Ein Schuh wird zum Problem

Seit Nike ein Modell entwickelte, das seine Läufer bevorteilt, hat der Rest der Topathleten einen Wettbewerbsnachteil – der Sportartikelgigant hingegen einen Lauf.

Das ist der «Vaporfly Next %» von Nike. (Bild: Screenshot www.nike.com)

Das ist der «Vaporfly Next %» von Nike. (Bild: Screenshot www.nike.com)

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Im Langstreckenlauf ist ein neues Zeitalter angebrochen. Vordergründig dafür verantwortlich ist der Kenianer Eliud Kipchoge. Er drückte im Herbst den Marathonweltrekord auf 2:01:39 Stunden. Kipchoge war 78 Sekunden schneller als sein Vorgänger. Letztmals hatte ein Athlet vor 51 Jahren diesen Prestigerekord um mehr Sekunden unterboten.

Inzwischen weiss man mit hoher Wahrscheinlichkeit: Kipchoges Coup ist weniger auf seine gesteigerte Form als auf seine Schuhwahl zurückzuführen. Denn er unterbot die Zeit primär dank eines neuen Modells seines Sponsors Nike. Dieses verbessert selbst bei Ausnahmekönnern wie Kipchoge die Laufökonomie. Er verbraucht folglich weniger Energie als bei gleichem Tempo mit anderen Schuhen. Ergo kann Kipchoge länger schnell laufen.

«Vaporfly 4%» nennt Nike seinen Schuh, in Anspielung an die um 4 Prozent verbesserte Laufökonomie. Eine Analyse der «New York Times» mit einem riesigen Datensatz offenbarte im vergangenen Jahr: Wer den Vaporfly im Wettkampf trägt, verbessert nicht nur seine Laufökonomie, sondern rennt im Schnitt auch deutlich schneller als mit anderen Schuhen. Wer ihn trägt, verbessert mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent seine Marathonbestzeit, die er mit einem anderen Schuhmodell erzielt hat.

300 Franken in der Schweiz und die geänderte Strategie

Nike hatte seinen Schuh bei der Lancierung 2017 damit beworben, dass dieser der ultimative Schnellmacher im Markt sei. Weil die Aussage aber auf einer Studie basierte, die Nike initiiert hatte, tat man den oft vollmundigen Sportartikelgiganten einmal mehr als Lautsprecher ab – bis die «New York Times» lieferte und zwei weitere unabhängige Studien diese Ergebnisse stützten. Ab diesem Zeitpunkt brauchte Nike bloss noch ausreichend Vaporflys zu produzieren, weil jeder zeitaffine Läufer nach dem Superschuh verlangte.

War die erste Version kaum erhältlich und auf dem Schwarzmarkt mehrere Hundert Dollar teuer, änderte Nike die Strategie mit der zweiten Generation und liess ausreichend viele Paare herstellen. Absatz finden sie, obschon der Schuh in der Schweiz rund 300 Franken kostet (in den USA 250 Dollar). In der Schweiz zählt ein Laufschuh jenseits der 180 Franken zum Premium- und damit Nischenbereich. In den USA beträgt der Durchschnittspreis für einen Laufschuh rund 100 Dollar.

Nike setzte den Vaporfly also superhochpreisig an – und hat dank der erwiesenen Schnellmacherdienste den Traum jedes Herstellers kreieren können: einen Renner. Bald kommt die neuste Version auf den Markt. Mit 275 Dollar wird sie noch teurer sein als der ohnehin schon teure Vorgänger.

Auch die Nummer 2 ist von Nike

Insgesamt bringt Nike die anderen Schuhhersteller unter Zugzwang. Zumal die Amerikaner gemäss der «New York Times»-Daten auch den zweitschnellsten Schuh liefern können. Dieser klare Vorteil sorgt unter den Weltklasseläufern für rote Köpfe. Schliesslich fühlen sich Athleten mittlerweile benachteiligt, die keine Nike tragen dürfen, weil sie von einem anderen Hersteller gesponsert werden.

Eliud Kipchoge, 34: Der schnellste Marathonläufer der Welt profitiert auch vom schnellsten je gebauten Schuh. (Bild: Redux/Laif)

Eine der bizarrsten Szenen diesbezüglich liess sich im Januar am Dubai-Marathon beobachten: Der Äthiopier Herpassa Negasa ? von Adidas gesponsert ? kaufte sich einen Vaporfly, malte ihn mehr schlecht als recht um und rannte auch dank ihm auf Platz 2 und zu klarer Bestzeit. Dass er seinen Hauptsponsor mit dieser Aktion maximal verärgerte, nahm Negasa in seiner Verzweiflung hin. Verständlicherweise: 68 Prozent aller Top-3-Athleten an den sechs weltgrössten Marathons trugen im vergangenen Jahr einen Vaporfly.

Maximale Herausforderung bis Tokio 2020

Und am Sonntag beim London-Marathon präsentieren sich Weltrekordhalter Kipchoge und Europarekordhalter Mo Farah mit dem neusten Modell. «Vaporfly Next %» heisst es, weil Nike bewusst offen lässt, um wie viel schneller es mit ihm noch geht. Mit diesem Schuh haben sich die Nike-Athleten in die Köpfe ihrer Gegner gelaufen. Wer weiss, dass er trotz gleich guter Verfassung wegen des Materials wohl chancenlos sein wird, ist bereits vor dem Start geschlagen. Bis im nächsten Jahr und den Olympischen Spielen in Tokio haben darum die anderen Schuhhersteller eine maximale Herausforderung zu lösen.

Immerhin hatten sie seit 2017 und der Lancierung nun Zeit, den Vaporfly bis ins kleinste Detail zu zerlegen und seine Geheimnisse zu erfahren. Nur: Was den Schuh exakt so schnell macht, hat man bislang nicht herausgefunden. Klar ist: Es hängt mit der superdicken Zwischensohle zusammen, die einen sehr hohen Teil der Energie zurückgibt, die ein Läufer aufwendet. Die Karbonplatte, die unter dem Schaumstoff liegt, begünstigt wiederum die Kraftübertragung.

Andere Hersteller versuchten sich aber auch schon an Schaumstoff mit sogenanntem Rebound-Effekt und an Karboneinlagen. Einen Vaporfly aber konnten sie nicht kreieren. Und Nike ist natürlich kein bisschen daran interessiert, das Geheimnis preiszugeben, sofern der Hersteller überhaupt exakt weiss, warum sein Schuh so funktioniert, wie er es tut.

Viktor Röthlins Pulswerte waren im Vaporfly viel tiefer

Das Ergebnis ist auf jeden Fall erstaunlich. So liess die «NZZ am Sonntag» den früheren Schweizer Marathonrekordhalter Viktor Röthlin erst mit dem Vaporfly und zehn Tage danach mit einem Asics DS Trainer eine 10-km-Strecke laufen – bei gleichem Tempo um 3:30 Minuten pro Kilometer. Mit dem Vaporfly lag sein Durchschnittspuls bei 162 Schlägen pro Minute. Mit dem Asics bei 171. Sein Maximalpuls fiel gar 18 Schläge höher aus.

Andere Vaporfly-Läufer berichten von ähnlichen Erfahrungen. Sie alle sind zwar singuläre Beispiele. In der Summe aber stimmen ihre Angaben mit denen überein, welche die «New York Times» publizierte und Vaporfly-Läufer derart beglückt. Dem Laufsport jedoch tut der Schuh nur bedingt gut. Schliesslich war der Einfluss des Materials bislang marginal. Wer einen Wettkampf gewann, verfügte über die bessere physische Verfassung und/oder mehr Glück im Genpool.

Aus diesem Grund sind Vergleiche mit Sportarten wie der Formel 1, in der Materialentwicklungen immer schon über Siege oder Niederlagen mitentscheiden konnten, schlecht gewählte. Im Laufen war dieser Aspekt ­irrelevant. Auch darum ist zu hoffen, dass die Konkurrenten von Nike wieder solche werden und rasch nachlegen können.



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.04.2019, 09:34 Uhr

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