Der «Grosse Weisse Hai» in Crans Montana

Greg Norman ist das Aushängeschild des Omega European Masters. Im Interview schwärmt er von Roger Federer und spricht über die Rolle als Nummer 1: «Kein normaler Mensch muss mit einem solch intensiven Druck umgehen.»

Das Hai-Logo als Markenzeichen. Greg Norman hat kein Bedauern mit seinem Nachfolger: «Was Tiger Woods tat, war abnormal.»

Das Hai-Logo als Markenzeichen. Greg Norman hat kein Bedauern mit seinem Nachfolger: «Was Tiger Woods tat, war abnormal.» Bild: Keystone

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Sie haben wegen einer Schulteroperation seit 12 Monaten kein einziges Turnier bestritten. Werden Sie beim ersten Abschlag nervös sein?
Greg Norman: Nein, nervös werde ich nicht mehr (lacht).

Was dürfen die Zuschauer in Crans von Ihnen erwarten?
Keine Ahnung. Ich trainiere erst seit zwei Wochen wieder und bin selber gespannt, wie es laufen wird. Ich werde in den vier Tagen das Beste geben und schauen, was rauskommt.

Sie sind längst ein äusserst erfolgreicher Geschäftsmann. Welche Rolle spielt das Aktivgolf in Ihrem Leben noch?
Ich geniesse es immer noch, Golf zu spielen. Golf bringt mir innere Befriedigung und fordert mich heraus. Die Arbeit geht dir nie aus, du kannst im Spiel immer etwas verbessern. Zudem gebe ich meinem Sport gerne etwas zurück – und zwar nicht nur, indem ich selber den Ball schlage. Ich habe eine Stiftung, Akademien, Nachwuchsförderungsprogramme.

Wie wichtig ist Ihnen der sportliche Erfolg heute noch?
Der Genuss steht im Vordergrund. Titel zu holen ist naturgemäss deutlich schwieriger geworden, weil ich viel weniger trainiere als früher.

Inwiefern hat Ihnen das Leben als Golfprofi geholfen, sich in der Geschäftswelt durchzusetzen?
Der Golfsport hat es mir erlaubt, eine Marke einzuführen. Mein Logo ist sehr bekannt. Insofern habe ich mein Business übers Golfen etabliert. Noch heute haben viele meiner Geschäftsfelder etwas mit Golf zu tun.

Sie haben Ihren Spitznamen «The Great White Shark» zum Namen Ihres Imperiums gemacht. Weshalb passt der «Grosse Weisse Hai» so gut zu Ihnen?
1991 nannte mich eine Zeitung so, und die Bezeichnung ist haften geblieben. «Hai» ist ein fantastischer Spitzname, der zudem nicht schlecht zu mir passt: Ich bin einer, der sich gerne bewegt, der Vieles erforscht und weiterkommen will.

Mit Ihrem Vermögen könnten Sie die nächsten 1000 Jahre fürstlich leben. Weshalb nehmen Sie es nicht etwas gemütlicher?
Es ist wahr, ich könnte mich zurücklehnen. Doch nichts tun wäre gegen meine Natur. Ich unternehme gerne etwas, ich will etwas zurückgeben. Aber es ist nicht so, dass ich dauernd aufs Gaspedal drücke. Es gibt die Momente des «take it easy» – ich geniesse das Leben durchaus.

Sie waren mit Chris Evert liiert und interessieren sich für Tennis. Was halten Sie von Roger Federer?
Was er leistet und wie er sich verhält, ist schlicht phänomenal. Er hat sein Spiel im letzten Jahrzehnt stark weiterentwickelt und eine unglaubliche Konstanz erreicht. Federer ist ein Meister seines Fachs. Er ist so gut, dass bei ihm alles einfach aussieht. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen versichern: Es ist gar nicht einfach; Federer muss sehr hart arbeiten, um so stark zu sein.

Wie Federer waren Sie jahrelang die Nummer 1. Können Sie erzählen, welchem Druck er ausgesetzt ist?
Würde ich mit Roger darüber sprechen, verstünden wir uns bestens. Aber es ist sehr schwierig, die Situation einem Aussenstehenden zu erklären. Kein normaler Mensch muss jemals mit einem solch intensiven Druck umgehen. Wenn du die Nummer 1 bist, steht niemand über dir. Alle sind hinter dir her. Ich kann Ihnen nicht genau beschreiben, wie es ist, wenn du auf dem Centre Court Matchball hast oder auf dem 18.Green vor dem entscheidenden Putt stehst – sorry!

Zurück zum Golf: Wer war respektive ist besser – Jack Nicklaus oder Tiger Woods?
Ein Vergleich ist schwierig, weil das Material und die Gegner anders waren. Aber wenn ich das Spiel als Ganzes beurteile, war Nicklaus meiner Meinung etwas besser.

Sie erlebten selber zwei Scheidungen, welche in der Öffentlichkeit ausgeschlachtet wurden. Tut Ihnen Woods leid?
Das Privatleben sollte privat bleiben. Aber was Tiger tat, war abnormal. Er muss nun die Suppe auslöffeln, die er sich selber eingebrockt hat. Ich hoffe sehr, dass Tiger aus seinen Fehlern lernt und sie nicht wiederholt. Ich denke, er wird sich wieder auffangen.

Trauen Sie ihm zu, auf dem Golfplatz wieder zu dominieren wie vor dem Skandal?
Er wird wieder Turniere gewinnen, aber nicht mehr so dominieren wie einst. Es ist eine ganz neue Welt für Tiger Woods. Zuvor war er sehr beliebt, nun muss er sich aus dem Publikum viele negative Dinge anhören.

Es gibt derzeit viele aufstrebende Jungprofis. Welchem trauen Sie am meisten zu?
Für mich stechen der Japaner Ryo Ishikawa, der Deutsche Martin Kaymer sowie der Nordire Rory McIlroy heraus. Aber es gibt viele grosse Talente da draussen; letztlich wird entscheidend sein, wer über den stärksten Willen verfügt.

Sie haben im Golf viel Grossartiges geleistet. Auf welchen Erfolg sind Sie am meisten Stolz?
Auf meinen ersten Sieg 1976 in Adelaide – er hat mir das nötige Selbstvertrauen eingebracht, den Weg an die Spitze geebnet.

Noch berühmter als für Ihre Siege sind Sie für bittere Niederlagen. Kommen die verpassten Chancen in Albträumen vor?
Nein, nie!

Ihre Abschläge waren selbst im historischen Kontext Extraklasse. Haben die Titaniumschläger Ihnen einen wichtigen Vorteil genommen?
Ich denke nicht. Es ist schlicht ein grosser Vorteil, den Ball weiter zu schlagen als jeder andere – und noch besser ist es, wenn du den Ball auch noch gerade schlägst (lacht). Aber die Technologie hat ohne Zweifel grossen Einfluss: Ich erreiche mit 55 die selben Distanzen wie vor 30 Jahren mit den alten Schlägern.

Hat die Materialentwicklung das Golfspiel zu stark vereinfacht?
Nein, die Durchschnittsskores der Besten haben sich seit den Achtzigerjahren kaum verändert. Auch wenn du den Ball 310 Meter weit hauen kannst, musst du ihn noch ins Loch befördern. Im Endeffekt ist Golf vor allem ein mentales Spiel.

Erstellt: 02.09.2010, 16:43 Uhr

331 Wochen Nummer 1

Dank Titelsponsor Omega schlägt Greg Norman diese Woche in Crans-Montana ab. Der Australier mit Wohnsitz in Florida ist eine der schillerndsten Figuren im Golfsport. Er war nach der Ära von Jack Nicklaus und vor der Regentschaft von Tiger Woods der dominierende Golfer. Er hat bisher rund um den Globus 91 Turniere gewonnen, und er war nicht weniger als 331 Wochen die Nummer 1.

Major-Titel hat der, der sehr aggressiv und kraftvoll spielt, nur zwei geholt – das ist für einen Spieler seiner Qualität eine schlechte Bilanz. Achtmal war er Zweiter, zehn weitere Male klassierte er sich in den Top 5 – zuletzt am British Open 2008. An jedem der vier Topevents verlor er einmal im Playoff. Manchmal verliessen ihn die Nerven, manchmal hatte er schlicht Pech. 1987 scheiterte er am Masters, weil sein Konkurrent Larry Mize am zweiten Extraloch aus 40 Metern mirakulös einlochte. 1996 verspielte er ebenfalls in Augusta in der letzten Runde einen Vorsprung von sechs Schlägen auf Nick Faldo.

Der «Grosse Weisse Hai» hat zwei Ehen hinter sich; jene mit Chris Evert, einer ehemaligen Nummer 1 im Tennis, wurde im Dezember 2009 geschieden. Norman schaffte den Sprung ins Geschäftsleben problemlos. Er hat sich ein richtiges Imperium aufgebaut: Er verkauft Golfbekleidung, Kunstrasen, Fleisch und Wein, zudem besitzt er ein Restaurant und ist als Golfplatzdesigner sowie Turnierveranstalter tätig. Sein Vermögen wird auf mehrere 100 Millionen Dollar geschätzt.

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