Das besiegte Dream-Team-Fieber

Mit Michael Jordan kam und ging die Faszination für den Basketball.

V für Victory: Superstar Michael Jordan umrahmt von den Dream-Team-Kollegen Larry Bird, Scottie Pippen und Clyde Drexler (v.l.) in Barcelona 1992.

V für Victory: Superstar Michael Jordan umrahmt von den Dream-Team-Kollegen Larry Bird, Scottie Pippen und Clyde Drexler (v.l.) in Barcelona 1992. Bild: Reuters

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Es war ein Fieber, das uns packte und nicht mehr losliess. Wir wussten, was ein Point Guard war, redeten über Rebounds, Steals, Blocks und Turn­overs, wir staunten über die Slam-Dunks und flippten aus beim Alley-oop. Im Büro stellten wir einen Papierkorb auf einen Schrank und brillierten mit 3-Punkte-Würfen. Wir waren verzaubert von Air Jordan und Magic Johnson, von Larry Bird, Scottie Pippen und Charles Barkley, die sich im Dream-Team zusammengefunden hatten und der Welt ausserhalb Amerikas zeigten, wie magisch Sport sein kann.

An Olympia 1992 in Barcelona mussten wir als Journalisten Schlange stehen und schöne Augen machen, um an ein Ticket für eines der Traumspiele zu kommen. Hätte ich mich zwischen dem Final im Kugelstossen, der für uns Schweizer damals der Höhepunkt der Spiele war, und den Magiern aus den USA entscheiden müssen, wäre ich, bei allem Respekt vor Werner Günthör, in der Basketballhalle von Badalona gelandet. Und wäre im Nachhinein doppelt froh über meinen Entscheid gewesen, weil Kugel-Werni die Frage «Günthör oder Günthör nicht?» mit einem klaren Nein beantwortet hatte.

His Airness und der Statistikwahn

Auch nach Barcelona blieben wir Basketball. Was immer «His Airness» auch tat, wir blieben dran und notierten seine Rekorde. Im Wikipedia-­Porträt sind sie aufgelistet. Ganz oben stehen: höchster Karriere-Punktedurchschnitt (30,1 pro Spiel), höchster Playoff-Karriere-Punkteschnitt (33,4 pro Spiel). Es folgen aber auch Rekorde wie: meiste aufeinander­folgende Spiele mit 10 oder mehr Punkten (866, 25. März 1986 bis 26. Dezember 2001); oder 13 Mal mindestens 7 Spiele in Folge mit mindestens 30 Punkten; einziger Spieler, der in zwei aufeinanderfolgenden Saisons mehr als 200 Steals und 100 Blocks verzeichnen konnte. Aufgeführt sind insgesamt 32 Rekorde. Was nicht nur für Air Jordan, sondern auch für den Statistikwahnsinn der NBA spricht.

Als Jordan 1993 erstmals zurücktrat und sich als Baseballspieler versuchte, liessen die heftigsten Basketball-Fieberschübe nach, nach seinem zweiten Rücktritt 1998 verebbten sie. Die Nachfolge-Dream-Teams lösten keinen Schüttelfrost mehr aus, und als Jordan sich 2003 zum dritten und letzten Mal verabschiedete – kurz zuvor hatte er als erster Ü-40-Spieler mehr als 30 Punkte geworfen, sein letzter Rekord –, hatte der europäische Sport mit dem immer dominanteren Fussball die Basketball-Epidemie überwunden. Daran konnte nicht einmal Thabo Sefalosha etwas ändern, der ausgezogen war, im ­Namen der Schweiz die NBA zu erobern.

Mir war bis vor ein paar Tagen nicht bewusst, dass sich die NBA-Saison 2015 mit den Conference-Finals jetzt so langsam dem Ende zuneigt und dass im Osten die Cleveland Cavaliers gegen die Atlanta Hawks, im Westen die Houston Rockets und die Golden State Warriors um den Einzug in den Final kämpfen?

Ein Morgen auf NBA.com

Inzwischen habe ich mich auf der NBA-Internetseite klug gemacht. Was ein Fehler war, denn das Klug­machen kostete mich einen ganzen Morgen. Es verleitete mich dazu, auf das Surfbrett zu stehen und auf den Statistikwellen zu reiten. Deshalb kann ich Ihnen jetzt verraten, dass J. R. Smith beim Sieg in Spiel 1 gegen die Hawks alle 28 «Bench Points» (er stand nicht in der Startfünf) der Cavaliers erzielte und dabei achtmal mit 3-Punkte-Würfen erfolgreich war. Achtmal schoss er, ohne zu dribbeln, dabei traf er fünfmal. Bei drei- bis viermal Dribbeln kam er in vier Versuchen sogar auf eine Erfolgsquote von 75 Prozent. Jetzt wissen Sie, worauf Sie beim nächsten Mal achten müssen, wenn Sie gegen ihn spielen. Zwingen Sie ihn, ein- bis zweimal zu dribbeln. Dann ist er eine Null.

Faszinierend ist auch das «Player Tracking», bei dem sechs Kameras über dem Spielfeld jede Spielerbewegung mit 25 Bildern pro Sekunde festhalten. Nun weiss ich zum Beispiel, wer der beste Rebounder des Playoffs ist. Im Durchschnitt 18,4 Mal pro Spiel hatte er im Umkreis von dreieinhalb Fuss (1,05 m) die Möglichkeit zum Rebound. In 72,8 Prozent der Fälle krallte er den Ball, insgesamt 187 Mal.

Sein Name ist DeAndre. DeAndre Jordan. Mit «His Airness» ist er aber ­weder verwandt noch verschwägert.

Erstellt: 21.05.2015, 23:14 Uhr

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