Donner und Blitz

Vielleicht tun uns Internetmenschen solche Momente ohne Verbindung zur Welt gut. Wir könnten glauben, Feuz hätte Gold geholt. Und Basel noch zum 4:4 ausgeglichen.

Kein Netz – keine Information: Ein Unwetter hatte auf einer Insel im indischen Ozean informationstechnische Folgen.

Kein Netz – keine Information: Ein Unwetter hatte auf einer Insel im indischen Ozean informationstechnische Folgen. Bild: Keystone

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Es blitzte und donnerte, der Lärm kam fast gleichzeitig mit dem Licht, und es leuchtete und grollte und krachte minutenlang. Es war plötzlich taghell, mitten in der Nacht auf dieser Insel im Indischen Ozean, ein imposantes Schauspiel der Natur, ich war aufgeschreckt, und neben mir im Bett lag das Handy, das Display schwarz. Ich musste eingeschlafen sein, das Letzte, was ich noch wahrgenommen hatte und nun im Kopf blieb, war Basel null, Manchester City vier, erst eine Stunde gespielt, und ein Bild von Pep Guardiola, wie er am Spielfeldrand wild fuchtelte und besorgt blickte, als stünde es umgekehrt.

Das Display blieb schwarz. Kein Signal, später dann: «Keine Internetverbindung.» Mamma mia! Es blitzte und donnerte weiter. Und als es nach einer halben Stunde aufhörte und die Nacht wieder ruhig wurde, nur Frösche quakten und die Fledermäuse wieder flogen, blieben wir abgeschnitten von jeglichen Informationen aus der Welt, vielleicht endete es in Basel ja 0:10, vielleicht schöpfte der FCB nochmals Hoffnung, keine Ahnung. «Keine Internetverbindung.» Im ersten Augenblick verwirrend und ärgerlich, mit etwas Nachdenken, und dafür hatte man ja Zeit, auch wohltuend.

Ich hatte allerdings extra eine App heruntergeladen, die es ermöglichen soll, überall auf der Welt und auch auf einer sehr fernen Insel Sender wie SRF 2 zu empfangen und vor allem ein Ereignis dieser Olympischen Winterspiele nicht zu verpassen, die Abfahrt der Männer, wenigstens auf dem kleinen Bildschirm des Handys. Das Unwetter hatte aber informations-technische Folgen. Auch zwei Tage später noch, als die Abfahrt in Pyeongchang neu angesetzt war, gab es keinen Kontakt, keine App, kein SMS, keinen Teletext, nichts funktionierte. Ich wusste nicht, ob es Beat Feuz nun geschafft hatte oder nicht.

Erst später habe ich es erfahren. 18 Hundertstelsekunden war er zu langsam, Bronze statt Gold. Das Rennen habe ich seither nie gesehen. Skirennen zu verfolgen, wenn man weiss, wie sie ausgegangen sind, macht wenig Spass. Warum gewinnt einer, warum verliert einer, warum ist einer 18 Hundertstel schneller als der andere? Wir wissen das fast nie, wenn wir ein Rennen und besonders eine Abfahrt im Fernsehen live verfolgen. Wir brauchen die Zeit, die am Bildschirm mitläuft und uns sagt, ob nun einer oder eine schnell oder nicht ganz so schnell ist. Leuchtet Grün auf, ist es gut, Rot gleich schlecht. 18 Hundertstelsekunden sind einige Zenti­meter Differenz.

Und würden wir uns das Rennen erst Tage später ansehen, dann käme vielleicht die Hoffnung auf, dass die Zeit, bitte, bitte, doch etwas früher stehen bleibt, dass es anders ausgehen soll, als es ausgegangen ist, auch wenn wir inzwischen wüssten, dass es nur so ausgehen kann.

Aber vielleicht tun uns Internetmenschen ja solche Momente ohne Verbindung zur Welt gut. Von allem, was überall passiert und von dem wir glauben, wir müssten es sofort wissen, erfährt man nichts. Es müsste mehr blitzen und donnern. Wir könnten glauben, Feuz hätte Gold geholt. Und Basel noch zum 4:4 ausgeglichen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.02.2018, 20:05 Uhr

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