«Die Demos zur besten Öffnungszeit nerven mich»

Roman Oberholzer, Chef des Traditionssportgeschäfts Och, über die Lage an der Bahnhofstrasse und seine grösste Sorge: den Klimawandel.

Herr der Sportschuhe und Hüter langer Tradition: Roman Oberholzer im Och-Sport an der Bahnhofstrasse.

Herr der Sportschuhe und Hüter langer Tradition: Roman Oberholzer im Och-Sport an der Bahnhofstrasse. Bild: Samuel Schalch

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Mit Decathlon mischt bald ein Branchenriese auch Zürich auf. Wird Och die Ankunft der Franzosen spüren?
Natürlich. Allerdings definieren wir uns nicht über den Preis. ­Decathlon greift also primär dort an, wo ohnehin schon mit viel Rabatt bzw. tiefen Preisen gearbeitet wird. Zu unseren Hauptsorgen zählt Decathlon nicht.

Sondern?
Dass die Innenstadt attraktiv bleibt – inklusive ausreichender Parkplatzzahl und wenigen Demonstrationen. Gefühlt wird in Zürich aber vor allem an der Bahnhofstrasse demonstriert, zur besten Ladenöffnungszeit am Nachmittag. Das nervt mich und schreckt mögliche Kunden ab. Die Bewilligungspolitik der Stadt kann ich darum nicht nachvollziehen. Herausfordernd ist auch die neue Klimasituation.

Was heisst das?
Wir sind Anhänger der vier ­Jahreszeiten, damit unsere Kunden auch vier, fünf Teile tragen – und nicht einfach nur zwei, weil es meist warm ist. Sonst bricht uns in der Übergangszeit das modische Geschäft weg. Entsprechend litt dieses zuletzt.

Klimaerwärmung im Laden?
Sozusagen. Sie hat uns in den vergangenen zwei Jahren ein bisschen zugesetzt. Während in den Bergen gerade noch Schnee lag, regnete es bei uns im Flachland bloss noch. Entsprechend reduzierte sich der Umsatz. Eine gute Winterjacke kostet nun einmal mehr als ein Bikini.

«Der Schweizer ist weiter ein Wintersportler. Der Ski- wie der Langlaufbereich läuft bei uns.»

Die Klimaerwärmung können Sie nicht beheben. Wie also reagieren Sie?
Indem wir das Sortiment straffen, gerade im modischen Bereich – und noch konsequenter auf den Sport setzen. Diesen Frühling trug man lange eine Winterjacke, weil es nass und manchmal auch kalt war, dann gleich keine Jacke mehr, weil es so warm wurde. Das Wetter ist für uns die grösste Herausforderung.

Reagiert der potenzielle Kunde gar aufs Alltagswetter?
Wir Sportverkäufer finden konstante Trockenperioden praktisch, da sich die Sportler dann gerne draussen aufhalten, sie sich also nach dem Winter auf einen schönen Frühling freuen. Wir mögen im Herbst auch den frühen Schneefall und den weissen Winter, womit man im Unterland entsprechende Schneebilder sieht. Wir als Branche leben sehr von solchen Eindrücken und Emotionen und funktionieren wie Gartenbeizen: Da geht auch kaum einer hin, wenn es ständig regnet.

Hinterfragen Sie gar das Wintersportgeschäft?
Der Skibereich funktioniert – auch Langlauf auf tieferem Niveau. Der Schweizer ist weiter ein Wintersportler. Das Problem bezieht sich primär auf das modische Geschäft und die Übergangsphasen. Bis ein 20-Jähriger in Zürich einen Winterschuh kauft, braucht es zwei, drei Tage kalte oder nasse Füsse. Diese Kälte fehlte zuletzt.

Och führt keinen Online-Versand. Ist das angesichts der zunehmenden Digitalisierung dreist oder schon verzweifelt?
Versand ist schlicht keine Option für uns. Der Online-Verkauf in der Schweiz funktioniert nur, wenn man sehr günstig ist – oder Exklusivität offerieren kann. Wir an unserem teuren Standort wären chancenlos. Ich kenne ohnehin fast niemanden, der online in unserer Sparte reüssiert.

Das klassische Sportgeschäft hat also Zukunft?
Ja, aber es müssen verschiedene Faktoren stimmen. In unserem Fall hilft die Tradition. Wir sind seit über 100 Jahren in Zürich zu finden, an einer exzellenten Lage mit grosser Bekanntheit. Natürlich offerieren wir auch Produkte, welche die Kunden mögen, und haben sie ausreichend verfügbar. Zudem stimmt unser Service, wodurch die Konsumenten wiederkommen. Nehmen wir die Laufschuhmarke On als Beispiel: Wir führten sie weltweit als Erste. Mittlerweile sind andere aufgesprungen. Das ist unser Schicksal. Wir versuchen, aufstrebende Marken zu finden; wenn sie gross und bekannt sind, müssen wir sie halt mit den Konkurrenten teilen. (lacht)

Wer ist Och-Kunde?
Er stammt aus dem Grossraum Zürich, ist modisch orientiert und sucht Qualität sowie Individualität. Wir haben uns darum entschieden, das Teamsportsegment mehrheitlich sein zu lassen.

War die Versuchung nie vorhanden, in die populären Teamsportarten wie Fussball zu investieren?
Wir verkaufen Fussballschuhe in einem Altersbereich, in dem die Kleinen mit dem Vater oder der Gotte zu uns kommen. Sobald sie selber entscheiden, fühlen wir uns zu wenig kompetent. Denn im Grundsatz gilt: Wenn Sie Fussball ins Angebot aufnehmen, müssen Sie Vollgas geben mit grossem Lager, gut ausgebildeten Spezialisten. Wir setzen daher neben Individualsportlern auf Familien, führen eine Kinderabteilung oder ein Kinder-Skitauschprogramm. Das heisst, wir versuchen, die Familien in unserem Laden zu behalten, aber auf andere Weise als mit vielen Teamsportprodukten: Mit einem umfassenden Service bis zum Schleifen der Schlittschuhe oder dem Wachsen der Langlaufski.

Erziehen Sie die Kunden auch?
Wie meinen Sie das?

Dass sich diese bei Och nicht einfach informieren lassen und das Produkt dann online ein wenig billiger kaufen.
Nein. Unsere Philosophie lautet: Wir liefern ehrliche Beratung ohne Discounterattitude. Das muss als Überzeugung reichen.

Lassen sich Ihre Kunden von erfolgreichen Schweizer Sportlern beeinflussen?
Der Federer-Effekt war unbestritten. Der Schweizer läuft normalerweise nicht so gerne mit grosser Markenaufschrift herum. Bei ihm war es anders. Mittlerweile spüren wir den Federer-Effekt allerdings kaum mehr.

«Die Grossen werden global in der Tendenz nur noch denselben
Mainstream verkaufen.»

Innovationen sind wichtiger?
Sie sind zentral. Aber nicht alles funktioniert. Adidas stellte einen Schuh aus recyceltem Plastik her. Den fanden viele super, verkauft haben wir ihn trotzdem nur mässig. Der Langlauf, ein Sport mit eher verstaubtem Image, schaffte es hingegen mit neuen Klassikski, seine Kundschaft zu verbreitern und sich zu verjüngen. Da war die Innovation in Form neuer Felle zentral. Das heisst für uns: Wir bieten Langlauf an, zumal sich die heutigen Sportler zu Allroundern entwickelt haben, die laufen, biken oder eben langlaufen.

Wie stellen Sie sicher, dass Och Produkte im Laden hat, die gerade en vogue sind?
Die Partner in der Industrie helfen, also unser Netzwerk. Wir setzen zudem stark auf unsere Einkäufer. Sie haben die Nase im Wind und versuchen, Trends zu antizipieren.

Wie viel Moral erlauben Sie sich dabei?
Wir verzichten seit diesem Jahr auf Pelz – ich sage darum keineswegs, der Kunde ist König, wir bieten alles. Wir bevorzugen grundsätzlich Produkte, die aus Europa stammen. Ansonsten wählen wir im ferneren Ausland Partner, denen wir vertrauen und die ähnlich funktionieren. Denn niemand kann uns garantieren, dass bei allen Produkten alles ethisch so abläuft, wie wir uns das wünschten. Eines muss ich zum Thema aber schon sagen: Es sind nicht immer unsere jungen Kunden, die sich mit solchen Fragen beschäftigen, sondern eher die älteren Generationen.

Wie wird Och-Sport in zehn Jahren aufgestellt sein?
Die Tendenz der Branchengrössen ist eindeutig: Sie verkaufen nur noch, was überall auf der Welt in den Städten gefragt ist – also denselben Mainstream. Auf nationale Eigenheiten – wie in der Schweiz die Liebe zum Bergsport – gehen sie kaum mehr ein. Auch Och-Sport geht als Firma, die sich in einem urbanen Umfeld bewegt, auf den Mainstream ein. Wir halten zugleich aber an Schweizer Eigenheiten fest. ­Alpin- oder Langlaufski werden darum wohl stets zu unserem Sortiment gehören.

Erstellt: 16.08.2019, 13:24 Uhr

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Roman Oberholzer (50) ist der erste Nicht-Och an der Spitze der Familienfirma. Sie gehört in 5. Generation den Ochs – und Oberholzer. 1912 gründeten die Brüder Albert und Maurice in Montreux das erste Sportgeschäft der Schweiz. Mittlerweile arbeiten in den beiden Geschäften in Zürich 48 Angestellte. An der Bahnhofstrasse residiert Och-Sport seit 107 Jahren. (cb)

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