handeln»

Der erfolgreiche Radprofi hat turbulente Monate hinter sich. Im Interview spricht der 29-jährige Berner über die Änderungen in seinem Umfeld und das Verhältnis zu seinem ehemaligen Chef Bjarne Riis.

Fabian Cancellara über seinen Ex-Chef Bjarne Riis: «Da gibt es zum Beispiel die Erkenntnis, dass man gar nicht man selbst ist, wenn er dabei ist.»

Fabian Cancellara über seinen Ex-Chef Bjarne Riis: «Da gibt es zum Beispiel die Erkenntnis, dass man gar nicht man selbst ist, wenn er dabei ist.» Bild: Andreas Blatter

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Verbringen Sie im Verlauf der Saison oder in der wettkampffreien Phase mehr Zeit zu Hause?
Fabian Cancellara: Während der Saison ist es einfacher. Komme ich nach Hause, regeneriere ich, habe ich Zeit für die Familie. Nun renne ich von Termin zu Termin, zudem sind daheim Dinge zu erledigen, um die sich andere jeweils samstags und sonntags kümmern. Am 6.Januar geht es wieder los – bis Ende April wird mir kaum freie Zeit bleiben.

Sie fliegen morgens nach Belgien, nehmen dort einen Journalistenpreis entgegen, fliegen nachmittags zurück und werden abends im Hallenstadion zum Radsportler des Jahres gekürt. Bleibt angesichts solcher Tage genügend Zeit zur Erholung?
Ich war im Oktober in den Ferien, aber ich habe das Gefühl, ich habe keine Ferien gehabt. Das ist der Preis, den ich für den Erfolg zahle. Jeder will etwas von mir, von meinen Eltern, sogar von meinem Jugendtrainer, am liebsten in drei oder vier Sprachen. Es bleibt kaum Zeit, um mit meiner Tochter einen Schlittelnachmittag zu verbringen. Andere sind schon wieder am Trainieren.

Sie haben betont, die Vertragsauflösung bei Saxo Bank sei eine Sache zwischen Ihnen und Bjarne Riis gewesen. Sportler mit Ihrem Status überlassen solche Dinge in der Regel einem Manager. Stimmt der Eindruck, dass Sie ungern delegieren?
(überlegt lange) Im Normalfall delegiere ich sehr gerne, vor allem, wenn es um die Leistung geht. Wenn ich ein Ziel habe, müssen sich mir alle unterordnen – die Mannschaft, Swiss Cycling und Swiss Olympic. Bei Dingen wie Arbeitgeber und Management ist mir jedoch der persönliche Kontakt wichtig – ich kann daraus auch etwas lernen.

Für solche Dinge verbrauchen Sie aber sehr viel Energie.
Wohl mehr Zeit als Energie. Ob mich die Geschichte mit Bjarne den WM-Titel im Strassenrennen gekostet hat, kann ich nicht sagen. Ich hatte mein Highlight im April mit dem Double Flandern/Roubaix. Den Biss, der mich zu diesem Triumph geführt hatte, vermochte ich danach nie mehr zu entwickeln. Es ist schwierig, zu beurteilen, was wie viel Energie gekostet hat.

Tun Sie sich schwer, Nein zu sagen?
Das habe ich gelernt, das habe ich lernen müssen. Ich weiss nicht, wie es Roger Federer macht. Aber bei ihm dürfte alles noch viel krasser strukturiert sein. Ich weiss auch nicht, ob er überhaupt Interviews gibt. Vor meinen Ferien war das Interesse riesig. Ein Fotograf reiste für ein 15-minütiges Shooting von London nach Bern und abends wieder zurück. Stelle ich mir vor, was das kostet, kann ich doch nicht Nein sagen. Aber generell schaue ich schon gut darauf, was ich mache und was ich sein lasse.

Sie haben unlängst das Management gewechselt. Was erhoffen Sie sich von der Änderung?
Ich war zehn Jahre bei IMG, die Sachen wurden gut gemacht. Ich brauche jedoch frischen Wind und habe eine Neupositionierung gesucht, damit ich mich nicht nur als ein mit Events verknüpfter Rennfahrer entwickle.

Wollten Sie sich von der Tour de Suisse lösen, welche von IMG durchgeführt wird?
Nein, aber ich möchte auch als Persönlichkeit abseits der Strasse einen Schritt weiterkommen. Es war ein gewagter Schritt, ich hätte auch eines auf den Deckel kriegen können.

So gewagt nun auch wieder nicht: Der ehemalige IMG-Chef Armin Meier ist nun für Ihr jetziges Management tätig.
Das wusste ich nicht, ich hatte die Kündigung vor ihm eingereicht, wir vollzogen den Wechsel unabhängig voneinander. Ich hatte zum Zeitpunkt der Kündigung keine konkrete Idee, wie es weitergehen soll. Wenn der Bauch beisst, muss man handeln; deshalb zog ich einen Strich.

Weshalb entschieden Sie sich für Pool Position?
Weil ich glaube, dass ich dort weiterkommen kann als bei IMG, vor allem nach meiner Karriere. IMG ist amerikanisch ausgerichtet; das ist für mich kaum die optimale Lösung.

Sie planen langfristig...
...was aber nicht heisst, dass ich in drei Jahren aufhören will. Es ist ein neuer Schritt, ein neuer Weg.

Nach der WM äusserten Sie Gedanken, die den Schluss zuliessen, dass Sie dereinst als Teamchef tätig sein möchten.
Es wäre schon schön, ein eigenes Team zu haben, aber ein Traum ist es nicht. Ich bin nicht so weit, es schlägt immer noch das Rennfahrerherz, obwohl ich mir manchmal einbilde, ich sei ein Luxusfahrer geworden, weil ich meistens an der Wärme trainiere.

Prüften Sie ernsthaft Alternativen, oder war es für Sie stets klar, dass Sie zum Luxemburger Projekt wechseln würden?
Natürlich schaut man sich den Markt an. Geld ist wichtig, aber nicht der einzig relevante Faktor. Habe ich die Gewissheit, dass grosse Teile meines Umfelds funktionieren, kann das viel wertvoller sein.

Weshalb wurde Ihr Wechsel nach Luxemburg so spät kommuniziert?
Das ist sekundär (schmunzelt). Vor meinen Ferien hätte es nicht gepasst. Ich konnte den Vertrag erst unterschreiben, nachdem ich von Bjarne die schriftliche Freigabe erhalten hatte. Es war interessant, zu lesen, was alles geschrieben wurde.

Sie meinen die Spekulationen...
... ja, gelegentlich musste ich schmunzeln.

War es ein taktisches Spielchen?
Nein, überhaupt nicht; Transparenz ist mir wichtig. In diesem Fall hat es sich schlicht so ergeben. Es kam auch dem Team entgegen, das Zugpferd am Schluss zu vermelden.

Kim Andersen ist die sportliche Leitfigur Ihres neuen Teams; er war als erster Profi wegen wiederholten Dopingvergehens lebenslänglich gesperrt worden. Was sagen Sie jenen Leuten, welche diesbezüglich ein schlechtes Gefühl haben?
Das weiss praktisch niemand, weil es nie ein Thema war. Er ist für mich eine sehr wichtige Ansprechperson; ich stand ihm in gewissen Bereichen näher als Bjarne oder einem andern Sportlichen Leiter. Kim sagt stets, das Team sei dafür da, damit man jemanden habe, dem man sagen könne, wie man sich fühle.

Wie meint er das?<
Kim sagt den Fahrern, sie sollen sich umgehend melden, wenn etwas in ihrem Umfeld nicht stimmt, wenn zum Beispiel Probleme mit der Frau, mit den Eltern oder mit sonst jemandem vorhanden sind. Ist dies der Fall, strebt er mit dem Betroffenen die beste Lösung an. Damit ist allen geholfen – auch ihm, weil es ihm nichts bringt, wenn er einen Fahrer dabeihat, der nicht bei der Sache ist. Bei ihm darf man es sagen, wenn man ein Problem hat.

Demnach ist das nicht überall der Fall.
Probleme haben alle. Aber die Welt wird mittlerweile so gemacht, dass sich andere darüber freuen, wenn einer ein Problem hat und das auch noch gesteht – so nach dem Motto: Wenn es dem andern schlecht geht, ist das gut, weil ich vielleicht etwas mehr herausholen kann. Kim sagt auch, man solle nicht nur ans Radfahren denken, sondern auch etwas für den Kopf machen. Es gibt nicht viele Sportliche Leiter, die so denken.

Saxo Bank wirkte über Jahre hinweg sehr harmonisch, nun finden sich 20 ehemalige Fahrer und Crewmitglieder im neuen Team. Weshalb ist es zum Bruch mit Riis gekommen?
Bjarne hat sein Bild, eine klare Vorstellung, wie es funktioniert. Wer diese nicht leben will oder kann, muss gehen. Für gewisse Leute eröffnete sich eine Chance, einen eigenen Weg zu gehen, sich selbst zu verwirklichen – bei ihm tun alle, was er für richtig hält.

Vereinte er zu viel Macht?
Nein, aber es gibt Dinge, die für den einen oder andern nicht mehr gestimmt haben. Da gibt es zum Beispiel die Erkenntnis, dass man gar nicht man selbst ist, wenn er dabei ist.

Andy Schleck liess in der Luxemburger Presse verlauten, sein Verhältnis zu Riis sei längst nicht mehr so gut wie früher – wie sieht es bei Ihnen aus?
Ich weiss es nicht, ich habe seither keinen Kontakt mehr gehabt.

Gibt es gar kein Verhältnis mehr?
Das kann man so nicht sagen; es muss ein bisschen Gras über die Sache wachsen. Für ihn ist das Ganze sicher nicht einfach. Aber er ist der Chef, er muss schauen, dass das Team funktioniert. Ich bin der Rennfahrer, der schauen muss, dass es für mich stimmt – und das war zuletzt nicht mehr der Fall.

Weshalb?
Contador klang vielleicht gut – aber was war Contador? Die nächstliegende Lösung, wenn man Andy (Schleck) verloren hat. Ich schaute, wer alles ging, und realisierte – ich wäre alleine gewesen. Bjarne war mein Chef, ich habe sicher von ihm profitiert – aber er auch von mir; ich muss mir nichts vorwerfen.

Er hat Sie über die Medien kritisiert...
...wenn er mir was sagen will, soll er es mir direkt sagen. Es kann ihm egal sein, dass mich Marc Biver (der Luxemburger hatte das Projekt in der Startphase betreut; die Red.) im Dezember angerufen hat. Das spricht für mich, wenn ich kontaktiert werde. Ich glaube nicht, dass er mir jeweils alles erzählt hat, ergo muss ich ihm auch nicht alles erzählen.

Hat sich Riis im Lauf der letzten zwei Jahre verändert?
Die Distanz wurde schon grösser. Er hat auch krasse Jahre hinter sich. Zuletzt hat es regelmässig geknallt, da war der Fall Basso, der Fall Schleck, sein Dopinggeständnis, die Geschichte mit den Sponsoren – einer stieg aus, einer ging bankrott. Seit 2008 ging es nur noch bergab. Rückblickend ist mir vieles klarer geworden. Sitzt man im Boot, registriert man solche Entwicklungen nicht.

Im Zusammenhang mit der Ablösesumme geisterte die Geschichte vom 3-Millionen-Euro-Mann in der Presse herum. Wie hoch war sie wirklich?
Eine gute Flasche Wein (schmunzelt).

Traf man sich in der Mitte?
Wo man sich trifft, ist egal. Angesichts seiner Philosophie könnte Bjarne theoretisch gar keine Ablösesumme verlangen; er will nur Leute, die voll mitziehen. Klar ist es auch für mich nicht gut, wenn ich keine Resultate bringe. Und es entspricht nicht meiner Philosophie, halbe Sachen zu machen. Ergo wäre es für beide Parteien schlecht, wenn ich weiterhin für ihn fahren würde.

Hatte er diesen Fakt erkannt?
Ich weiss es nicht, aber wir haben uns geeinigt. Klar spielte der Businessfaktor eine wichtige Rolle; er verlor mich, die Sponsoren hatten keine Freude. Aber wenn ich denke, was ich für dieses Team alles getan habe manchmal habe ich das Gefühl, ich habe mehr getan als das, wofür ich bezahlt wurde.

Blicken wir in die Zukunft: 2012 wird in London um Olympiamedaillen gefahren. Im Zeitfahren haben Sie schon eine Goldmedaille gewonnen. Ist der Gewinn des Strassentitels mittelfristig Ihr ganz grosses Ziel?
Es könnte ein Ziel werden, wenn ich weiss, wie die Strecke aussehen wird. Es wäre schön, nochmals eine Goldene zu gewinnen – ob es vier werden, wie Simi Ammann sie hat, weiss ich nicht. Es ist speziell, an Sommerspielen Gold zu gewinnen, wir sind ein Winterland. Fast noch lieber hätte ich im Hinblick auf London ein Bahnprojekt lanciert.

Weshalb sprechen Sie im Konjunktiv?
Weil die Einzelverfolgung vom IOC aus dem Programm gekippt wurde.

...Der Stundenweltrekord
...ist ein Ziel respektive ein Projekt, das nicht davonläuft, aber sehr gut geplant und umgesetzt werden muss.

Was würde es Ihnen bedeuten, wenn Sie Andy Schleck 2011 zum Tour-de-France-Triumph verhelfen könnten?
2008 gewannen wir die Tour, mit (Carlos) Sastre. Ich muss mich aber immer wieder daran erinnern; wir haben etwas ganz Grosses vollbracht, ohne uns hätte Sastre sicher nicht gewonnen. Bei Andy, auch bei Fränk, wäre das was anderes, viel persönlicher. Deshalb würde es mich extrem freuen, Teil eines solchen Erfolgs zu sein. Auf den Champs-Elysées mit dem Gesamtsieger im Schlepptau einzutreffen, das gibt Hühnerhaut.

Machen Hühnerhaut-Erlebnisse die Faszination Radsport aus?
Erlebnisse mit Teamkollegen sind manchmal schöner, als ein Rennen zu gewinnen, wenn man sich auf und neben der Strasse sehr gut versteht. Das wollte ich nicht missen. (Stuart) O’Grady wird nie vergessen, was ich 2006 für ihn tat. Ich war in Topform, hatte WM-Gold im Zeitfahren gewonnen. Kam an die «Züri-Metzgete», mein Heimrennen – und halte den Kopf runter, fahre für ihn. Er sagt mir heute noch, das sei das Grösste für ihn gewesen, das habe nie jemand für ihn getan. Solche Worte kann man nicht kaufen, das bleibt hängen.

Erstellt: 08.12.2010, 14:16 Uhr

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