Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat noch immer massive Defizite

Die Wada gibt es seit 20 Jahren. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Sie muss sehr viel besser werden. Betroffen von den Mängeln ist auch die Schweiz.

Da wussten Insider längst, Russlands Sport ist dopingverseucht: Einlauf der Einheimischen an den Winterspielen 2014 in Sotschi. Foto: Getty

Da wussten Insider längst, Russlands Sport ist dopingverseucht: Einlauf der Einheimischen an den Winterspielen 2014 in Sotschi. Foto: Getty

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Der Witz des Jahres zum Thema Doping stammt von Dominic Thiem. Er ist die Weltnummer 5 im Tennis. «Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde», sagte der Österreicher jüngst salopp in einem Interview mit einer Publikation, die ausgerechnet «Socrates» heisst – wie der Grossdenker.

Wenn Doping also nichts bringt, hätte es die Jubilarin gar nie gebraucht: die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Sie feiert dieser Tage aber ihren 20. Geburtstag. Da die Wada nämlich wie fast alle Sportinvolvierten davon ausgeht, dass sich mit Doping die Leistung und damit auch die Spielperformance sehr wohl steigern lässt, ist die Gründung der Welthüterin für sauberen Sport wahrlich eine enorme Errungenschaft.

Nur: Die Jubilarin hat Fett angesetzt, benötigt, um im Sprachbild zu bleiben, dringend ein Sixpack, um fit für die Zukunft zu sein. Damit man versteht, warum die Wada deutlich an Form zulegen muss, braucht es einen Rückblick. Er führt automatisch auch in die Zukunft.

Stresstest Russland: Die vielen Unterlassungen

Damit man erkennt, wie gut ein System funktioniert, initiiert man gerne einen Stresstest. Mit dem systematischen Betrügen der Russen – dokumentiert mindestens für die Jahre 2011 bis 2015 – erlebte die Wada einen solchen augenöffnenden Test.

Insofern muss man den Russen, ist man ein Anti-Doping-Freund, fast dankbar sein. Via Russen offenbarten sich die grossen Probleme der Wada. Das wohl grundlegendste: Obschon die Wada seit 2010 von russischen Whistleblowern mit Informationen beliefert wurde, das eigene Land betrüge im Sport breit, liess sie das Recherchieren sein.

Ein trauriger Höhepunkt bildete dabei der Umgang mit der Hammerwerferin Daria Pischtschalnikowa, wie die «New York Times» recherchierte. Im Dezember 2012 schrieb sie der Wada eine E-Mail. Sie bat um Hilfe, weil in ihrem Land systematisch gedopt werde. Monate zuvor war Pischtschalnikowa in London Olympia-Zweite geworden.

Whistleblowerin geoutet

Die Wada reagierte, indem sie die Whistleblowerin verriet. Die überforderten Anti-Doping-Bekämpfer leiteten die Bitte an den Internationalen Leichtathletik-Verband weiter – womit auch russische (Leichtathletik-)Funktionäre an den Inhalt gelangten. Wie von Zauberhand sperrten die Russen kurz darauf die Sportlerin für zehn Jahre. Pischtschalnikowa trat zurück – und verstummte.

Zur gleichen Zeit schickte Witali Stepanow Dutzende von E-Mails an die Wada, weil er in seiner Funktion als Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur mitbekommen hatte, wie sein Land systematisch betrog. Die Wada-Spitze traf sich zwar mehrmals mit ihm, ansonsten aber hielt sie sich zurück. Begründung 1: Man wolle Stepanow schützen, solange er noch in Russland sei, und darum erst einmal zuwarten. Begründung 2: Sie habe keine rechtliche Handhabe, möglichen Verfehlungen nachzugehen.

Die Spiele von Sotschi und die Verflechtungen

Dabei stellte die Wada 2011 eigens einen Ermittler an, der brisanten Fällen nachgehen sollte. Weil er aber am Wenigtun seiner Vorgesetzten verzweifelte, steckte er die brisanten Informationen 2014 dem führenden Rechercheur zu Dopingfragen: dem Deutschen Hajo Seppelt. Ende 2014 erschien dessen Dokumentation zum flächendeckenden Dopen im russischen Sport. Sie führte dazu, dass die Wada hektisch eine Sonderkommission um ihren früheren Präsidenten Dick Pound einsetzte – und letztlich dazu, dass die russische Anti-Doping-Agentur bis im September 2018 suspendiert wurde.

Die Glaubwürdigkeit der Wada hat angesichts ihres Verhaltens massiv gelitten. Sogar das für den amerikanischen Sport zuständige Senats-Komitee stellte ihr Fragen – weil die USA wesentlich zum Wada-Budget beitragen.

Zumal ausgerechnet Wada-Präsident Craig Reedie in dieser Schlüssel-Causa besonders negativ auffiel. In einer E-Mail, die den damaligen russischen Sportminister erreichen sollte, schrieb er, Russland habe nichts zu befürchten, weil die Wada keine Absichten habe zu handeln. Als die «Daily Mail» den Inhalt veröffentlichte, staunten selbst enge Mitarbeiter von Reedie.

Die Funktionäre tragen zu viele Hüte

Am Schotten, für seine Verdienste für den Sport von der Queen zum Sir geadelt, lässt sich darum ein anderes, schwerwiegendes Problem der Wada benennen: Sie ist von Funktionären und Politikern dominiert, die gleich mehrere Hüte tragen. So führt Reedie nicht nur die Wada, sondern ist auch langjähriges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees IOK. 2012 bis 2016 war er Vizepräsident. Das IOK zahlt die Hälfte des jährlichen Wada-Etats, die andere übernehmen die involvierten Staaten.

Diese fehlende Abgrenzung besteht auch im 20. Wada-Jahr. Zwar wird ab Januar mit dem Polen Witold Banka kein Funktionär, sondern ein Politiker die Wada führen. Damit aber hält die Macht der Geldgeber an.

Die Wada ist träge geworden

Wie verbürokratisiert die Wada als Folge ist, lässt sich an einem Beispiel zeigen: Als eine neue Gruppe bezüglich Unternehmensführung gebildet wurde, musste sie einem exakten Schlüssel entsprechen. 2 Mitglieder aus dem Athletenbereich, 2 aus dem Bereich der nationalen Anti-Doping-Organisationen, 5 der Sportverbände, 5 der Regierungen und 2 der unabhängigen Experten.

So verpolitisiert ist die Wada in jeder Facette, und auch darum träge geworden – trotzdem aber erstaunlich grosszügig mit sich. Die 14 Ressortleiter erhielten 2018 im Schnitt 263'857 Dollar. Der Hauptsitz ist in Montreal, 11 dieser Spitzenkräfte sind Ausländer und nach einem Deal steuerbefreit. Für eine Organisation, die über ein Budget von 36,6 Millionen verfügt und ständig klagt, massivst unterfinanziert zu sein, sind das satte Einkommen.

Die Schweiz wird mehrmals ausgebremst

Wäre ihr Leistungsausweis grandios, hielte sich niemand mit diesen Fakten auf. Nur ist er es selbst in scheinbar kleineren Bereichen nicht. Davon betroffen ist seit Jahren auch Antidoping Schweiz, die hiesige Anti-Doping-Agentur. 2010 wollte sie papierlose Kontrollen einführen, um den Administrationsaufwand stark zu verringern.

Die Wada war begeistert, übernahm den Lead und investierte für eine Studie von IBM einen tiefen sechsstelligen Betrag. Dann passierte: nichts mehr. Darum schlossen sich die Schweizer den amerikanischen Kollegen an, die ein ähnliches Projekt initiiert und erfolgreich abgeschlossen hatten. Weitere nationale Agenturen folgten. Sie werden von der Wada bis heute dafür abgestraft.

Sie verlangt, dass alle diese papierlosen Daten von Hand in eine Wada-Datenbank übertragen werden. Es wurde kein elektronischer Zugang eröffnet. Die Schweizer mussten darum eine Person teilweise zur Datenübertragung abstellen, also Geld in einen Bürokratie-Akt investieren, der ihnen im Kampf gegen Betrüger fehlt.

Zuerst verboten, dann als aufregende Neuerung verkauft

Fall 2: Matthias Kamber, bis 2018 Chef von Antidoping Schweiz, gleiste mit Kölner Anti-Doping-Spezialisten ein neues Verfahren zur Blutgewinnung bei Kontrollen auf. Statt das Blut über eine Nadel herauszuziehen, also einen invasiven Eingriff vorzunehmen, genügt ein Stich in den Finger samt einem Blutstropfen. Er wird auf eine Art Löschblatt gegeben und trocknet ein. Darum nennt sich das Ganze Trockenblut-Analyse.

Das Verfahren ist gerade für den Einsatz an Orten, die weit entlegen sind, was die Lagerung der Blutampullen enorm erschwert, geradezu ideal. Die Wada aber mahnte Kamber ab, verbot ihm, die Methode einzusetzen. Begründung: Sie sei nicht von ihr abgesegnet. Kamber ignorierte den Befehl und liess 2017 die ersten Kontrollen nur auf diese Weise erfolgreich durchführen.

Was passierte? Diesen Oktober verschickte die Wada eine Mitteilung, eine aufregende Zusammenarbeit anzuführen. Inhalt der Botschaft: Man werde ein Verfahren zur Trockenblut-Analyse entwickeln. Dafür habe sie bereits 100'000 Dollar investiert. Spätestens 2022 solle das Verfahren routinemässig einsatzbereit sei.

Gleiche Regeln für alle ist weiter ein Wurf

Trotzdem ist unbestritten: Gäbe es die Wada nicht, man müsste sie erfinden. Schliesslich herrschte vor ihrer Gründung Wildwuchs, weil jeder Sportverband und jedes Land tun bzw. lassen konnten, wie sie wollten. Dank der Wada und ihrem Regelwerk ist dieser Wildwuchs mehrheitlich beseitigt.

Auch die so eminent wichtigen Whistleblower schützt die Wada mittlerweile sehr viel besser. Russland sei Dank. Zudem besitzt sie inzwischen ausreichend Kompetenzen, bei Verdachtsfällen ermitteln zu können.

Es braucht einen zweiten Stresstest

Ausgerechnet die Verflechtungen im Entscheidungsgremium aber bestehen noch immer. Damit bleibt eine fundamentale Frage offen: Was passiert, wenn wieder eine Nation, die (in-)direkt am Wada-Tisch mitentscheidet, zu tricksen beginnt?

Spielen dann erneut Seilschaften, braucht es wieder Whistleblower und Medien, um den Druck auf die Wada so hoch zu halten, dass sie handeln muss? Erst ein zweiter grosser Stresstest wird darum zeigen, wie viel die Jubilarin an Form zugelegt hat – und wie gut sie ist.

Erstellt: 16.11.2019, 08:59 Uhr

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