Das sind die Turner der Zukunft

An der EM in Glasgow springen Talente und Reservisten für die verletzten Routiniers ein. Vorhang auf für Taha Serhani, Henji Mboyo oder Benjamin Gischard.

Erstmals so richtig im Rampenlicht: Taha Serhani, Benjamin Gischard und Henji Mboyo. Foto: Raphael Moser

Erstmals so richtig im Rampenlicht: Taha Serhani, Benjamin Gischard und Henji Mboyo. Foto: Raphael Moser

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Das Omen ist gut, die Ausgangslage schwieriger. In Birmingham bereiteten sich die Schweizer Turner auf ihre Einsätze an der EM in Glasgow vor, die für sie mit der Qualifikation heute Abend beginnt. Birmingham steht als Ursprung für das erfolgreiche Team, 2010 hatten Oliver Hegi, Pablo Brägger oder Eddy Yusof zusammen die Silbermedaille gewonnen. An diesen Erfolg erinnert bis heute ein Banner in der Jubiläumshalle von Magglingen, der ständigen Trainingsbasis des Nationalkaders.

Nur: Bis auf Hegi sind nun in Glasgow gar keine Mitglieder der so talentierten Equipe von damals dabei. Brägger erholt sich von einem Fingerbruch in der rechten Hand, Yusof musste kurz vor den Titelkämpfen wegen eines Fussbruchs absagen. Bleibt Hegi, der Reckspezialist, der aus dem Vorjahr EM-Silber zu verteidigen hat – oder Gold zu gewinnen. Allerdings turnt der holländische Stangenkünstler Epke Zonderland in Glasgow auch wieder mit.

Es obliegt so der jungen ­Generation Schweizer Turnern, die «Kastanien aus dem Feuer zu holen». So sagt das Benjamin ­Gischard, der 22-jährige Berner, der nun erstmals Teamstütze ist. Die Jungen erhalten in Schottland die erstklassige Gelegenheit, sich aufzudrängen. Für die laufende Olympiaqualifikation, die an der WM 2019 ihre ­entscheidende Phase erlebt, aber auch für die Zeit nach ­den Spielen in Tokio 2020. Für eine Zukunft ohne Hegi, Brägger oder Yusof.

Taha Serhani: Der Rebell

Zum Stichwort Disziplin fällt dem 23-jährigen Winterthurer ein Schwank aus seinem Leben ein. Dass nämlich er, ein Zürcher, im Schaffhauser Leistungszentrum gefördert worden ist und nicht wie sein um vier Jahre jüngerer Bruder Samir im Zürcher LZ in Rümlang, hat seine Gründe. Serhani selbst verhehlt sie nicht: «Ich war in der Pubertät ein richtiger Rebell und hatte Trainer nicht so gern.»

Als 2015 der Schritt nach Magglingen anstand, war dem Sohn eines Marokkaners und einer Schweizerin bewusst: So kann es nicht weitergehen. Im Jahr davor war er für die WM Ersatz gewesen, nur Ersatz, er wollte mehr. «Turnen ist jetzt mein Beruf», sagte er sich damals und: «Entweder will ich das jetzt zu 120 Prozent, oder ich lasse es sein.» Wegen einer Verletzung hatte er noch ein schwieriges erstes Jahr zu überstehen, anschliessend startete der kräftige Zürcher durch.

Reck ist klar das beste Gerät des Langsamstarters, schon vor drei Jahren gewann er an den Schweizer Meisterschaften Silber an diesem Gerät – geschlagen nur vom späteren Reck-Europameister Pablo Brägger. Mehr und mehr entwickelt sich Serhani nun zum Allrounder, zum Beispiel attestiert ihm Nationalcoach Fluck an den Ringen enorme Fortschritte. Ein Lob, das Serhani sogar sichtlich überrascht: Eigentlich mag er die Ringe gar nicht. Er hat in seiner Karriere aber gelernt, einem Trainer nicht zu widersprechen.

Henji Mboyo: Die Attraktion

Schon mit 14 kam der junge ­Zürcher aus Glattbrugg nach Magglingen, so früh, wie es sonst nur die Frauen tun. Aber mit Henji Mboyo galt es nun einmal ein Juwel zu fördern, wie es der Schweizerische Turnverband nicht in jedem Jahrgang hat. Der Sohn kongolesischer ­Eltern (die sich erst in der Schweiz kennen lernten) kam bei einer Gastfamilie in Lyss unter, er fühlte sich sehr wohl und hatte trotzdem häufig Heimweh. Der ruhige, überlegte, introvertierte Teenager braucht sein Umfeld.

13-jährig war Mboyo, als er erstmals an einer Junioren-EM teilnahm, bis zu vier Jahre älter waren seine Teamkollegen, unter ihnen Eddy Yusof. Die Schweiz gewann Bronze, und nun wussten auch die letzten Szenekenner, welch Potenzial in Mboyo steckt. «Er ist unsere nächste Attraktion», sagte Nationaltrainer Bernhard Fluck damals. So entstand ein Hype, «und der», gesteht er heute selbst, «hat mir nicht so gutgetan». Die Aufregung wurde ihm so sehr zu viel, dass er den Entschluss schon gefasst hatte, aufzuhören.

Nils Haller, der frühere Captain des Nationalteams, nahm sich seiner an und riet ihm, sofort nach Magglingen zu wechseln. Dort angekommen, blieb Haller sein Betreuer, auch mental arbeitete der Zürcher an sich. So lässt sich sogar die Disziplin aushalten, die im Turnen nun einmal vorausgesetzt wird. «Aber mich dieser zu unterwerfen, sagt Mboyo, «ist mir schon immer sehr, sehr, sehr schwer gefallen.»

Benjamin Gischard: Der Wertvolle

22 mag der Berner aus Her­zogenbuchsee erst sein, die EM in Glasgow ist gleichwohl schon sein sechster Grossanlass nach bislang drei Europameisterschaften, einer WM und der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016. Der Rotschopf ist unauffällig und wird gerne unterschätzt. Zu Unrecht, sein Wert für das Team ist enorm: Gischard sammelt an jenen Geräten Punkte, an denen die Schweizer Equipe derzeit weniger stark ist: Sprung, Ringe, Boden.

Eben hat Gischard das erste Semester seines Jus-Studiums beendet und glanzvolle Zwischenprüfungen hingelegt. Obwohl ihm schon das Gymnasium leichtgefallen war, hatte er Respekt vor dem Aufwand, neben dem Turnsport auch ein Studium zu bewältigen. Doch es gebe für einen Kunstturner ja keine andere Wahl, als noch im Laufe der Karriere ein zweites Standbein aufzubauen, sagt er. Ihm ist bewusst: «Turnen ist brotlos.» Der Grundlohn im Nationalkader liegt eher unter als über 2000 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 19:09 Uhr

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