Die letzten Gänge des Königs

Der Weg zum Titel beim Eidgenössischen Schwingfest in Frauenfeld führt für Jörg Abderhalden ab morgen an einer Berner Phalanx vorbei.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jörg Abderhalden könnte mit seinem vierten Königstitel eine ohnehin glanzvolle Karriere krönen. Sie begann mit dem Überraschungssieg des 19-jährigen Toggenburgers beim Schwingfest 1998 in Bern. In den letzten zwölf Jahren wurde Abderhalden zum erfolgreichsten Schwinger seit Gründung des Verbands 1895. Nach der schweren Knieverletzung vor einem Jahr kämpfte er sich für seinen letzten Auftritt zurück. Wenn er sich nicht bereit fühlte, würde er in Frauenfeld nicht antreten. Seine schwingerische Klasse, seine athletische Verfassung und sein Selbstvertrauen machen ihn auch beim fünften Eidgenössischen zum Favoriten, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten nie ein über 30-jähriger Schwinger die Krone gewann.

Abderhalden begann vor drei Jahren in Aarau mit einem Gestellten, hatte im zweiten Gang gegen Hans-Peter Pellet einen bangen Moment zu überstehen, war dann aber nicht mehr zu stoppen. Einen ähnlich spektakulären Schlussgang wünschen sich für Frauenfeld alle. 2001 und 2004 endeten mit Gestellten.

Schon 2007 galten die Berner als erste Herausforderer der dominanten Nordostschweizer. Nach dem ersten Tag führte mit Willy Graber einer der starken Jungen. Am Sonntag mussten sie aber ihre Grenzen erkennen. Diesmal erscheint die Ausgangslage noch besser für den Kantonalverband, der seit Silvio Rüfenacht 1992 in Olten auf einen König wartet. Immerhin siegte 1966 beim ersten Eidgenössischen in Frauenfeld mit Ruedi Hunsperger ein Berner. Ein Quintett, das drei Jahre mehr Erfahrung hat, bildet heute die Spitze des Teams, während die NOS-Stars Abderhalden, Nöldi Forrer und Stefan Fausch zuletzt vor allem mit Verletzungen kämpften.

Ist Kilchberg-Sieger Stucki fit?

Der 25-jährige Seeländer Christian Stucki galt nach seiner hervorragenden Saison 2009 und dem Sieg beim Kilchberger 2008 als logischer Anwärter auf den Titel. Die laufende Saison war für den gemütlichen Riesen aus Schnottwil, der sich wie Abderhalden von der IMG vertreten lässt, bisher eher durchzogen. Dafür war er in den Medien präsenter als alle anderen Athleten. Mit dem überzeugenden Sieg am Schwarzsee meldete er sich rechtzeitig noch zurück. Fragezeichen zur Fitness bleiben aber.

Der ehrgeizige Oberaargauer Matthias Sempach wirkt wie ein Gegenentwurf zu Stucki. Der 24-jährige Metzger gilt mittlerweile als der Topathlet der Schwinger. Zuletzt arbeitete er mit dem bekannten Krafttrainer Jean-Pierre Egger. Am Berner Kantonalen zwang er Stucki im Schlussgang auf den Rücken. Es war dessen erste Niederlage seit knapp zwei Jahren. Für viele wäre Sempach der ideale Nachfolger des grossen Toggenburgers.

Aus der zweiten Berner Reihe starten Kilian Wenger, Matthias Siegenthaler und Matthias Glarner. Der erst 20-jährige Wenger gewann drei Kranzfeste und hatte Abderhalden als Gast beim NOS-Teilverbandsfest in Näfels im ersten Gang auf dem Rücken – wenigstens sahen es die Zuschauer so, nur der Kampfrichter nicht. Abderhalden schlug die Nachwuchshoffnung aus dem Diemtigtal dann mit seinem Konter und liess sich auf seinem Notenblatt die maximale Punktzahl von 60 gutschreiben.

Wichtige Rolle der Mannschaft

Die Rolle von Glarner und Siegenthaler könnte je nach Verlauf des Festes sein, die Favoriten aus dem NOS-Gebiet oder der Innerschweiz zurückzubinden. Traditionell spielt die Leistung der Mannschaft an einem solchen Anlass eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Die Innerschweizer warten seit Harry Knüsel (1986) auf ihren zweiten König. Der 4-fache Festsieger Philipp Laimbacher ist diesmal der Vorkämpfer. Immerhin war er schon einmal Zweiter (2004) und einmal Dritter (2007). Eine noch bessere Saisonbilanz verscherzte sich der 28-Jährige aus Seewen im Schlussgang auf dem Brünig. Der überlegene Laimbacher suchte gegen Martin Grab den Sieg zu ungestüm und lief in einen Konter des Altmeisters, der in der Thurgau-Arena Aussenseiterchancen hat.

Erstellt: 20.08.2010, 10:45 Uhr

Artikel zum Thema

Das Eidgenössische beginnt mit einem Kracher

Im Anschwingen des Eidgenössischen in Frauenfeld kommt es bereits am Samstag zu einem Favoriten-Duell. Mehr...

«Gigantismus passt nicht zum Schwingsport»

Das Eidgenössische Schwingfest in Frauenfeld hat Dimensionen angenommen, die nicht überall bloss Zustimmung finden. Selbst der Obmann des Verbandes hat Befürchtungen. Mehr...

Frauen, bös, mit Sägemehlfetisch

Beim Eidgenössischen Schwingfest kommenden Samstag sind Frauen nicht zugelassen, obschon auch sie sich gern gegenseitig ins Sägemehl schmeissen. Wir haben die böseste Schwingerin getroffen. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...