Das kühnste Experiment des Sports

Dan McLaughlin war ein Bewegungsmuffel, als er sich entschied, seinen Job als Fotograf aufzugeben und Profigolfer zu werden – ohne je Golf gespielt zu haben.

Eine von 6003 einsamen Trainingsstunden: Linkshänder McLaughlin schlägt auf der Driving Range mit einem Eisen Ball um Ball. Foto: Angus Murray (Getty Images)

Eine von 6003 einsamen Trainingsstunden: Linkshänder McLaughlin schlägt auf der Driving Range mit einem Eisen Ball um Ball. Foto: Angus Murray (Getty Images)

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Viele Menschen fragen sich: «Wars das jetzt in meinem Leben – oder kommt noch was?» Der Amerikaner Dan McLaughlin stellte sich diese Frage im Juli 2010. 30 war er damals, ein unsportlicher, klein gewachsener Junggeselle mit schmalem Gesicht und scharfem Blick: Er arbeitete als Industriefotograf. McLaughlins Leben war in Ordnung. Trotzdem wollte er ihm eine Wende geben und sich später nicht vorwerfen müssen, stillgestanden zu sein. McLaughlin entschied sich für das wohl kühnste Experiment, das die Sportwelt je erlebt hat.

Ausgerechnet dieser Bewegungsmuffel nahm sich vor, Profisportler zu werden, in einer der technisch anspruchsvollsten Sportarten: Golf. Dass McLaughlin in seinem Leben gerade einmal zwei kurze Besuche auf einer Driving Range verbracht hatte, befeuerte seinen Ehrgeiz. Golf schien ihm aus mehreren Gründen geeignet: Es ist abwechslungsreich, wird draussen gespielt, man ist ganz auf sich gestellt – und die Fortschritte lassen sich anhand des Handicaps auch der Aussenwelt darstellen. Hinzu kam ein Ausschluss- aspekt: Er war nicht gross genug, um es als Basketballer zu schaffen – und auch nicht mit ausreichend schnellzuckenden Muskelfasern gesegnet, als dass er noch ein Topsprinter hätte werden können.

Bei aller Kompromisslosigkeit, mit der McLaughlin in den nächsten Jahren leben wollte, wusste er durchaus: Nur mit Training und Fleiss wird keiner Weltklasse. Trotzdem glaubte er: Würde er über Jahre intensivst an sich arbeiten, hätte er eine Chance, Profi zu werden. 2016 oder 2017 sollte es so weit sein.

Champion nach 10'000 Trainingsstunden

Denn bevor McLaughlin seinen Job aufgab, setzte er sich mit Wissenschaftlern zusammen, die sich auf diesen Bereich spezialisiert hatten. Also: Welche Faktoren führen zu Erfolg – und wie muss man sie gewichten? Zugleich beschäftigten sich in jener Zeit zahlreiche Autoren mit dem Thema. Der Bekannteste von ihnen heisst Malcolm Gladwell und arbeitet für den «New Yorker». Der Kanadier schrieb in einem Buch, dass ein Champion, egal, welcher Gattung, erst nach circa 10'000 Trainingsstunden erblühe.

Darum sagte sich McLaughlin: «Ich trainiere 10'000 Stunden.» Bloss hatte er vom Austausch mit den Wissenschaftlern gelernt: Einfach ein bisschen Bälle schlagen führt nirgendshin. Jede Übung muss effektiv und konzentriert ablaufen. «Deliberate practice» heisst dieser Ansatz in der Fachwelt der Psychologen. Wer kopflos trainiert, kommt nirgendshin, wird im Fall von McLaughlin also bestimmt nie Golfprofi.

Nach gut 3 Jahren: Handicap 2,6

Dieser arbeitete sich in Mikroschritten voran. Er lochte über Monate nur aus wenigen Zentimetern den Ball mit dem Putter ein, ehe er zu chippen, also mit kurzen Annäherungsschlägen, begann. Sechs bis acht Stunden hielt McLaughlin täglich denselben Schläger – im Jargon eine «Wedge» – in der Hand, ehe er nach 1000 Trainingsstunden erstmals längere Eisen anrührte. Nach doppelt so vielen Stunden schlug er erstmals mit einem Driver ab – und damit so richtig weit. Dummerweise hatte er zu diesem Zeitpunkt von einem anderen Wissenschaftler eine zweite Lektion erhalten. Sie lautete: Variiere dein Training stets, weil Gehirn und Körper nur dann maximal gefordert sind und sich entwickeln.

Sechs bis acht Stunden täglich hielt McLaughlin über Monate denselben Schläger in der Hand.

Also hatte er kostbare Zeit mit stupiden Übungen zwar nicht gerade vertrödelt, aber suboptimal genutzt. Dennoch waren seine Fortschritte verblüffend und rasant: Als er nach anderthalb Jahren erstmals 18 Löcher spielte, verfügte er über ein Handicap von 8,7. Davon können die meisten Hobbygolfer nur träumen. Nach dreieinhalb Jahren war er bei 2,6 angekommen. Es schien folglich, als könnte McLaughlin irgendwann um 2016/17 tatsächlich in die Nähe der Profis kommen – sollte er sich so rasant weiterentwickeln.

Dann begannen die Rückschläge. Zwar arbeitete er neben dem spezifischen Golftraining auch viel im Kraftraum, ass ausgewogen und holte sich psychologischen Support. Sein Körper aber ertrug das Malochen immer schlechter. Vor allem der Rücken begann, ihn zu plagen und «the Dan plan», wie er ihn nannte, zu gefährden. Ab April 2015 waren die Schmerzen und damit die Probleme so hartnäckig geworden, dass McLaughlin über Monate pausieren musste. Er, der auf seiner Website zuvor jede Woche über sein Leben und seine Fortschritte berichtet hatte, verstummte. Sein letzter Eintrag stammt vom 23. November 2015.

Dann kam die Liebe

6003 «deliberate practice»-Stunden hatte er da in sich – und sagte jüngst im US-Magazin «The Atlantic», damit sein Ende erreicht zu haben. McLaughlins Körper will nicht mehr. Golfprofi ist also keiner aus ihm geworden. Und auch die grosse Frage, wie weit man mit gezieltem Training kommt, kann nach dieser besonderen Langzeitstudie natürlich nicht allgemein beurteilt werden. Zumal McLaughlins Plan grosse Schwächen aufwies: Weil er von seinem eher knappen Ersparten leben musste, konnte er sich beispielsweise weder einen ständigen Golflehrer noch andere Experten leisten. Er hatte lange bescheidenes Material und keine Trainingspartner.

Zudem hielt sich seine Motivation in Grenzen. Erst mit den Monaten begann er das Golfen zu schätzen, dann gar zu lieben. Ehe diese Leidenschaft mit den Rückschlägen zu schwinden begann und die Frage aufkam: Soll ich mich wirklich weiter diesem sonderbaren Leben hingeben? Auch seine private Situation hatte sich verändert: Er hatte sich in eine Frau mit zwei Kindern verliebt.

Bereut habe er seine Reise nicht, sagt Dan McLaughlin. Er habe so gelebt, wie er es für richtig hielt: kompromisslos, neugierig, selbstbestimmt. Er hat sie also beantwortet, seine grosse Frage des «Was wäre gewesen, wenn?».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2017, 22:44 Uhr

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