Die meistgehassten Frauen des Sports

Transsexuelle Spitzenathletinnen erkämpfen sich einen Platz in der Elite. Dafür werden sie von Kritikern übel beleidigt.

Als erste Transathletin an Olympische Spiele? Die brasilianische Volleyballerin Tifanny Abreu.

Als erste Transathletin an Olympische Spiele? Die brasilianische Volleyballerin Tifanny Abreu. Bild: Keystone

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Tifanny Abreu ist eine unübersehbare Frau: 1,92 Meter gross, 85 Kilogramm schwer, den linken Oberarm tätowiert. Die schlaggewaltige 34-jährige Brasilianerin zählt zu den besten Volleyballerinnen ihres Landes und hat exzellente Perspektiven, im nächsten Jahr an den Olympischen Spielen dabei zu sein.

Damit könnte die Athletin in die Sportgeschichte eingehen. Denn Tifanny Abreu kam am 29. Oktober 1984 als Rodrigo zur Welt und spielte als Mann in Portugal, Belgien und Italien professionell Volleyball. Vor sieben ­Jahren entschied sie sich zur Geschlechtsanpassung. 2017 debütierte sie als Tifanny in der obersten brasilianischen Frauenliga und sorgte rasch für viele Punkte für ihr Team Sesi Vôlei Bauru. Als erste transsexuelle Sportlerin könnte sie an Spielen partizipieren.

Nach ihrer Premiere in der Superliga setzte umgehend eine Diskussion im Volleyballaffinen Brasilien ein, ob Abreus Integration in die Frauenliga fair sei. Im Minimum profitiere sie doch von ihrer aussergewöhnlichen Grösse und Schlagkraft. Eine der prominentesten nationalen Spielerinnen urteilte öffentlich: «Ich habe nichts gegen sie. Aber sie gehört nicht in unsere Liga.»

Die Aussage ist noch zurückhaltend. Seit sich Abreu entschied, ihren Beruf als Frau weiter auszuüben, muss sie regelrechte Shitstorms über sich ergehen lassen, weil sie sich als Pionierin für Transgender-Athleten sieht und ihrem Anliegen auch ein sehr öffentliches Gesicht gibt. «Der Mann passt nicht in ein Frauenteam», zählt da zu den harmloseren Kommentaren.

Der Abwehrreflex gegen scheinbar übermächtige Sportlerinnen, die von der Kraft und Schnelligkeit ihrer früheren Männerkörper profitieren würden, ist relativ neu. Denn erst in den letzten Jahren haben sich Transfrauen und -männer einen Platz im Elitesport erkämpft. Wobei sich die Diskussion stets auf Männer bezieht, die ihr Geschlecht anpassen liessen und zu Frauen wurden.

Der polemische Tennisstar

Wie kontrovers die Debatte geführt wird, lässt sich an Martina Navratilova zeigen. Die frühere Tennisgrösse ist lesbisch und eine prominente Fürsprecherin für Lesben (und Schwule) im Sport. Trainiert wurde Navratilova in den 1980er-Jahren kurz von Renée Richards. Sie war die erste prominente Transsexuelle im Topsport und erlebte Ende der 1970er-Jahre, wie der Tennissport reagiert, wenn sich eine aussergewöhnliche Frau in den Kreis der Besten spielt: mit weit verbreiteter Ablehnung.

Ausgerechnet deren Schützling Navratilova aber schrieb in der «Sunday Times»: «Männer als Frauen teilnehmen zu lassen, sobald sie den Namen wechseln und Hormone einnehmen, ist unfair.» Navratilova setzte noch einen drauf, indem sie twitterte: «Es muss Standards geben. Einen Penis zu haben und bei den Frauen zugelassen zu werden, gehört nicht zu diesem Standard.»

Damit spielte Navratilova auf die Regeln des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) bezüglich Transfrauen an. Erstmals hatte das IOK vor 16 Jahren den Umgang mit ihnen reglementiert. Das IOK verlangte damals: eine Geschlechtsanpassung, also Operation. Legale Anerkennung als Frau. Eine Hormontherapie über einen so langen Zeitraum, dass der Geschlechtsvorteil minimiert sei.

2016 passte das IOK diese Regeln an. Eine Geschlechtsanpassung verlangt es keine mehr, dafür unter anderem, dass der Testosteronlevel einer Transathletin seit minimal zwölf Monaten unter 10 nmol/L liege.

Um die Polemik von Navratilova also aufzunehmen: In der Theorie könnte in der Frauenkategorie gemäss IOK tatsächlich eine Frau mit Penis starten – ­sofern diese Transfrau die Auflagen erfüllt.

Der Penis entscheidet nicht über die Leistungsfähigkeit einer Person.

Nur: Der Penis entscheidet nicht über die Leistungsfähigkeit einer Person. Die Aussage mag absurd klingen, ist in der Wissenschaft aber Konsens. Er bildet schlicht die offensichtliche Sichtbarkeit des «Mannseins» ab. Dieses wiederum wird wesentlich vom Sexualhormon Testosteron geprägt und erklärt, warum das IOK verlangt, dass transsexuelle Athletinnen ihren Level konstant unter 10 nmol/L drücken müssen.

Nur die Theorie überzeugt

Die Theorie geht so: Knaben und Mädchen weisen praktisch die gleiche sportliche Leistungsfähigkeit auf. Sobald sie in die Pubertät kommen und das Sexualhormon Testosteron bei den Buben im Vergleich zu den Mädchen massiv zunimmt, entwickeln sich die Leistungen auseinander – weil die Buben im Verhältnis mehr Muskeln aufweisen und damit im Schnitt schneller und kräftiger sind.

Vergleicht man darum die Weltrekorde von Frauen und Männern, sind Männer acht bis zwölf Prozent leistungsfähiger. So weit die Theorie, die wissenschaftlich absolut unumstritten ist. Dem Testosteron bzw. seiner Menge im Körper schreibt die Wissenschaft bezüglich Leistungsfähigkeit also eine Schlüsselrolle zu.

Bloss kann dieselbe Wissenschaft diese Theorie in der Praxis in Bezug auf Transsexuelle nicht belegen. Einer der wesentlichen Gründe liegt darin, dass es zum Thema kaum Arbeiten gibt. 2017 kam eine sogenannte Metastudie heraus. Sie schaute sich alle bislang publizierten Arbeiten an. Von den 31 Studien schloss sie 23 aus, weil sie mangelhaft waren. Blieben acht mit sehr kleinen Zahlen, weil es nun einmal wenige transsexuelle Topathletinnen gibt. Das Fazit der Autoren dieser Metaanalyse: «Es existieren keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte, dass transsexuelle Frauen sportliche Vorteile aufweisen würden.»

100000 Hassbotschaften

Trotzdem diskriminiert der Sport diese Frauen systematisch: Das IOK verlangt, dass Transfrauen ihr Geschlecht nach dem Identitätswechsel vier Jahre nicht ändern dürfen, wollen sie in der Frauenkategorie starten. In manchen Disziplinen dürfen Transsexuelle – egal, ob Mann oder Frau – gar nicht teilnehmen (etwa US-Powerlifting), in anderen ist der Umgang mit ihnen schlicht nicht reguliert.

Zudem fehlt Transgender-Athleten fast jegliche Lobby. Als die Amateur-Radfahrerin Rachel McKinnon im letzten Herbst Bahn-Weltmeisterin über 200 Meter wurde, erhielt sie via Twitter 100 000 Hassbotschaften. «Mann, verzieh dich aus unserem Sport» war eine, die McKinnon öffentlich machte.

Wie Volleyballerin Abreu ist die Philosophieprofessorin in den sozialen Medien sehr aktiv und eine feurige Verfechterin ihrer Rechte. Dies scheint ihre Kritiker regelrecht anzustacheln. McKinnon forderte ihren Verband auf, gegen die Primitivsten von ihnen vorzugehen. Er wurde nie aktiv.

McKinnons Kritiker sollten sich einmal mit der grössten Studie zu den Auswirkungen von Testosteron auf Topniveau auseinandersetzen. Verfasst hat sie der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF). Er versuchte unter anderem mit ihr zu belegen, weshalb er Intersexuellen wie 800-m-Olympiasiegerin Caster Semenya vorschreibt, dass sie ihren Testosteronlevel auf unter 5 nmol/L senken müssen – was die IAAF gemäss Sportgerichtshof neu tun darf.

Verlierer und Verliererinnen

Zwei Aussagen fallen auf: 1. Gemäss Autoren haben Männer mit viel Testosteron keinen Leistungsvorteil im Vergleich zu Männern mit tiefem Testosteron. 2. Bei den Frauen sind die Daten im Minimum widersprüchlich. So waren 100-m-Sprinterinnen mit tiefem Testosteronlevel schneller als jene mit hohem. Dabei ist der Kraftanteil im Sprint entscheidend. Selbst bei den Wurfdisziplinen, wo der Kraftfaktor bestimmend ist, schnitten zwar Frauen mit hohem Testosteronlevel bei Diskus, Hammer und Kugel besser ab, nicht aber beim Speer.

Die Wissenschaft kann zum Thema also noch keine schlüssigen Antworten liefern. Darum hat das IOK im März die Forscherwelt wissen lassen, dass es 100 000 Dollar für entsprechende Studien zur Leistungsfähigkeit von Transgender-Athleten bereitstelle, um eine hitzige Debatte zu versachlichen und für dringend benötigte Fakten statt Meinungen zu sorgen.

Ansonsten gibt es in diesem diffizilen Thema weiter nur eines: Verlierer und Verliererinnen.

Erstellt: 23.05.2019, 06:33 Uhr

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