Cancellara vor der heimischen Tour: «Das kann Flügel verleihen»

Der Berner Radprofi will heute beim Prolog zur Tour de Suisse brillieren. Danach sollen andere im Zentrum stehen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet live ab 17 Uhr.

Locker und erholt: Fabian Cancellara hat vor dem Start in Lugano klar gemacht, dass er keine «Tour de Cancellara» will.

Locker und erholt: Fabian Cancellara hat vor dem Start in Lugano klar gemacht, dass er keine «Tour de Cancellara» will. Bild: Keystone

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Einzig der Ort ist der gleiche geblieben. Fabian Cancellara hält Hof vor «seiner» Rundfahrt, der Tour de Suisse. Motel Vezia, am Rand Luganos. Der in die Jahre gekommene Bau diente im Vorjahr Saxo Bank als Teamhotel, nun logiert hier neben den Dänen auch Cancellaras neue luxemburgische Equipe Leopard Trek.

2010, da war die Pressekonferenz, als die gesamte europäische Radpresse gespannt auf Antworten des Berners zur «Motörchen-Affäre» wartete, die er erst nicht geben wollte, dann aber doch des Langen und Breiten Auskunft gab. An diesem Freitag hingegen sitzt er betont gelassen vor den Medien, die Beine locker übereinandergeschlagen. Aus dem Ausland sind nur wenige Journalisten angereist, ansonsten sind die Schweizer unter sich.

Der Berner sieht erholt aus, das Haar hat eine leichte Rot-Tönung erhalten, sein Oberkörper wirkt schmaler als auch schon. Diesmal musste er nicht abtauchen nach den Frühjahrsklassikern, die Lust aufs Radfahren kam bald zurück. Zuletzt bestritt er Bayern- sowie Luxemburg-Rundfahrt und glaubt sich deshalb auch etwas besser vorbereitet als noch vor einem Jahr. Damals gewann er den Prolog von Lugano mit einer Sekunde Vorsprung. Jene Leistung mag er allerdings nicht vergleichen mit der von heute Abend – identische Strecke hin oder her. «Das Ziel ist einzig, das Maximum herauszuholen», sagt er. «Meine Zeit vom Vorjahr würde ich deshalb nicht als Anhaltspunkt nehmen.»

Die Angst vor dem Regen

Cancellara ist darauf bedacht, die Erwartungen zu dämpfen, primär wegen der unsicheren Wetterlage. «Sollte es am Abend regnen, dann ist das Rennen gelaufen», sagt er. In den Kurven der Abfahrt könnte er dann keine Risiken eingehen. Die freie Startnummernwahl ist ihm verwehrt. Aufgrund seines Status gehört es sich, dass er am Schluss mit den Leadern startet. Er kann keine frühe, regensicherere Nummer wählen, wie das etwa zwei seiner grössten Herausforderer taten: der deutsche Routinier Andreas Klöden und der spanische Romandie-Prolog-Sieger Jonathan Castroviejo. Beide werden knapp zwei Stunden vor Cancellara auf die Strecke gehen.

Aber die 7,6 Kilometer stehen bei Cancellara gar nicht so sehr im Zentrum. Er freut sich primär auf die Fahrt durchs Heimatland. Zuletzt genoss er die Zeit zu Hause, schaute sich im Fernsehen lieber zwei Stunden lang die, so sagt er, «hochinteressante» AKW-Debatte im Nationalrat an als die Übertragung des Zeitfahrens in der Dauphiné Libéré. «Ich habe sonst genug mit Radsport zu tun. Da muss ich mich nicht auch noch in meiner Freizeit damit beschäftigen», sagt er. Fügt aber an, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit des Siegers mit 46 km/h nicht sehr hoch gewesen sei. Bei der identischen Prüfung anlässlich der Tour de France werde der Sieger sicher noch 2 Stundenkilometer schneller sein. Dass er dann ebenfalls am Start stehen wird, erwähnt er da nicht extra.

Glück oder Pech?

Jenes Zeitfahren steht aber erst in sechs Wochen an, vorerst sieht Cancellara nur Berge respektive Steigungen. Er sagt: «Ich weiss noch nicht, ob es mein Glück oder Pech ist, dass die diesjährige Ausgabe so schwer ist.» Sprich, ob er die Berge in der Anonymität des Feldes einigermassen gelassen wird bezwingen können, oder ob er wird leiden müssen. Zumindest hofft er auf den Heimvorteil. «Ich weiss, wo es durchgeht. Das kann Flügel verleihen», sagt er.

Die Anonymität in der Masse sucht er bewusst, er will keine «Tour de Cancellara». «Ich hoffe, dass ich ab Sonntag bis nächsten Samstag Ruhe haben werde. Darum sitzen wir ja auch jetzt zusammen. Es gibt nicht nur Cancellara, sondern mehrere andere starke Schweizer, die in den Bergetappen etwas erreichen können», erinnert er die Journalisten.

Mehr Pässe als beim Sieg 2009

Cancellara blendet bewusst aus, dass zwei Etappenziele (Crans-Montana und Serfaus/Ö) die gleichen sind wie 2009, als er die Rundfahrt gewann. Allerdings gab es damals daneben nicht gar so viele Pässe und Bergankünfte wie dieses Jahr. «Zum Glück habe ich die Tour de Suisse im Sack», sagt er, lässt aber auch durchblicken, dass die Rundfahrt ihn bei entsprechender Streckenführung durchaus noch einmal reizte. Das ist die ferne Zukunft. Erst will der 30-Jährige die Tour de Suisse geniessen: «Denn hier vergehen die Tage so schnell.»

Erstellt: 11.06.2011, 15:05 Uhr

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