Der Shootingstar und sein schrecklicher Unfall

Schwinger Armon Orlik will zurück an die Spitze. Dabei steht ihm vor allem einer im Weg: Er selbst.

Wie das Sägemehl haften auch die Bedenken an Armon Orlik. Bild: Raissa Durandi.

Wie das Sägemehl haften auch die Bedenken an Armon Orlik. Bild: Raissa Durandi.

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Dieser Sonntag Anfang Mai verändert alles. Armon Orlik betritt das Sägemehl. Der 5. Gang des Aargauer Kantonalschwingfestes steht an. Sein Auftritt bisher: dominant. Keinen Gang hat er abgegeben. Sein nächster Gegner heisst Bruno Gisler. Orlik setzt zum Haken an, der Aargauer kontert und legt ihn auf den Rücken. Gisler jubelt, Orlik bleibt liegen. Er hebt Kopf und Arme, will aufstehen. Es geht nicht. Noch ein Versuch. Missglückt. Er spürt seine Beine nicht. Die Notärzte kommen, untersuchen ihn­minutenlang. Dann endlich, Entwarnung. Orlik richtet sich auf. Stunden später erzählen ihm die Ärzte, dass er einen spinalen Schock erlitten habe. Die Nerven wurden beim Aufprall auf die Wirbelsäule so sehr erschüttert, dass die entsprechenden Körperfunktionen vor­übergehend ausfielen.

«Die Wahrheit ist, dass dieser Moment ziemlich schrecklich war», sagt der Schwinger. In ihm brach Panik aus, weil er befürchtete, ­querschnittgelähmt zu sein. Zwei ­Wochen bleibt er dem Sägemehl fern, hat Zeit, macht sich Gedanken. Der Unfall ist omnipräsent.

Orlik sagt, dass er sich manchmal erwische, wie er den Unfall, schönreden will. Zu Beginn der Saison, in der er nach dem Sieg am Thurgauer Kantonalschwingfest weitere Triumphe hätte aneinanderreihen sollen, muss er sich neu ausrichten.

Das Herz des Publikums erobert, das Ziel neu definiert

Er, der im vergangenen Sommer am Eidgenössischen in Estavayer mit seinem spektakulären Schwingstil die Herzen des Publikums eroberte und erst im Schlussgang vom späteren Schwingerkönig Matthias Glarner gestoppt worden war. ­Orlik führte zum Ende der letzten Saison die Jahrespunkteliste an, ihm wurde ein prächtiges 2017 prognostiziert. Plötzlich ist aber nicht mehr der Unspunnen-Schwinget Ende August sein grosses Ziel. Sondern wieder einmal ohne diese Bedenken im Hinterkopf die Zwilch­hosen des Gegenübers greifen zu können.

«Ich will nicht verdrängen, sondern mit dem Erlebten umgehen», sagt Orlik Ende Mai, als ihn das Schweizer Fernsehen während ­seines ersten Trainings nach der Verletzung begleitet. «Ich muss das in den Griff kriegen, das Vertrauen und die Freude wiederfinden.» Es ist ein Satz, der zeigt, wie sehr ihn das Ganze beschäftigt. Ihm reicht es nicht, wieder im Sägemehl zu stehen. Freude macht es dem Bündner erst, wenn er so schwingen kann, wie er und seine Fans das lieben: aufsässig, frech, erfolgreich.

Die physische Stärke, die Nervosität vor der Rückkehr

Schon nach wenigen Trainingseinheiten merkt Orlik, dass seine Leistungsfähigkeit nicht viel eingebüsst hat – im physischen Bereich. Die psychische Verarbeitung des Unfalls erfolgt mit einem Mentaltrainer. Er wolle sich Zeit lassen, sagt der 22-Jährige. Sein Comeback gibt er Mitte Juni. Er ist nervös. Am Morgen vor dem Nordostschweizer Schwingfest in Davos nimmt er sich vor, am Abend gesund heimzukehren. Es gelingt. Aber nicht nur das. Orlik schwingt ­furios, erreicht den Schlussgang. Dort unterliegt er dem Thurgauer Samuel Giger nach 13 Minuten in einem atemberaubenden Kampf. Trotz der Niederlage setzt er es endlich wieder auf: dieses diskrete, aber tief zufriedene Lächeln.

Die Wochen vergehen, das Selbstvertrauen kehrt sukzessive zurück. Am Bündner/Glarner Kantonalschwingfest triumphiert er wie im Jahr zuvor. Auf dem Brünig wird er Dritter. Es bedeutet ihm viel, zurück zu sein, an der Spitze. Wer aber Orlik im Sägemehl beobachtet, spürt eine Vorsicht, die er zuvor nicht kannte. Nicht wenige sagen, dass Orliks attraktive Art zu schwingen in seiner Vergangenheit als Judoka gründe. Seinem Drang zur Offensive gilt es wieder nachzugeben. Insbesondere im Hinblick auf den Unspunnen-Schwinget am kommenden Sonntag. Nur alle sechs Jahre findet er statt. Ein Sieg in Interlaken verspricht Ruhm. «Ich möchte an diesem Tag all mein Potenzial abrufen. Wenn mir das gelingt, kann ich mir hohe Ziele stecken», sagt der 110-Kilo-Mann. Orlik träumt vom Schlussgang. Auf dem Weg dahin werden ihm die Kampfrichter aber die grossen Namen der anderen Teilverbände zuteilen. Er schert sich nicht um seine Gegner.

Keiner weiss so gut wie er, dass er an einem guten Tag jeden auf den Rücken legen kann. Man ­stelle sich vor, wie stark dieser Armon Orlik nun wäre. Ohne diesen ­Unfall. Ohne diese Gedanken. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.08.2017, 21:37 Uhr

Das ist das Unspunnen-Schwinget

Fragt man einen Schwinger, welches Schwingfest nach dem Eidgenössischen das bedeutendste sei, kriegt man zwei Antworten: der Kilchberger Schwinget oder der Unspunnen-Schwinget. Beide Veranstaltungen ­haben nationalen Charakter, ein Triumph ist prestigeträchtig. Der Unspunnen-Schwinget gibt es nur alle sechs Jahre. Das Saisonhighlight findet am kommenden Sonntag, 27. August, in Interlaken statt. (cst)

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