Die gefährlichste aller Sportarten

Kein Sport verzeichnet mehr Gehirnverletzungen als US-Football. Die Profiliga NFL kehrte das Problem jahrzehntelang unter den Teppich.

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Sie sind die Gladiatoren des modernen Sports: Professionelle amerikanische Footballspieler, gefährdet trotz Schutzhelmen und wattierten Uniformen. Schnelles Antrittsvermögen, hohe Geschwindigkeit und ein Gewicht von oftmals über 120 Kilo zeichnen die mehrheitlich afroamerikanischen Spieler aus. Und wenn die hünenhaften Gestalten aufeinander losgehen, bleibt kein Auge trocken: In kaum einer anderen Sportart – nicht einmal beim Eishockey! – ist die Verletzungsgefahr ähnlich hoch wie in der Profiliga National Football League (NFL).

Nirgendwo sonst werden so viele Gehirnerschütterungen verzeichnet und gibt es so viele ehemalige Spieler, die unter Demenz, an der Alzheimer-Krankheit sowie am Parkinson-Syndrom als Folge chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) leiden. Troy Aikman, einst Star-Quarterback der Dallas Cowboys, konnte sich nach einer schweren Gehirnerschütterung nicht mehr daran erinnern, dass er überhaupt auf dem Spielfeld gewesen war. Rayfield Wright, einst Defensivspieler beim selben Club, wird wegen seiner vielen Gehirnerschütterungen von Demenz und Gedächtnisverlust geplagt.

Das Milliardengeschäft Football

Und dann sind da die Selbstmorde berühmter Ex-Spieler: Junior Seau von den San Diego Chargers, Dave Duerson von den Chicago Bears und andere. Autopsien ergaben, dass sie alle an CTE litten. Die NFL hingegen verniedlichte die Gefahren für die Spieler über Jahrzehnte hinweg: Football ist ein Milliardengeschäft, Fans sowie Eltern, deren Kinder bereits in der Schule Football spielten, sollten ja nicht beunruhigt werden.

Als «journalistische Aufgeregtheit» tat der ehemalige NFL-Präsident Paul Tagliabue die ersten Warnungen vor den gesundheitlichen Folgen des Sports ab. Und ein erstes Komitee der NFL zur Untersuchung möglicher Auswirkungen von Gehirnerschütterungen wurde von einem Rheumatologen geleitet. Noch 2003 konstatierte ein NFL-Bericht, «die Rückkehr ins Spiel» nach einer Gehirnerschütterung präsentiere «kein signifikantes Risiko». Unterdessen häuften sich alarmierende neurologische Befunde und Forschungsergebnisse: Wiederholte Gehirnerschütterungen setzten die NFL-Recken einer erhöhten Gefahr von CTE und anderen neurologischen Krankheiten aus.

Klage von mehr als 4000 ehemaligen NFL-Spielern

2009 musste sich NFL-Präsident Roger Goodell vor dem Kongress unangenehme Fragen gefallen lassen, zum Thema aber wurden die neurologischen Schäden der Spieler vor allem durch die Selbstmordserie 2012 sowie eine Klage von mehr als 4000 ehemaligen NFL-Spielern, die ebenfalls 2012 vor einem Bundesgericht in Philadelphia eingereicht wurde. Die NFL bot eine Summe von 765 Millionen Dollar an, um Spielern künftig bei medizinischen Problemen zu helfen. In den kommenden Wochen müssen sich die Spieler entscheiden, ob sie das Angebot annehmen.

Ausserdem sind inzwischen mehrere andere Prozesse vor US-Gerichten anhängig, darunter erstmals eine Klage gegen einen einzelnen Club: Im Dezember 2013 reichten fünf Ex-Spieler eine Klage gegen die Kansas City Chiefs ein. Sie wollen wissen, zu welchem Zeitpunkt der Verein über die Folgen von Gehirnerschütterungen Bescheid wusste.

Eltern verbieten ihren Kindern, Football zu spielen

Die NFL hat inzwischen die Spielregeln geändert, um besonders brutale Attacken auf dem Spielfeld zu unterbinden. Auch waren in der Saison 2013/2014 erstmals bei jedem Spiel Neurologen präsent. Trotzdem werden weiterhin Gehirnerschütterungen verzeichnet. und Zuschauer in den Stadien wie vor den TV-Bildschirmen applaudieren nach wie vor bei besonders harten körperlichen Einsätzen. Zwar sollen neue Schutzhelm-Technologien sowie Gelder für neurologische Forschung die Gesundheitsrisiken der NFL-Spieler vermindern. Immer mehr amerikanische Eltern aber weigern sich, ihre Kinder Football spielen zu lassen.

Auf einer Konferenz zum Problem der Gehirnerschütterungen in Sportarten wie Football, Eishockey, Lacrosse und Fussball Ende Mai im Weissen Haus mahnte Präsident Obama, die «Kultur des Sich-Zusammenreissens» beim Sport müsse sich verändern. Football aber ist gemäss Zuschauerzahlen weiterhin die beliebteste amerikanische Sportart – und dazu die einträglichste. Trotz der horrenden Risiken für die Spieler wird der Sport deshalb bis auf weiteres amerikanische Wochenenden dominieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.07.2014, 11:37 Uhr

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