Der schillernde Sprinter

Der Zürcher Reto Amaru Schenkel lief die 100 m schon mit 18 Jahren in 10,45 Sekunden. Doch die Karriere des Schweizer Junioren-Rekordhalters stockte, auch wegen seines bewegten Lebens.

Bild: Keystone

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Reto Amaru Schenkels Geschichte ist auf den ersten Blick die eines schnellen Schweizer Sprinters. Meister wurde der Athlet des LC Zürich am Samstag in Lugano über 200 m. Mit der 4-mal-100-mStaffel kann er es ab nächster Woche an der EM in Barcelona bis in den Final schaffen. Aber obschon im Leben des 22-Jährigen bereits Hundertstel über Erfolg oder Niederlage entscheiden können, bilden sie nur die oberflächliche Wahrheit. Denn Schenkels wahre Geschichte ist die eines jungen Mannes, der seinen Platz im Leben mit aller Intensität sucht. Seine sportlichen Spitzenleistungen sind dafür der sichtbare Rahmen. Die waren in jungen Jahren bereits imposant. Mit 16 sprintete Schenkel 10,88, mit 17 Jahren 10,62, als 18-Jähriger 10,45. Er verbesserte damals den 36 Jahre alten Schweizer Junioren-Rekord, war EM-Fünfter dieser Kategorie und galt als eine der ganz grossen Hoffnungen.

Der Schweizer Leichtathletik-Verband nahm ihn darum in sein oberstes Förderprogramm auf, World Class Potential heisst es. Die Bezeichnung gibt die Richtung vor: hin zur Weltklasse. Doch der steile sportliche Aufstieg Schenkels stockte in der Folge. So schnell wie 2006 ist er nie mehr gelaufen. 10,47 sprintete er bisher in dieser Saison über 100 m. Dass er im Juni von einer Zyste im linken Knie und einer Folgeoperation gebremst wurde, ist einer der Gründe. Schenkel weist ebenso darauf hin, dass die 10,45 einer Überraschung gleichkamen, er inzwischen ein viel höheres Grundniveau erreicht habe. Er sagt aber auch, für Topleistungen müsse das private Umfeld stimmen. «Ich aber stamme nicht aus einer Bilderbuchfamilie.»

Mit Sport das Chaos ordnen

Als Waisenkind kam Schenkel mit zweieinhalb Jahren von Togo zu seinen Adoptiveltern nach Fehraltorf. Doch Schenkel entwickelte sich zu einem unbequemen Jungen. Er war scheinbar so schwierig im Umgang, dass er in eine Pflegefamilie nach Hittnau und in eine Sonderschule geschickt wurde. «In Sonderschulen sind die Dummen», sagt er in seiner undiplomatischen und direkten Art.

Die Station im Zürcher Oberland war jedoch nur die erste. Vom Heim für schwererziehbare Kinder in Schattdorf folgten Aufenthalte in Flüelen, wieder Schattdorf, Interlaken, Bern. «Ich war kein Engel», sagt Schenkel. Aber da war auch dieser Wunsch: diesen Kreislauf mittels Sport zu durchbrechen, das Chaos seines Privatlebens durch Bewegung zu ordnen.

Eine unübersehbare Figur

Unübersehbar ist Schenkel als Figur geblieben. Er, der als Adoptivkind mit dunkler Hautfarbe für schweizerische Verhältnisse nun einmal «anders» ist. Wobei Schenkel die Schweizer keineswegs als fremdenfeindlich wahrnimmt. Die gegenteiligen Erfahrungen – als er etwa in einem Streit zu schlichten versuchte und von der herbeigerufenen Polizei erst für den Delinquenten gehalten wurde – mag er nicht überbewerten.

Geblieben ist Schenkel die Vorliebe für provokative Auftritte. So lief er sich vor seinem Goldsprint vom Wochenende auf der Bahn für kurze Zeit in den Socken warm. Für ihn ein unwichtiges und keineswegs erwähnenswertes Detail. Für den Leistungssportchef von Swiss Athletics, Peter Haas, auffällig genug, wenn er Schenkels schillernde Persönlichkeit anhand eines Beispiels erklären soll. Dazu passt auch Schenkels extrovertierte Art, die bereits beim Namen beginnt. Amaru nennt er sich.

Dave Dollés 10,16 als Ziel

Seine Saisonbestleistung über 100 m, die zweitbeste eines Schweizers, bezeichnet er als «bescheidenes Niveau», das Brechen des Schweizer Rekords von Dave Dollé (10,16) und das Vorrücken in die europäische Spitzenklasse als seine grossen Ziele. Dass er davon zumindest auf dem Papier und zum jetzigen Zeitpunkt weit entfernt ist, weiss Schenkel selber ganz genau.

Trotzdem attestiert ihm Peter Haas durchaus Schweizer Rekordpotenzial. Zumal er von einem intakten sportlichen Umfeld um seinen Coach Lucio di Tizio profitiert, das ihn umsichtig betreut. Haas sagt aber auch: «Reto ist schwierig zu führen.»

Schenkel hat dennoch einen erstaunlichen Weg zurückgelegt: Im vergangenen Sommer schloss er, der einstige Sonderschüler, an der Privatschule Minerva das KV ab, arbeitet nun zu 50 Prozent in der Administration einer Physiotherapie-Praxis. Maximal eine Anlehre hatte ihm ein ehemaliger Lehrer zugetraut. Nach Abschluss des KV rief Schenkel ihn an, berichtete ihm von seinem beruflichen Erfolgserlebnis. Er lacht, wenn er die Episode erzählt. Jetzt kann er es. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2010, 08:59 Uhr

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