Der Dauermeister verliert die Lust

Nach dreijährigem vergeblichem Sturm auf den europäischen Volleyballthron macht sich Volero-Präsident Stav Jacobi viele Gedanken über die Zukunft.

Rosir Calderon (r.) wurde von Jacobi zurückgeholt, weil sie mit jedem Ball etwas anzufangen weiss. Foto: Philipp Reinmann (Indoor Sports)

Rosir Calderon (r.) wurde von Jacobi zurückgeholt, weil sie mit jedem Ball etwas anzufangen weiss. Foto: Philipp Reinmann (Indoor Sports)

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Und dann fällt dieser Satz: «Ich habe keine Freude mehr am Volleyball.» Er kommt von ihm, von Stav Jacobi, ausgerechnet vom Präsidenten von Volero ­Zürich, dem fast schon fanatischen ­Anhänger dieser Sportart. Nichts ist schöner, nichts intelligenter, nichts ­ästhetischer als Volleyball, so denkt der einstige Pas­seur von ZSKA Moskau, der 2002 beim Zürcher Club als Trainer seine alte Liebe neu entdeckte. Mehr zufällig hatte man den Mann angefragt, der 1991 aus der Sowjetunion in die Schweiz gekommen war, um sein wirtschaftliches Glück zu finden. Dass er sich schon ­immer nach mehr sehnte als dem finanziellen Reichtum, stets nach seiner Bestimmung suchte, kam dem Club zugute.

In Volero hatte Jacobi das gefunden, wonach er gesucht hatte, mit ihm wollte er Grosses erreichen. Er wurde dessen Präsident, spaltete das Frauenteam vom Verein ab, gründete eine AG. Er scheute keine Mühen, keine Kosten. Sind es 20, 30, vielleicht 40 Millionen Franken, die er seither ausgegeben hat? Er weiss es nicht, Jacobi hat nie nachgerechnet. Die Ausgaben standen nie im Vordergrund. Er wollte etwas erschaffen. Das Geld, mit Immobilien und in der Industrie erwirtschaftet, floss nur in eine Richtung, in seine «zweite Familie», das ist es, was Volero für den verheirateten, aber kinderlosen Jacobi ist. Er hatte grosse Pläne, wie das manch ein Vater mit seinem Kind hat. Einmal die Champions League gewinnen, einmal die Club-WM, er wollte mit seinem Team das Schweizer Volleyball beleben, die Liga auf ein neues Niveau heben.

130 kamen und gingen

Jacobi sitzt in seinem Büro in Oerlikon, 50 ist er im März geworden, die Träume sind weit weg. Die Champions League hat Volero nicht gewonnen, ebenso ­wenig die Club-WM, die Konkurrenz in der Schweiz ist so blass wie je. Seine Starspielerinnen sind weggezogen, nach Russland, Brasilien, in die Türkei. Sie ­kamen, sie gingen. Nichts Neues. Und doch ist das diesmal Anlass für Jacobi, nachzudenken. Was sollen nun die Ziele sein? Ist es alles, Jahr für Jahr ein Team zusammenzustellen, von dem er sich den Coup erhofft?

Sie kommen, sie gehen. Ohne Nachhaltiges zu hinterlassen. 130 Profispielerinnen, so schätzt Jacobi, sind schon durch seinen Club gegangen, «und wenn nur eine von diesen in einem Jahr eine Postkarte schreibt, ist das schon viel». Es sind solche Gedanken, die ihn derzeit umtreiben. Wenn Spielerinnen seine Hilfe brauchen, wenn sie verletzt sind und er sie auf seine Kosten behandeln lässt, weil es ihr aktueller Club nicht tut, dann denken sie an ihn. Aber sonst? Sind sie kurz da, ziehen dann weiter, vergessen Volero, Volero vergisst sie. Nichts, was bleibt.

Ein Zwischenjahr gönnt er sich, so nennt Jacobi diese Saison, die für sein Team am Sonntag in Schaffhausen beginnt. Er will seine Gedanken sortieren. Viele junge Spielerinnen hat er nun geholt, Druck gibt es kaum, einzig der Schweizer-Meister-Titel ist Pflicht, «die kleinere Beute», wie er ihn nennt.

Auch noch ein Dopingfall

Nur zwei Grössen sind geblieben, die Serbinnen Silvija Popovic und Bojana Zivkovic, nur zwei hat er zurückgeholt: Diagonalspielerin Rosir Calderon, weil sie mit jedem Ball etwas anzufangen weiss, und Ana Antonijevic, eine der besten Zuspielerinnen der Welt. Um sie herum hatte er einst das Team gebaut, das den Gipfel hätte erklimmen sollen, dann riss ihre Achillessehne. Kaum hatte sie sich zurückgekämpft, riss sie gleich nochmals. Beim rumänischen Meister Alba Blaj wurde sie im letzten Jahr wieder aufgebaut, seit diesem Sommer ist die 30-Jährige zurück. Und bereitete dem Präsidenten gleich wieder Kopfschmerzen.

Als sie Ende August mit dem serbischen Nationalteam beim Grand Prix in China weilte, wurde sie bei einer ­Dopingprobe positiv getestet und suspendiert. Sie habe kontaminiertes Fleisch zu sich genommen, lautete ihre Begründung. Antonijevic wurde von den Vorwürfen freigesprochen und ist seit letzter Woche wieder spielberechtigt.

Doch trotz dieser vier Spitzenspielerinnen ist das aktuelle Kader nicht zu vergleichen mit dem Starensemble der letzten drei Saisons, in denen Jacobi mit allem, was ihm zur Verfügung stand, den Erfolg gesucht hatte. Maserati, Porsche, Mercedes hatte er für seine Spielerinnen geleast, eine eigene Wohnung hatte jede in Oerlikon, Rundumbetreuung, Tag für Tag. Sie verdienen das, sagte sich Jacobi, sie alle sind um die 30, haben eine grosse Karriere hinter sich. Dreimal ein 5. Platz in der Champions League, zweimal Bronze an der Club-WM, das ist die Hinterlassenschaft aus den Jahren, in denen er anrannte und scheiterte, Mal für Mal. Wie Sisyphus, so sagt er, schob er den Stein den Berg hoch, um doch wieder zu fallen. Mal für Mal. «Will ich das so lange tun, bis uns der Stein noch alle erschlägt oder wir doch noch den Gipfel erreichen?» Das fragt er sich in diesen Tagen.

Aus seiner Formulierung ist zu entnehmen: nein. Er mag nicht mehr den Pokalen und Medaillen hinterherhetzen. Volero soll nicht nur Durchlaufclub sein, Pokale sollen nicht alles sein. «Wir sind zwölfmal Schweizer Meister geworden. Sollten es einmal 42 Titel sein, dann bin ich kein bisschen glücklicher. Einen Meistertitel nehme ich mittlerweile zur Kenntnis wie eine Zugverspätung, als etwas Alltägliches, das ist nicht gut.» Er will die Emotionen wiederfinden, deshalb dieses Zwischenjahr, das ihn auch finanziell entlastet.

Budget auf 2 Millionen halbiert

Die defizitäre Lounge am Max-Bill-Platz gibt er auf; mit seinen Büroräumen zieht er ein paar Häuser weiter, 150 statt 400 Quadratmeter; sieben Wohnungen in Oerlikon hat er abgegeben, 10 sind geblieben, in denen die Spielerinnen nun zu zweit oder zu dritt wohnen. Das Budget ist halbiert, von 4 auf 2 Millionen Franken, getragen zwar noch immer vor allem von ihm. Sein Portemonnaie und seine Gedanken aber sind weniger belastet. Er fragt sich: Ist die Lösung eine Superliga in der Schweiz mit Proficlubs? Oder eine internationale Liga? Oder, und davon scheint er derzeit am meisten angetan zu sein, eine eigene Nachwuchsakademie?

Er spricht von den ZSC Lions, schwärmt von deren Ausbildungsstätte, von den Kindern, die von klein auf mit dem Club verbunden sind, von der ­emotionalen Bindung, die ihm so fehlt bei Volero. Um den Traum einer eigenen Akademie zu realisieren, benötigte er ­allerdings auch eine entsprechende ­Infrastruktur. Wie oft in den letzten ­Jahren hat er auch jetzt die Hoffnung, in der Stadt Zürich ein Grossprojekt mit einer eigenen Halle realisieren zu können. Mit dem Stadtrat habe er bereits Pläne entworfen. «Wenn das zustande kommt, ist dieses Problem für immer ­gelöst», sagt er. «Die Hauptfrage aber bleibt: Wohin will ich mit Volero ­gehen?» Er will die Antwort in diesem Zwischenjahr ­fin­­den. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2017, 10:05 Uhr

Stav Jacobi

«Einen Meistertitel nehme ich mittlerweile zur Kenntnis wie eine Zugverspätung, als etwas Alltägliches, das ist nicht gut.»

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