Der Höhlenmensch des Rugby

Sébastien Chabal, der französische Rugbystar, tritt zurück. Rasiert er sich jetzt auch?

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Von allen Übernamen, die man dem Franzosen Sébastien Chabal angedichtet hat während seiner langen Karriere, ist einer besonders originell, wenn auch schauerlich: «Der Anästhesist». Wer ihm bei der Arbeit begegnet war, so der tiefere Sinn, befand sich danach meist im Vorzimmer des Operationssaals, nur noch halb bei Sinnen.

Chabal, 113 Kilogramm schwer und 1,91 Meter gross, Schuhgrösse 49 und Hände wie Pizzaschaufeln, übermannte und überwältigte in den letzten vierzehn Jahren seine Gegner reihenweise, rammte ihnen seine mächtige Schulter in die Flanken, schob stämmige Kerle vor sich her, als wären sie Schaumgummiattrappen. Ganz legal, muss man dazu sagen, ganz regelkonform. Chabal ist der Star eines Sports, der bullige Männlichkeit als Bürgschaft für Authentizität und Courage feiert: Rugby. Man nennt ihn auch «Höhlenmensch», «Monster» und «Neandertaler», was vornehmlich seinem langhaarig, dichtbärtigen Look und seiner tiefen Stimme geschuldet ist. Alles durchaus erstrebenswerte Prädikate in diesem Sport.

Nun hört er auf, mit 36 Jahren. Am Sonntag bestreitet er sein letztes Spiel. Sein Verein, Lyon Olympique Universitaire, führt in der Pro D2, der zweiten Liga, die Tabelle an. Und da die Franzosen Rugby mehr lieben als Fussball, besonders im Süden, ist der Rücktritt ein Grossereignis. Chabal ist dem Rugby ungefähr das, was David Beckham dem Fussball war, ein Megastar, nur eben ganz anders, vor allem ohne gezupfte Augenbrauen. Glamour und Metrosexualität passen nun mal schlecht zu Rugby.

Immer gut für eine Polemik

Zum Sport kam Chabal erst mit 17. Mit Studieren war nichts. Er arbeitete damals als Teilzeitdrechsler in einer Fabrik. Wucht und Wendigkeit brachten ihn schnell voran und bald ins Ausland, zu den Sale Sharks nach England. International bekannt wurde Chabal 2007, als er mit der französischen Nationalmannschaft Testspiele in Neuseeland bestritt. Den Gegenspieler Chris Masoe stiess er so hart zu Boden, dass der nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Ein anderer brach sich bei seiner brüsken Begegnung mit Chabal den Kiefer und konnte drei Monate lang nur Suppen essen.

So wachsen Rugbylegenden. Chabals spielerische Fertigkeiten waren zwar immer umstritten. In seinen 62 Länderspielen war er denn auch nur 33-mal gesetzt. Doch seine aussergewöhnliche Persönlichkeit verhalf dem Sport zu neuer Beliebtheit, zu höheren TV-Quoten. Er war stets gut für eine Polemik. Und lustig, selbstironisch auch. In einer Werbung trat er in hochhackigen Schuhen auf, in einer anderen als Mönch. Chabal warb natürlich auch für Zahnprothesen. Bald war er überall, feixte von Litfasssäulen, schrieb Kolumnen, stand als Wachs­figur im Pariser Musée Grévin. 2010 wählten ihn die Leser der Sportzeitung «Equipe» zum beliebtesten Sportler im Land – vor allen Fussballern und Tennisspielern. Man sprach von Chabal-Mania. Nie zuvor hatte Rugby, dieser Kollektivsport par excellence, einen so bunten Star.

Über seinen Haarstil sagte Chabal einmal: «Ich habe mich an einem Morgen nicht rasiert.» Es gibt Spekulationen, dass er sich am Sonntag, nach dem Spiel, rasieren könnte. Als Schlussnummer. Die haarlose Version von Chabal wäre eine republikanische Offenbarung. Vielleicht narkotisiert er aber auch nur einen letzten Gegner. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2014, 08:02 Uhr

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