Das importierte Leiden

Die Begeisterung für Rugby wächst auch in der Deutschschweiz. Besonders in Zürich: GC greift nach dem Double.

Kampf in familiärer Atmosphäre: Schweizer Spitzenrugby in Zürich. Foto: Dieter Seeger

Kampf in familiärer Atmosphäre: Schweizer Spitzenrugby in Zürich. Foto: Dieter Seeger

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Wieder liegt einer im Gras. Das Gesicht schmerzverzerrt, der massige Körper windet sich. Und wird, kurzerhand, gleich noch einmal überrannt. Vom Teamkollegen.

Rugby ist kein Sport für zarte ­Gemüter. Oder gläserne Knochen. Rugby ist rabiat, Rugby tut weh. «Fussballer tun 90 Minuten so, als würde ihnen alles wehtun», lauten geflügelte Worte, «Rugbyspieler tun 80 Minuten so, als würde ihnen nichts wehtun.» Es ist nicht der einzige Vergleich der beiden Sportarten, doch alle klingen ähnlich und spielen mit dem Klischee. Es war 1823, als der Legende nach Rugby und Fussball getrennte Wege gingen.

Sie führten an diesem Sonntag zur Allmend Brunau. Es ist ein herrlicher Tag, und wie jeden Sonntag herrscht Hochbetrieb im Süden der Stadt Zürich. Über den Kunstrasen jagen Hobbyfussballer. Spaziergänger schicken ihre Hunde los. Jugendliche brausen auf Skateboards oder Rädern durch die Freestyle-Anlage. Und auf dem Spielfeld nebenan balgen sich mächtige Männer um den ­eiförmigen Kunststoffball. Die Grasshoppers empfangen im Playoff-Halbfinal den Gegner aus ­Hermance bei Genf. Dass es um etwas geht, ist an den fast 400 Zuschauern zu erkennen. Die Spielerinnen des Frauenteams schenken Bier für 3 Franken aus und verkaufen Fanartikel im improvisierten Shop. Englisch ist Hauptsprache.

Kein gesunder Ersatz mehr

Der erbarmungswürdige Kerl von vorhin hat das Glück, dass er nach kurzer Pflege weiterspielen kann. Andere trifft es schlimmer. «Ref», informiert der Betreuer von Hermance kurz vor Schluss den Schiedsrichter, «wir haben keine Auswechselspieler mehr.» Also beendet das Team Genfersee die Partie mit 14 Spielern. Entscheidend ist das nicht: Die Grasshoppers ­haben mit dem Titelverteidiger kurzen Prozess gemacht, gewinnen nach insgesamt sechs Tries (Versuchen) 43:12 und spielen am 14. Juni in Winterthur gegen Nyon um den Titel. Applaudierend bilden sie für den Verlierer eine Gasse. Auch eine Eigenart dieses Spiels, das bei aller Härte Fair Play einfordert. Was der Schiedsrichter entscheidet, wird nicht angezweifelt.

Der Weg via Fremde

Verletzungen gehören trotzdem zum Rüpelsport aus Warwick­shire in den englischen Midlands. Knochenbrüche, ausgekugelte Schultern, Veilchen und nun am Sonntag ein Brummschädel nach der Kollision mit einer Hüfte – auch Yannick Staubli hat alles schon ­gehabt. Bei einem Auslandsjahr in Neuseeland hat der 23-jährige Stadtzürcher Rugby kennen gelernt, nach der Rückkehr trat er GC bei, viele finden auf ähn­liche Weise zu diesem Sport. Und GC war lange die einzige Deutschschweizer Komponente im Schweizer Rugby. In der Romandie ist es weiter verbreitet, den Westschweizern steht es auch kulturell näher, in Frankreich ist es Massenphänomen. Erst in jüngster Zeit wächst es auch in Basel, Bern, Luzern oder Winterthur.

In den allermeisten Clubs geben Expats aus Ländern des Commonwealth den Ton an, auch bei GC wurde die Rugby-Sektion seinerzeit von Ausländern gegründet. Der Präsident war lange Zeit ein Engländer, momentan ist es ein Südafrikaner, Gary de Graaf, 41 Jahre alt. Der Grauhaarige mit rauer Stimme spielt selbst noch mit, aber er gehört mit seinem Alter inzwischen zu den Exoten. «Zu 95 Prozent sind meine Spieler Schweizer», sagt Trainer ­Cameron Storay. Er selber stammt aus Australien und hat vor Jahren als Profi in Italien gespielt. Fast die gesamte Backline sind junge Schweizer, und Storay lobt die Fortschritte, die diese gemacht haben. Eine Entwicklung, die nicht zuletzt dem Schweizer Nationalteam, Nummer 45 der Welt, Perspektiven bietet.

«The league and the cup»

Die Zukunft der Rugby-Nation ist an diesem Sonntag aber zweitrangig. Die Zuschauer feiern ihre GC-Spieler, die nach der Halb­finalniederlage vor einem Jahr diesmal endlich in den Final vorstossen. Damals waren sie Hermance noch unterlegen. «The league and the cup», singen die Spieler. Der Traum vom Double lebt in der Brunau.

Erstellt: 01.06.2014, 22:29 Uhr

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