Der hungrige König

Matthias Sempach ist der beste Schwinger der Gegenwart. In diesem Jahr will er in einen exklusiven Club aufsteigen. Ein Besuch in seiner Heimat Alchenstorf, wo er nicht der einzige Schwingerkönig ist.

Imposante Figur vor idyllischer Kulisse: Schwingerkönig Matthias Sempach daheim im beschaulichen Alchenstorf. Foto: Adrian Moser

Imposante Figur vor idyllischer Kulisse: Schwingerkönig Matthias Sempach daheim im beschaulichen Alchenstorf. Foto: Adrian Moser

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Der Dauerregen hat sich verzogen, die Sonne brennt wieder spürbar kurz nach Mittag im beschaulichen Alchenstorf. Das Erste, was dem Besucher in diesem von Weilern umgebenen, lang gezogenen Berner Strassendorf zwischen unterer Emme-Ebene und Wynigental auffällt, ist die Idylle, die Ruhe. Nur etwas mehr als 500 Einwohner zählt die kleine Gemeinde, jeder kennt jeden, jeder grüsst jeden. Da macht auch der Schwingerkönig keine Ausnahme. Beim kurzen Fotoshooting hebt Matthias Sempach das eine oder andere Mal die Hand, wenn ein Fussgänger vorbeizieht oder ein Auto durchfährt.

Hier in seinem Heimat- und Wohnort fühlt er sich wohl, hat er seine Wurzeln. Das Elternhaus, in dem er gross geworden ist, das Haus, in dem er heute wohnt, beide sind vom kleinen Dorfzentrum aus in Sichtweite. Dann zeigt Sempach mit ausgestrecktem, muskulösem Arm noch auf ein anderes Gebäude. «Dort», erklärt er, «wohnen Adrian und Remo Käser.» Adrian, das ist der Schwingerkönig von 1989, Remo, das ist dessen Sohn und eine der grossen Nachwuchshoffnungen des ­Berner Teilverbandes. Zwei Könige und einer, der es einmal werden könnte – das kleine Alchenstorf ist eine Hochburg des Schwingsports.

Im Dezember ist die kleine, aber feine Schwingerfamilie im Dorf um ein neues Mitglied gewachsen. Die Rede ist von Henry Sempach, dem Sohn von Matthias Sempach. Ob aus ihm dereinst ein guter Schwinger wird, kümmert ­seinen prominenten Papa nicht. «Mir ist viel wichtiger, dass mein Sohn ganz ­natürlich und in einer intakten Familie aufwächst. Und dass er sich später einmal mit Leidenschaft für etwas begeistern kann, dass er Ziele hat, egal ob das im Sport oder anderswo ist.» Auch der Name Henry tönt eher unschweizerisch und unschwingerisch. Ein Zusammenhang mit dem Schwingen sei auch nie die Absicht gewesen, sagt der Vater, ­erwähnt aber, dass es tatsächlich einmal einen gleichnamigen Schwinger­könig gegeben hat: 1926 in Luzern triumphierte ein ­gewisser Henri Wernli.

Der Trick mit der Wiege

Gross verändert hat sich der Alltag bei Matthias Sempach durch das Leben zu dritt nicht. Es gehe einfach darum, die Zeit besser auf die Bereiche Familie, Sport, Job und Erholung zu verteilen. Auch beim für ihn wichtigen Schlaf musste er bisher kaum Abstriche machen, dank seiner Partnerin Heidi, die in der Nacht falls nötig zum Kleinen schaut. Ausserdem sei Henry eine ruhige Natur. Wie beim Schwingen, wo er viele der Gegner mit seinem «Sempach Spezial» ins Sägemehl bettet, setzt er auch daheim auf eine sehr effektive Methode, wenn er ­seinen Sohn zwischendurch einmal hinlegen will. «Ich verwende eine Dondolo-Hängewiege, das klappt meistens», verrät er schmunzelnd.

Bestens geklappt hat es für Matthias Sempach in den letzten Jahren in schwingerischen Belangen. Mit dem grandiosen Sieg am Eidgenössischen 2013 quasi vor seiner Haustür in Burgdorf ging sein sportlicher Lebenstraum in Erfüllung, letztes Jahr folgte der Triumph am Kilchberger Schwinget. 2012, 2013 und 2014 wurde er für seine Erfolge zum Schwinger des Jahres gekürt. Satt gemacht haben ihn diese Erfolge nicht. «Ich bin immer noch hungrig, ich gehe weiterhin gern ins Training, und ich habe auch noch Ziele.»

29-jährig ist er inzwischen, seine ­Leidenschaft fürs Schwingen bleibt ungebrochen. «Leider geht es bei mir schon Richtung 30», sagt er, «da macht man sich ab und zu Gedanken zur beruflichen und familiären Zukunft. Für mich hat das Schwingen in nächster Zeit trotzdem Priorität. Bis zum Eidgenössischen 2019 in Zug möchte ich dabeibleiben.» Bis dahin fehlt es nicht an sportlichen Anreizen. Da wäre in dieser Saison im August der Schwägalp-Bergschwinget, der in seiner Erfolgsbilanz noch fehlt, 2016 will er in Estavayer den Königstitel verteidigen, und 2017 könnte er in Interlaken gar den «Schwinger-Slam» realisieren mit Siegen am Eidgenössischen, am Kilchberger und am Unspunnen-Fest.

Für weitere Auszeichnungen habe es daheim oder bei seinen Eltern, wo die zahlreichen gewonnenen Treicheln und Glocken hängen, noch viel Platz, sagt Sempach lachend. «Einen Holztisch beispielsweise, den würde ich sehr gerne noch gewinnen.» Einige der Preise hat er wieder verkauft, wie Muni Wilson, den Siegerpreis am Kilchberger. Noch ­immer in seinem Besitz ist Fors vo dr Lueg, den er als Lebendpreis am Eidgenössischen gewonnen hat. «Ihn habe ich behalten, er ist weiterhin in der Zucht», sagt Sempach. Fors werde ausserdem häufig für spezielle Events gebucht, «für Kompanie-Abende, Geburtstage oder zuletzt sogar für ein Metzgerei-Jubiläum!»

Die Chance auf den 100. Kranz

Ohne materiellen Wert, aber sportlich bedeutend ist eine Marke, die Sempach in diesem Jahr erreichen kann. Holt er bei allen seinen neun noch geplanten Starts den Kranz, steigt er in den exklusiven 100er-Club auf. «Es wäre besonders schön», sagt er, «wenn ich das schon vor 30 schaffen könnte.» Erzwingen will er das aber nicht. «Wenn ich einmal nicht fit oder gesund bin, werde ich nichts riskieren. Dann schaffe ich die Marke eben im nächsten Jahr.» Dieser Blick fürs Ganze ist typisch für den heutigen Matthias Sempach. Früher, sagt er, sei er zu verbissen gewesen, zu ungeduldig. Deshalb habe er seine Ziele nicht erreicht. Der Königstitel hat ihn geduldiger, lockerer und fokussierter gemacht. Und er weiss heute, wo er schnell abschalten kann – bei seiner Familie und in der Idylle von Alchenstorf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2015, 22:02 Uhr

Königsduell

Die Kranzfest-Saison hat zwar schon vor zwei Wochen begonnen und mit Matthias Sempach (Freiburger Kantonales) und Daniel Bösch (Thurgauer Kantonales) auch bereits prominente Sieger hervorgebracht. Doch so richtig lanciert wird das Schwingerjahr morgen Sonntag, wenn es am Oberländischen in Boltigen zum ersten Kräftemessen der zuletzt dominierenden Berner kommt. Das Anschwingen ab 8 Uhr hat es gleich in sich: Schwingerkönig Matthias Sempach misst sich mit Kilian Wenger, dem Sieger des Eidgenössischen 2010 in Frauenfeld. In diesem attraktiven Startduell wird sich zeigen, wie gut sich Wenger wieder erholt hat, nachdem er beim Kilchberger Schwinget verletzungsbedingt passen musste.

Beim Zürcher Kantonalen am Sonntag in Wädenswil kann sich das Teilnehmerfeld mit sieben Eidgenossen ebenfalls sehen lassen. Fabian Kindlimann, der aktuell beste Zürcher Schwinger, trifft im ersten Gang auf Reto Nötzli, den letztjährigen Sieger des Innerschweizer Verbandsfests. Anschwingen im Eidmattareal ist um 8.30 Uhr, der Schlussgang findet um 16.30 Uhr statt. (atr)

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