«Ein Mann, der wie unser Tal ist»

Das Diemtigtal hat Schwingerkönig Kilian Wenger einen grandiosen Empfang bereitet.

Der König und seine Kutsche: Kilian Wenger trifft im Diemtigtal ein.

Der König und seine Kutsche: Kilian Wenger trifft im Diemtigtal ein. Bild: Keystone

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«Ja, eh, liebi Lüt», sagt Kilian Wenger nach einer langen Stunde endlich. Er steht mit seinem Kranz auf der Bühne in der Turnhalle der Schulanlage Oey in der Gemeinde Diemtigen. Vor ihm haben gegen zehn Personen gesprochen. Und nun warten Hunderte von Menschen, die seinetwegen gekommen sind und zum grössten Teil draussen auf dem Schulhausplatz stehen und all die Lobesreden über Lautsprecher vernomen haben, auf das, was der Schwingerkönig zu sagen hat.

Doch Kilian Wenger ist kein Mann der grossen Worte. Er habe in Frauenfeld etwas erlebt, fährt er fort, was er noch nie erlebt habe. Und schon kommt er zum Schluss: «Ich danke Euch für das, was Ihr auf die Beine gestellt habt.» Seine Gefühle, «so, wie es bei mir aussieht», liessen sich in einem Satz beschreiben: «Ich sage auch, Freude herrscht!»

Der Satz des alten Bundesrates

Mit dieser Aussage knüpft er an Alt-Bundesrat Adolf Ogi an, der vor ihm und deutlich länger gesprochen hat. Und vor heimischem Publikum ungemein in Fahrt gekommen war: Er dürfe ihn fast nicht mehr sagen, meinte dieser, «aber heute muss er noch einmal raus»: Und dann rief er seinen berühmten Satz in den Saal, den er seinerzeit ins All zum Astronauten Claude Nicollier emporgeworfen hatte. Der Schweiz habe nichts besseres passieren können als der Sieg von «Herrn Wenger». Ihn dutze er noch nicht, sagte Ogi, schliesslich sei dieser ein König «und ich nur ein alter Bundesrat.»

Der Muni kam auf dem Landweg

Die Menschen in der Turnhalle und auf dem Schulhausplatz jubeln und klatschen immer wieder. Schon als um 19 Uhr Kilian Wenger mit einem Helikopter auf einer Wiese neben der Dorfstrasse landet, sind Hunderte von Menschen ausser sich. Sie strecken die Hände, Fotoapparate und Kinder in die Höhe. Sie winken, jubeln und pfeifen. Fast an jedem Haus hängt ein beschriebenes Leintuch. «Kilian unser König», oder «Bravo Kilian».

Als das Triebwerk des Helikopters verstummt, lassen Alphornbläser ihre Instrumente erklingen. Der 20-jährige Schwingerkönig empfängt erste Gratulationen, Fotoapparate blitzen. Nun führt er seinen Muni, der auf dem Landweg aus dem Thurgau ins Berner Oberland gekarrt wurde, die Dorfstrasse hinunter. Kilian Wenger schreitet daher, und er strahlt, wie nur ein Mensch strahlen kann.

Kurz bevor der Helikopter landete, orienterte der Vizefeuerwehrkommandant Thomas Gartwyl seine Leute. «Schottet ihn dann ein bisschen ab». Das geschieht schliesslich mit einer beidseitigen Menschenkette die mit Wenger mitwandert. Doch die Ketten wären gar nicht nötig. Es gibt niemanden, der nach vorne drängt. Zu diesem Zeitpunkt scheint ab und zu die Sonne.

Das Tal der Könige

Schon den ganzen Tag über haben die Menschen in Diemtigen Vorbereitungen getroffen. Um 17 Uhr spannen Handwerker eine kurzfristig und eigens angefertigte Blache über die Strasse. «Das Diemtigtal gratuliert seinem Schwingerkönig», steht darauf in grossen Lettern. Ueli Sahli, Präsident von Diemtigtal Tourismus und Geschäftsführer des geplanten Naturparks, steht daneben. Seine Augen funkeln fast, als er sagt: «Iu!» Das ist seine kurze Antwort auf die rhetorische Frage, ob Wengers Sieg positive Auswirkungen haben werde aufs Diemtigtal. «Iu» bedeutet Ja.

Dieser Sieg sei «genial, phantastisch», sagt Sahli und spricht vom «Tal der Könige». Bereits 1972 hatte David Roschi den Titel des Schwingerkönigs ins Niedersimmental gebracht. Er lebt heute noch in Oey, einem Dorfteil der Gemeinde Diemtigen. Bis zu seiner Pensionierung Anfang Jahr führte er den Eisenwarenladen oberhalb des Restaurants Hirschen. Sie habe jetzt noch viele Kunden aus Schwingerkreisen, sagt seine Nachfolgerin kurz bevor der Helikopter landet.

«An den lieben König»

Gemeindepräsident Peter Knutti, der sich kurz vor der Ankunft des neuen Helden in einen eleganten Anzug geworfen hat, würdigt in seiner Ansprache an den «lieben König Kilian» vor allem dessen sportliche Leistung. Aber auch er kam auf die Bedeutung fürs Diemtigtal zu sprechen. Er sei unsäglich stolz, einen Mann «in unseren Reihen» zu wissen, «der wie unser Tal ist: Gross, natürlich stark, erfolgreich und gleichermassen bescheiden.» Knutti ist nicht etwa Werbetexter, er ist Bauer und vom Heustock kam er am Sonntag erst für den Schlussgang herunter.

Kilian Wenger sitzt zusammen mit dem Kranzgewinner Beat Wampfler und zwei weiteren Frauenfeld-Schwingern aus dem Diemtigtal auf dem Podium. Er lässt all die Reden in aller Ruhe über sich ergehen. Manchmal reibt er die Hände aneinander oder nimmt einen Schluck Wasser. Offenbar hat er schon ein bisschen einen trockenen Mund: Wie er so dasitzt, sieht man viel besser als im Fernsehen, wie jung er noch ist.

Erstellt: 24.08.2010, 08:41 Uhr

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