Ein Film von Rosamunde

Beim Espresso reden Luca und Bruno über Trennungen und Zweckgemeinschaften.

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Luca kommt gar nicht dazu, vorzuschwärmen, wie viele Kilometer er in der letzten Woche gelaufen ist und wie wunderbar sich das anfühlt, in dieser melancholischen Herbststimmung im Wald und am See, abends im Dämmerlicht, und wie gern er das plötzlich macht, mit dem nächsten Marathon in New York als grossem Ziel vor Augen.

Bruno will, noch bevor sie ihren Espresso bestellen können, über etwas anderes reden. Er nimmt sein iPhone, tippt wild herum, sucht in seiner Adressliste nach Namen, zufällig, er hätte auch andere wählen können, und beginnt mit diesem: «Die Bärtschis, du kennst sie flüchtig», bei einem Apéro in einer Galerie habe er sie Luca mal vorgestellt, er Anwalt, sie führe eine Boutique. Die beiden hätten den ganzen Abend kaum miteinander gesprochen, aber sich mit anderen amüsiert, sie hätten nicht mehr wie ein harmonisches Paar gewirkt oder eben wie eines, das sich 30 Jahre lang kennt, und irgendwie hätten sie sich damit arrangiert, jeder habe seine eigenen Interessen, doch würden sie stets gemeinsam auftreten.

«Wie viele andere auch», versucht Luca einzuwenden.

Bruno sucht in seinem Handy nach anderen Namen. «Oder die hier, die Krähenbühls, du kennst ihn, er arbeitet bei der UBS. Vor einem Jahr haben wir uns mal in der Kronenhalle getroffen, und da hat er mir gesagt – und er trank einige Gläser an diesem Abend –, es gehe nicht mehr, endgültig, er müsse sich trennen, sie könnten einander nicht mehr in die Augen schauen. Ich fand damals auch, eine Trennung sei besser. Und heute? Sie sind weiterhin zusammen, gestern habe ich sie in der Stadt gesehen, sie wirkten zufrieden.»

Luca hört zu, und da er Bruno kennt und weiss, dass Bruno gerne Geschichten erzählt, um damit eine ganz andere Geschichte zu erklären, überlegt er kurz, was diesmal der Hintergrund sein könnte. Bald sagt er: «Skibbe und Salatic, der Trainer und der Spieler bei den Grasshoppers, und ihre Fehde in aller Öffentlichkeit und auch vor ­Gericht, du willst über sie reden.»

Bruno: «Genau.»

«Aber», fragt Luca, «was haben Skibbe und Salatic mit den Bärtschis und den Krähenbühls zu tun? Das ist doch nur ein Affentheater. Im Fussball ist es viel einfacher als im richtigen Leben, ein Team ist immer nur eine Zweckgemeinschaft.» Luca erregt sich: «Dieses blöde Geschwätz von elf Freunden und diese geheuchelten Sätze in TV-Mikrofone, das Tor sei das Verdienst der Mitspieler und der Dank gebühre ihnen – alles nur Schauspiel. Fussballer sind Egoisten, jeder ist sich selber am nächsten. Skibbe und Salatic müssen nur eines: alles tun, damit GC wieder Spiele gewinnt. Die müssen nicht miteinander in die Ferien und ins Bett schon gar nicht, jeder hat seine Aufgabe, der eine stellt die Richtigen auf, der andere spielt, ihre Rollen sind klar, Gefühle spielen keine Rolle.»

«Nein, Luca», widerspricht Bruno, «im Fussball ist alles viel komplizierter. Alles, was hier gesagt wird, jedes Wort, alle ihre Gesten, ihre Mimik, ist öffentlich. Wir alle sind Zuschauer in diesem Theater. Weil Skibbe einmal zugab, das Tuch sei zerschnitten, wird er damit ständig zitiert. Stell dir vor, wir wüssten alles, was die Bärtschis und die Krähenbühls einander schon gesagt und an den Kopf geworfen haben.»

Luca ist schon aufgestanden, zieht seinen Mantel an, nimmt den letzten Schluck seines dritten Espresso an diesem Morgen, vor ihm liegt eine Zeitung mit dem Bild, wie sich Skibbe und Salatic strahlend begegnen, am Samstag im Letzigrund, und er sagt: «Stimmt, es ist eigentlich kein Affentheater, es ist ein Film von Rosamunde Pilcher. Wie vieles im Leben.»

fredy.wettstein@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 21:54 Uhr

Fredy Wettstein.

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