Die Lügen am Berg

Der Österreicher Christian Stangl gilt als exzellenter Bergsteiger. Doch in diesen Tagen stürzt der Ruf des «Skyrunners» gewaltig ab.

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Hintergrund ist die vermeintliche Besteigung des K2, des zweithöchsten Berges der Welt, vor einem Monat. Christian Stangl vermeldete am 12. August um 10 Uhr, den 8611 m hohen Gipfel erreicht zu haben. Und dies nach nur 70 Stunden. Bergsteiger, die zur gleichen Zeit am K2 waren, hatten den 44-jährigen Österreicher nicht gesehen. Zumindest war er nicht auf der von ihm selber beschriebenen Route. Und auch das Wetter auf dem Gipfelfoto passte nicht mit den tatsächlichen meteorologischen Bedingungen überein.

Vor einer Woche trat Stangl kleinlaut vor die Medien: «Ich habe den Gipfel des K2 nicht erreicht.» Wie ein Häufchen Elend sei er vor seiner Türe gestanden, berichtete Stangls Pressesprecher Willi Pichler an dieser Pressekonferenz. Stangl selber meint, dass «ich beim letzten Versuch einen tranceartigen Bewusstseinszustand erreichte, in dem ich der Überzeugung war, auf dem höchsten Punkt zu stehen».

«Eine Last fiel von mir»

Nach sieben gescheiterten Versuchen habe er «an diesem Berg den persönlichen Misserfolg zu unterdrücken» versucht. Das angebliche Gipfelfoto sei rund 1000 Höhenmeter unterhalb des Gipfels entstanden, sagte Stangl an dieser Medienkonferenz auch. «Indem ich sagte, ich war oben, fiel eine Last von mir», begründete er gegenüber der «Kleinen Zeitung» seine Lüge. Stangl hatte am K2 schon vor zwei Jahren ein Drama überstanden. Zwei Lawinen rissen im August 2008 elf Menschen in den Tod, der Österreicher entkam.

In der Wochenzeitung «Falter» werden nun neue Vorwürfe erhoben. So soll Stangl bei seiner «ersten Solobesteigung» des tibetischen Achttausenders Shisha Pangma 1998 gar nicht allein unterwegs, sondern Teil einer baskischen Expedition gewesen sein, wie ein mexikanischer Bergsteiger dem Wiener Wochenblatt versicherte.

Massive Zweifel gibt es auch an der Schilderung von Stangls Besteigung des Mount Everest im Jahr 2006, Medien schrieben damals von «Weltrekordlauf». Der Vorarlberger Bergführer Wilfried Studer gibt nun im «Falter» an, dass Stangl damals nicht wie behauptet aus dem vorgelagerten Basislager (6500 Höhenmeter) gestartet sei, sondern aus dem Lager am Nordsattel (7000 Höhenmeter).

Knapp dem Tod entronnen

Ähnlich verhält es sich mit der Besteigung des 8188 Meter hohen Cho Oyu im Jahr 2001, die der Steirer gar als «neues Kapitel der Alpingeschichte» vermarktete. Im Aufstieg wich Stangl zwar zunächst vom Standardweg ab, die letzten 1400 Höhenmeter bestritt er aber auf der herkömmlichen Route. Und auch der Alleingang war eine geschönte Darstellung: Er übernachtete auf 7500 Meter im Zelt des Italieners Marco Chiantore. Beide – so bestätigt Chiantore dem «Falter» – brachen dann gemeinsam zum Gipfel auf, den sie auch zeitgleich erreichten.

Aber auch Details im K2-Geständnis halten keiner Überprüfung stand. Alle Indizien weisen darauf hin, dass Stangl zwei Nächte unweit des vorgelagerten K2-Basislagers (5300 m) verbrachte. Damit wäre er auch nicht in 7500 Meter Höhe in einem tranceartigen Zustand gewesen und könnte gemeint haben, auf dem Gipfel zu sein. Vielmehr soll er sich im Zelt die Zeit mit Lesen vertrieben haben, vermutet der «Falter». Dass er «Vater Morgana» von Michael Niavarani gelesen haben soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das vermeintliche Gipfelfoto dürfte zu einem früheren Zeitpunkt aufgenommen worden sein – alle technischen Angaben wie Brennweite und Belichtungsdauer wurden nachträglich entfernt.

Auch Südkoreanerin zweifelhaft

Im Kampf um immer grössere Anerkennung neigen Bergsteiger offenbar dazu, ihre Leistungen nachzubessern. So auch die Südkoreanerin Oh Eun-sun, die als erste Frau alle 14 Achttausender bestiegen hatte. Sie hatte dies drei Wochen vor der Spanierin Edurne Pasaban geschafft. Von gestandenen Alpinisten wurde die Leistung von Oh nicht anerkannt, weil sie die Gipfel mit Flaschensauerstoff bestieg und mit dem Helikopter von einem Basislager zum nächsten flog.

Und selbst ihr eigener Verband hat Zweifel, dass Oh alle Gipfel selber bestiegen hat. Das Foto, das die Südkoreanerin im Mai 2009 auf dem Kangchendzönga zeigt, ist dem südkoreanischen Bergsteiger-Verband zu wenig beweiskräftig. Die Umgebung ist verschwommen, die darauf abgebildete Bergsteigerin völlig vermummt.

Erstellt: 15.09.2010, 15:32 Uhr

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