Einschätzung

Die Herausforderer des Königs

Kilian Wenger gewann vor drei Jahren als 20-Jähriger überraschend das Schwingfest, nun verteidigt er den Titel und wird dabei auch aus dem eigenen Lager gefordert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sempach (BKSV): Bereit für den Titel

Es spricht viel für einen König Matthias Sempach. Der 27-jährige Athlet war der Schwinger des Jahres 2012, als kein eidgenössischer Anlass auf dem Programm stand. In der laufenden Saison war er vierfacher Festsieger, unter anderem auf dem Brünig. Er hat an den letzten beiden Schwingfesten in Aarau und Frauenfeld Lehrgeld bezahlt, ist jetzt aber gereift und im idealen Alter. Der Alchenstorfer hat im benachbarten Burgdorf praktisch ein Heimspiel und wurde als eines der Aushängeschilder des ersten Eidgenössischen im Emmental ausgewählt.

Matthias Sempach wäre nach Adrian Käser, der 1989 als 18-jähriger Jungschwinger den haushohen Favoriten Geni Hasler schlug, der zweite König des kleinen Dorfes. Alchenstorf ist auch die Heimat des OK-Präsidenten und SVP-Nationalrats Andreas Aebi.

Sempach selber relativierte seine Rolle des Topfavoriten bei seinem letzten Auftritt am Nordwestschweizer Teilverbandsfest in Allschwil mit zwei Niederlagen. Seiner Einschätzung nach war der Anlauf Richtung Emmental-Arena erfolgreich. Die Festsiege seien für einen Berner Athleten schwieriger zu erreichen, weil die Konkurrenz aus dem eigenen Lager so stark sei. Höchstens die Konstanz habe ihm in diesem Jahr gefehlt, doch vom Frühling bis Burgdorf in Form zu sein, sei nicht einfach. Er trainiert mit dem bekannten Sportlehrer Jean-Pierre Egger, der auch die Kugelstoss-Weltmeisterin Valerie Adams betreut.

Sempach hat den Vorteil, dass er auf dem Burgdorfer Gelände zu Hause ist. Auf der anderen Seite ist er der Schwinger, der am Wochenende angesichts der Erwartungen am meisten zu verlieren hat. Der sehr kontrolliert wirkende Sempach bestätigt dies, sagt aber auch: «Wenn ich nicht gewinne, geht keine Welt unter. Dann mache ich ein paar Wochen Pause und beginne wieder mit meinem Trainingsprogramm.»

Stucki (BKSV): Die Frische des Imposanten

Christian Stucki war und ist die imposanteste Figur unter den Favoriten auf die Krone in Burgdorf. Mit einer Grösse von 1,98 m und einem Gewicht, das manchmal gegen 150 kg ausschlägt, ist er im Ring kaum zu Boden zu bringen. Er verliert nur selten, hat aber zu viele Gestellte. Den vorläufigen Höhepunkt erlebte die Karriere des heute 28-jährigen Seeländers vor fünf Jahren mit dem Triumph am Kilchberg-Schwinget. In Frauenfeld 2010 verpasste er den Schlussgang mit zwei Gestellten gegen Abderhalden und Grab, weil er sich bei den sechs Siegen nur zwei Zehner schreiben lassen konnte.

Die Frage bei Stucki ist, wie er die zwei Tage eines Eidgenössischen mit zwei Gängen mehr konditionell verkraftet. In den vergangenen Wochen pausierte er mit einer Fussverletzung, zuvor hatte er auf der Rigi dominiert. Möglicherweise wird man am nächsten Wochenende deshalb den frischsten Stucki an der Arbeit sehen. Er ist aus dem Berner Schwing-Triumvirat ein genauso heisser Anwärter auf den Titel wie die Topathleten Sempach oder Wenger, weil er seriös trainierte und es seit seiner Vaterschaft allgemein ruhiger um ihn geworden ist.

Gisler (NWSV): Königshoffnung nach 55 Jahren

Bruno Gisler hat sich in den vergangenen Wochen zum Favoriten aus dem Nordwestschweizer Teilverband emporgeschwungen, noch vor dem Aargauer Christoph Bieri. Der 30-jährige Landwirt und Vater feierte beim Innerschweizer Fest in Emmen den bislang grössten Erfolg der Karriere und doppelte auf dem Weissenstein nach. Dort hatte er zehn Jahre zuvor seinen ersten Kranzfestsieg errungen. Er gilt als vielseitiger, offensiver Schwinger – gefährlich für jeden Gegner. Laut dem ehemaligen König Jörg Abderhalden ist Gisler gar der technisch Stärkste aller Bösen. Bei einem Bungee-Jump von der Verzasca-Staumauer hinunter, den er im Vorfeld des Eidgenössischen für das Schweizer Fernsehen wagte, zeigte er sich auch ausgesprochen angstfrei.

Gisler ist mit seiner Familie vor einigen Jahren aus dem Zürcher Oberland ins solothurnische Wolfisberg gezogen und hat so auch den Teilverband gewechselt. Die Nordwestschweizer können dafür dankbar sein. Der letzte König aus dieser Gegend war der Oftringer Max Widmer, der 1958 in Freiburg alle acht Gänge gewann. 55 Jahre danach gibt es wieder berechtigten Grund zur Hoffnung.

Forrer (NOS): Der Senior im Vorwärtsgang

Nach dem Rücktritt von Jörg Abderhalden und dem verletzungsbedingten Ausfall von Daniel Bösch ruhen praktisch alle Königshoffnungen der Nordostschweizer auf Nöldi Forrer. Und er scheint gut gerüstet, die Erwartungen zu erfüllen. Mit fünf Kranzfestsiegen ist er der konstanteste Schwinger dieses Sommers. Der Erfolg auf der Schwägalp stärkte das Selbstvertrauen zusätzlich. Es gehe ihm blendend, sagt der Toggenburger Käsermeister, der in den Jahren zuvor auch schon durch Verletzungen gestoppt wurde.

Für ihn ist klar, dass er im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten nichts mehr beweisen muss. «Ich bin der einzige Schwinger am Start neben Kilian Wenger, der schon König war. Ich muss es nicht mehr werden, ich darf.» Wenn er in Burgdorf das Wettkampfglück habe, das ihm vor drei Jahren in Frauenfeld fehlte, sei alles möglich. Damals landete er mit vier Gestellten im Mittelfeld. Beim Anschwingen werde er volles Risiko gehen, «Top oder Flop. Nur keinen Gestellten». Dass die Mannschaft nicht mehr so dominant ist wie zu Abderhaldens, Fauschs oder Böschs Zeiten, ist ihm klar. «Die Berner sind stark. Aber auch bei ihnen hat jeder acht Gegner, die er schlagen muss.» Als ihn Sempach bei einem Medientermin unlängst als «Überschwinger» einstufte, schmunzelte Forrer. Man schiebt sich gerne gegenseitig die Rolle des Favoriten zu.

Die Lockerheit, die nicht gespielt ist, könnte ein entscheidender Vorteil für Forrer sein. Allerdings weiss er, dass sich in der Neuzeit kein Athlet über 30 die Krone aufsetzte. Wie sehr fordert das Alter seinen Tribut? Der Sieg am Eidgenössischen in Nyon ist zwölf Jahre her. Der bald 35-jährige Forrer müsste mit zwei perfekten Tagen in der Arena die Statistik korrigieren. Das wäre auch eine schöne Geschichte. Den eigenen «Königskäse» jedenfalls bringt er nach Burgdorf mit.

Erstellt: 28.08.2013, 09:51 Uhr

Die Aussenseiter

Der Innerschweizer Teilverband ISV hat in Burgdorf am meisten Athleten am Start. Die Breite ist eindrücklich, doch es fehlen die Leader, denen man den Titel zutraut. Es sieht so aus, als ob die Durststrecke auch an diesem Eidgenössischen andauern sollte. Der ISV stellte seit der Gründung des Schwingverbands 1895 nur einmal einen König: 1986 gewann Harry Knüsel in Sitten im Schlussgang gegen Ernst Schläpfer. Das war alles und nicht gerade ein Ruhmesblatt für die traditionell starke Schwingergemeinde in den Urkantonen.

Wenigstens schwang Martin Grab 2006 am Unspunnen-Schwinget in Interlaken obenaus. Der heute 34-Jährige schaffte es in Frauenfeld in den Schlussgang gegen den bereits als Sieger feststehenden Kilian Wenger.

In dieser Saison sollen es die Gebrüder Adi und Philipp Laimbacher richten, unterstützt von Andreas Ulrich oder Christian Schuler, der beim letzten UnspunnenSchwinget 2011 im Schlussgang war. Philipp Laimbacher startete mit zwei Festsiegen hervorragend in die Saison, fiel dann aber mit einer Schulterverletzung aus. Er hatte bereits den ganzen Sommer 2012 verpasst. Für ihn gilt die gleiche Einschätzung wie für Christian Stucki: Er reist frisch an Leib und Seele ans Eidgenössische. Keine schlechte Voraussetzung für einen Exploit. (ws)

Artikel zum Thema

Wie die Bösen zu Boden gehen

Matthias Sempach legt vor dem Eidgenössischen 2013 Schwingerkönigin Sonia Kälin aufs Kreuz. In einer fünfteiligen Serie zeigen die beiden die wichtigsten Schwünge. Heute: der Kurz (1/5) Mehr...

Pfüüt und Huaaa

Wenn Deutsche über das Schwingen schreiben, droht ethnografische Prosa. Mehr...

Infobox

Die Aussenseiter: Wieder einmal die Innerschweizer

Der Innerschweizer Teilverband ISV hat in Burgdorf am meisten Athleten am Start. Die Breite ist eindrücklich, doch es fehlen die Leader, denen man den Titel zutraut. Es sieht so aus, als ob die Durststrecke auch an diesem Eidgenössischen andauern sollte. Der ISV stellte seit der Gründung des Schwingverbands 1895 nur einmal einen König: 1986 gewann Harry Knüsel in Sitten im Schlussgang gegen Ernst Schläpfer. Das war alles und nicht gerade ein Ruhmesblatt für die traditionell starke Schwingergemeinde in den Urkantonen.

Wenigstens schwang Martin Grab 2006 am Unspunnen-Schwinget in Interlaken obenaus. Der heute 34-Jährige schaffte es in Frauenfeld in den Schlussgang gegen den bereits als Sieger feststehenden Kilian Wenger.In dieser Saison sollen es die Gebrüder Adi und Philipp Laimbacher richten, unterstützt von Andreas Ulrich oder Christian Schuler, der beim letzten Unspunnen-Schwinget 2011 im Schlussgang war. Philipp Laimbacher startete mit zwei Festsiegen hervorragend in die Saison, fiel dann aber mit einer Schulterverletzung aus. Er hatte bereits den ganzen Sommer 2012 verpasst. Für ihn gilt die gleiche Einschätzung wie für Christian Stucki: Er reist frisch an Leib und Seele ans Eidgenössische. Keine schlechte Voraussetzung für einen Exploit.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Sie trauen der Börsen-Hausse nicht? So gewinnen Sie beim Crash

Von Kopf bis Fuss Hausmittel gegen Husten und Halsweh

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...