Der König tritt ab

Johnny Wilkinson war ein Musterathlet und führte den rauen Rugbysport auf die Titelblätter der Hochglanzmagazine. Nach 83 Länderspielen und 10 Titeln trat er zurück. Die Franzosen ehrten den Engländer mit einer respektvollen Geste.

Der magische Moment des Johnny Wilkinson: 26 Sekunden vor dem Ende der Verlängerung trifft er mit WM-Final 2003 gegen Gastgeber Australien mit einem Dropkick zwischen die Stangen. Video: Youtube.


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Was Michael Schumacher für die Formel 1, Tigers Woods fürs Golf oder Roger Federer fürs Tennis, war Johnny Wilkinson fürs Rugby. Beliebt war der Sport seit jeher, vorab in den Nationen des britischen Commonwealth. Aber Wilkinson führte ihn ins 21. Jahrhundert. Er war kein Rugbyspieler mit der Gestalt eines Jonah Lomu, dieser grandiosen neuseeländischen Naturgewalt auf zwei Beinen. Und kein Höhlenmensch mit unwirtlichem Vollbart. Wilkinson war vielmehr filigran, ein Feintechniker. Mainstreamtauglich.

Die Kicks des Engländers verschafften ihm eine Bekanntheit weit über das Rugby hinaus. Vor allem an der WM 2003 in Australien. Dass England an jenem Turnier in Down Under zum ersten Weltmeister der nördlichen Hemisphäre gekürt wurde, hatte es fast ausschliesslich Wilkinson zu verdanken: Im Final gegen Gastgeber Australien erzielte er mittels Straftritten und Dropkicks 15 der 20 Punkte. Im Halbfinal gegen Frankreich gleich alle 24. Kicks pflegte er so akribisch zu trainieren wie David Beckham seine Freistösse. Die beiden verbindet eine Freundschaft.

«Sir Johnny, Ihre Majestät»

Nun bestritt Wilkinson sein letztes Spiel, und er trat von der grossen Bühne ab: mit einem weiteren Titel, dem zehnten seiner Karriere. Mit seinem Club Toulon gewann der 35-Jährige am Samstag im Stade de France erstmals auch die französische Meisterschaft Top 14, nachdem er den Titel in England bereits vor 16 Jahren gewonnen hatte. Bei den Newcastle Falcons hatte Wilkinson gespielt, ehe er 2009 nach Frankreich zu Toulon wechselte. 83 Länderspiele hat er insgesamt für England absolviert.

Und nicht viele ausländische Sportler genossen in Frankreich ein Ansehen wie der Blondschopf aus Frimley südwestlich von London. Nach dem Endspiel zwischen Toulon und Chartres (18:10) wurde «God Save the Queen» gespielt, die Nationalhymne Englands, und das Publikum sang lautstark mit. Eine Respektsbekundung sondergleichen. Und als Wilkinson zum Interview gebeten wurde, sprach ihn der Kommentator von France 2 mit «Sir Johnny, Ihre Majestät» an. Dem 35-jährigen Halfback kamen vor Rührung fast die Tränen. «Ich kann gar nicht genug dafür danken, wie die Menschen in Frankreich mit mir umgegangen sind», sagte er. (wie)

Erstellt: 03.06.2014, 13:13 Uhr

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