«Die Spiele der Unterdrückung»

Heute starten in Baku die Europaspiele. Während die Wahl des Austragungsortes für rote Köpfe sorgt, freuen sich Schweizer Athleten auf den Grossanlass.

In Baku finden ab Freitag die ersten European Games statt.

In Baku finden ab Freitag die ersten European Games statt. Bild: Keystone

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Über 6000 Sportler aus 50 Ländern treten zu den ersten European Games der Geschichte an. Dennoch bleibt die Berichterstattung im Vorfeld bescheiden, was mit den vielen Fragezeichen rund um das kontinentale Grossereignis zusammenhängt. Zum einen ist es schwer, den sportlichen Stellenwert der Wettkämpfe einzuordnen. Fabian Hambüchen, ein deutscher Kunstturner, sagte gegenüber der «Welt»: «Mit einer Medaille ist schwer zu kalkulieren, weil man nicht genau weiss, wie dort alles abläuft, wer am Start ist und so weiter.» Wer ihre Gegnerinnen sind, weiss zwar die Schweizer Boxerin Sandra Brügger, weil aber die Weltmeisterschaften und nicht die Europaspiele für eine Olympiaqualifikation massgebend sind, betrachtet sie den Bewerb in Baku als Standortbestimmung – was nicht für die Bedeutung des Anlasses spricht.

Kostspielige Kampagne

Geschätzte sechs Milliarden Euro sollen die Europaspiele gekostet haben, was direkt zum nächsten Fragezeichen führt: Ist die erste Ausgabe der EG nach Putins Winterspielen in Sotschi 2014 das nächste Propaganda-Sportfest? Auffällig ist jedenfalls, wie immer mehr Grossereignisse in Baku Unterschlupf finden: 2012 der Eurovision Song Contest, ab 2016 die Formel 1 und 2020 drei Gruppenspiele und ein Viertelfinal an der europaweit durchgeführten Fussball-EM. Die kostspielige Kampagne erinnert an diejenige Katars, eine Offensive, die in der umstrittenen Fussball-WM 2022 gipfelte.

Eine negative Berichterstattung passt für die Organisatoren schlecht ins Bild, weshalb die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die gerade am Bericht «Die Spiele der Unterdrückung» arbeitet, nicht nach Baku reisen darf. Sie wurde von der aserbeidschanischen Regierung aufgefordert, erst nach den Spielen in den Binnenstaat zwischen dem Kaukasus und dem Kaspischen Meer zu reisen. In den meisten Teilen Europas steht man dem Sport-Grossanlass skeptisch gegenüber, da hilft es auch wenig, wenn Wili Lemke, Sonderberater des UN-Generalsekretärs, der «Welt am Sonntag» sagt: «Mithilfe des Sports lässt sich gesellschaftlich etwas verändern: Die mediale Aufmerksamkeit schafft kritische Berichterstattung und Transparenz, die es ohne die European Games nicht gegeben hat.»

«Vielleicht bleibt der Geist der Freiheit, weils ihm so gut gefällt»

Ob die Kritik aus dem Ausland den Herrscher Ilham Alijew – er liess angeblich bis zu 100 Regimekritiker inhaftieren – von seinem Kurs der eisernen Hand tatsächlich abbringt, ist mehr als fraglich. Dies sieht auch die deutsche Fechterin Imke Duplitzer nicht anders und spottet: «Sport ist bekanntermassen super – da lässt sich alles reinprojizieren, nach dem Motto: Vielleicht bleibt der Geist der Freiheit gleich im Land, weils ihm so gut dort gefällt.»

Gerald Knaus von der NGO European Stability Initiative warnt vor der «Illusion, dass es in Baku um den Sport geht». Vielmehr beute Alijew den Reichtum des Landes aus, um sich Freundschaften zu kaufen und Legitimität für sein Regime zu gewinnen, vor allem glaubt Knaus jedoch, gehe es um die Botschaft: «Wenn es gelingt, bekannte Menschenrechtler und Journalisten ins Gefängnis zu werfen und trotzdem die Sportwelt zu Gast zu haben, wenn es keine Reaktionen gibt, dann wird auch anderen Oppositionellen die Hoffnung genommen.»

Schweizer Vorfreude

Die Schweizer Athleten scheinen sich von all dem Rummel um das Megaspektakel nicht gross stören zu lassen. Kunstturnerin Jessica Diacci äusserte sich gegenüber der «Aargauer Zeitung» voller Vorfreude, Mountainbikerin Kathrin Stirnemann sagte demselben Blatt: «Es ist immer ein besonderes Erlebnis, sein Land bei einem Grossereignis zu vertreten. Die European Games fühlen sich wie Olympische Spiele an, und für mich ist es sehr wichtig, bei solchen Grossereignissen Erfahrung zu sammeln.»

Erstellt: 12.06.2015, 15:42 Uhr

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